Das sind: Piisciiss, Nova und Axid, die durch Tanz Kolumbien verändern wollen

Die „Voguing Protestierenden“ zeigen, dass man auch ohne Gewalt eindrucksvoll demonstrieren kann. Angst haben sie aber trotzdem.
Von Katrin Fischer
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Piisciiss, Nova und Axid auf der Demo am 28. April in Kolumbien.

Foto: Karen Montaño; Bearbeitung: jetzt

Das sind …

… Piisciiss, Nova und Axid – oder auch Akhil Canizales, Felipe Velandina und Andrés Ramos, so ihre eigentlichen Namen. Die drei sind Tänzer*innen aus Kolumbien, die vor allem über die sozialen Medien bekannt geworden sind. Piisciiss und Nova sind 25 Jahre alt und identifizieren sich als nicht-binär, also weder als Mann noch als Frau. Axid ist 20 und trans. „Wir queeren Menschen werden in Kolumbien von niemandem akzeptiert“, schreibt Piisciiss auf Anfrage von jetzt, „aber das werden wir ändern.“ Internationale Aufmerksamkeit erhielten die drei, nachdem sie am 28. April bei einer Demonstration mit ihrer Tanzeinlage vor dem Nationalkapitol von Kolumbien in Bogotá aufgefallen waren: Mit gelbem Absperrband um ihre sonst nackten Oberkörper geklebt tanzten sie vor einer jubelnden Masse.

In Kolumbien herrschen seit Ende April teils blutige Unruhen, ausgelöst durch eine vom Präsidenten Iván Duque geplante Steuer- und Gesundheitsreform. Die Reform wurde inzwischen zurückgezogen, doch die Demonstrant*innen protestieren weiter: gegen eine aus ihrer Sicht zu wirtschaftsfreundliche Politik, Korruption, Armut und Polizeigewalt - meist friedlich, zum Teil aber auch gewaltsam. Die Regierung geht mit Polizist*innen und der Spezialeinheit Esmad gegen die Demonstrierenden vor. Es gibt Berichte von brutalen Übergriffen durch Polizeibeamte. 

Die kommen …

... aus der queeren Szene in Kolumbien und fallen mit ihren außergewöhnlichen Outfits auf Instagram auf. Etwa im Schottenrock mit roter Krawatte oder im Crop-Top mit Leoparden-Print. Style bedeute für die drei mehr, als einfach nur gut auszusehen, so Piisciiss: „Wir möchten sichtbar für die anderen queeren Menschen in Kolumbien sein.“ Die drei gehören zur queeren Ballroom Culture. Die entstand in den 80er-Jahren in New York. Damals trafen sich queere Menschen – vor allem Afroamerikaner*innen und Menschen mit lateinamerikanischer Zuwanderungsgeschichte – zu Drag-Wettbewerben, bei denen die Teilnehmer*innen mit gesellschaftlichen Normen brachen. Bis heute sind Ballroom-Wettbewerbe ein wichtiger Bestandteil der LGBTQ*-Communities weltweit – auch, weil sie in familiären Strukturen organisiert sind.

Die können …

… unglaublich gut tanzen und tun das gerne auch an außergewöhnlichen Orten: ob auf einer Demo, in einem Bus, auf der Straße oder auf dem Plaza Bolivia, dem zentralen Platz der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Ihren Tanzstil bezeichnet man als Vogue oder Voguing. Er entstand in der Ballroom-Szene und ist eine Art posierendes Tanzen, das den Eindruck von Luxus und Opulenz erzeugen soll. Piisciiss, Nova und Axid nutzen ihre extrem gute Körperbeherrschung nicht nur, um Menschen im Netz zu begeistern, sondern auch, um auf die Missstände in Kolumbien aufmerksam zu machen. Dafür brauchen sie viel Mut. Piisciiss erzählt, sie hätten bei ihrem spontanen Auftritt am 28. April große Angst gehabt, von der Polizei angegriffen zu werden. „Nicht nur wir, sondern alle hatten viel Angst, weil man die Polizist*innen nicht einschätzen kann. Oft üben sie Gewalt aus.“ Sie hätten Glück gehabt, dass die Einsatzkräfte nicht eingeschritten sind. „Sie haben uns nicht angegriffen, weil sie zu überrascht waren. Sie wussten einfach nicht, wie sie mit uns und unserer Form des Protests umgehen sollten. Unsere Tanzeinlage kam zu spontan, die hatten wir ja selber nicht geplant.“

Die gehen …

… mit Tanz und High-heels auf die Barrikaden. Denn die drei sind überzeugt, dass Kunst die stärkste Form des Protests ist: „Durch Kunst können wir etwas in den Herzen bewegen, ohne Waffen oder Gewalt einsetzen zu müssen. Kolumbien braucht jetzt eine Veränderung, in vielerlei Hinsicht“, so Piisciiss. 

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Piisciiss: „Ich hatte große Angst vor der Polizei und der Esmad.“

Foto: Karen Montaño

Die wollen …

… auf Armut und Ungleichheiten in Kolumbien aufmerksam machen, sich gegen Gewalt und Homophobie stark machen und dazu beitragen, die Gewalt im Land zu beenden. Besonders wichtig ist ihnen die queere Community. „In Kolumbien ist es leider immer noch sehr schwer, öffentlich queer zu sein. Die Regierung und die Gesellschaft drängen einen in die klassischen Geschlechterrollen. Das wollen wir ändern“, so Piisciiss. Dafür leben die drei ihre Sexualität öffentlich aus und zeigen sich selbstbewusst auf ihren Instagram-Accounts und auf den Straßen. „Wir kämpfen aber leider nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen die Gesellschaft, unsere eigenen Familien und uns selbst, weil das Denken hier in Kolumbien immer noch sehr veraltet ist.“ 2019 gab es in Kolumbien eine größere Debatte über Homophobie, nachdem ein schwules Pärchen in der Öffentlichkeit beschimpft worden war.  

Daraus lernen wir …

... dass auch Tanzen politisch sein kann. Und dass es vielen Menschen Hoffnung geben kann, nicht nur in der queeren Szene in Kolumbien. „Kolumbien ist im Moment sehr traurig, verärgert und besorgt. Aber Menschen protestieren und das bedeutet: Die Leute haben Hoffnung“, schreibt Piisciiss.

Nur Google weiß…

... dass alle drei den sogenannten „Iconic Dip“ perfekt beherrschen. Bei diesem Tanz-Move lässt man ein Bein einknicken, streckt das andere in die Luft und lässt sich rückwärts auf den Boden fallen Das sieht bei den dreien sehr mühelos aus, obwohl sich Piisciiss das Tanzen nur mithilfe von Youtube-Videos selbst beigebracht hat. Wie Piisciiss erzählt, haben die anderen beiden von ihr das Tanzen in einem Tanzkurs gelernt. So trafen die drei Freund*innen 2018 zum ersten Mal aufeinander. 

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