Das ist... Daria Serenko, Moskaus leiseste Aktivistin

Foto: privat

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Das ist...

… Daria Serenko, 23, Poetin und Alltagsaktivistin. Weil sie von den staatlichen Repressionen auf Demos und bei politischen Aktionen in Moskau genervt war, hat die Künstlerin ihre tägliche Fahrt zur Arbeit und zurück zur Protestaktion gemacht: Mit Pappschild und Filzstift ausgerüstet bastelt sie unterwegs an Botschaften gegen Homophobie und häusliche Gewalt. Oder sie schreibt Slogans für die Freilassung politischer Gefangener – etwa für ihren Künstlerkollegen Ildar Dadin.  Auf einem Schild steht: „Ildar Dadin sitzt im Gefängnis wegen friedlicher Mahnwachen – was stimmt da nicht?" Für das öffentliche Anzweifeln könnte sie auf einer Demonstration schon in Schwierigkeiten kommen, in der U-Bahn ist das etwas anderes. Hier sehen hunderte Menschen täglich ihre Botschaften, aber wirklich brenzlig wird es selten. Die Polizei fährt wenig U-Bahn und wenn doch, klappt Daria schnell ihr Schild zusammen, wischt die Tafel ab oder übermalt gefährliche Stellen auf den Plakaten – den Stift lässt sie nie aus der Hand.          

„Silent Rallye“ nennt sie ihr Projekt, dabei bleibt ihre Fahrt selten schweigsam. Die Plakate und Schilder sind Ausgangspunkt für tägliche Gespräche unter vorher völlig fremden Menschen. Wenn Daria mit ihren Plakaten die U-Bahn verlässt, diskutiert manchmal der ganze Waggon auch ohne sie weiter.

Die kann... 

… was den wenigsten gelingt: die unterschiedlichsten und vor allem ihr vorher unbekannte Menschen in Diskussionen verwickeln. Ihre Sprüche sind mal beleidigend, mal schmeichelhaft, mal provokant – und damit fast immer so formuliert, dass sich niemand wirklich neutral zu ihnen verhalten kann: „Manche Menschen lesen laut mit, während ich schreibe, manche fangen an zu lachen oder drehen sich weg. Meistens reagieren sie aber erstmal irritiert“, sagt sie in einem Interview. Diese Irritation nutzt Daria, um ins Gespräch zu kommen. „Meine Plakate sind eine Einladung. Ich merke sofort, wenn Menschen zu mir rüber schielen oder unauffällig näher kommen, um die Botschaft besser lesen zu können. Dann drehe ich das Plakat ein bisschen offensiver in ihre Richtung oder lächele sie an und schon haben wir einen Gesprächseinstieg.“ 

Die kommt... 

… damit auch mal in unangenehme Situationen. „Einmal hatte ich ein Plakat mit Statistiken von häuslicher Gewalt dabei, das besonders bei Männern viel Widerstand auslöste. Ein Fahrgast begann, mich zu beschimpfen und herumzuschreien“, erzählt sie. Solche Situationen würden ihr immer Angst machen. Am Ende stellen sie sich aber oft als die produktivsten Erlebnisse heraus: Nach dem Wutausbruch begann eine andere Mitfahrerin, die Zahlen zu googeln und bestätigte Darias Statistik. Der Mann war überrascht und entschuldigte sich bei allen Frauen im Waggon. 

Die geht... 

… trotz einem Jahr Erfahrung mit der Aktion immer noch sehr vorsichtig mit ihren Botschaften unter die Leute: „Den Menschen steht ihre politische Haltung ja nicht auf die Stirn geschrieben und ich möchte niemandem meine Meinung aufdrängen. Wenn sich die Gespräche in eine andere Richtung entwickeln, kann ich selber noch was lernen“, sagt sie. Manchmal müsse sie eine Fahrt aber auch abbrechen, wenn die Diskussionen zu hitzig werden: „Es kostet sehr viel Energie, sich jeden Morgen und jeden Abend den Blicken und Kommentaren der Menschen auszusetzen. Auf der Arbeit bekomme ich dafür viel Anerkennung, aber in der U-Bahn bekommt man eher nur die negativen Reaktionen mit. Die Kunst liegt dann darin, aus Anfeindungen ein produktives Gespräch zu machen.“ Ob ihr das gelingt, hänge immer auch von ihrer eigenen Verfassung ab. „Wenn es mit selber nicht so gut geht, nehme ich lieber ein nettes Poster mit, zum Beispiel ein Kompliment an alle Frauen dieser Welt, statt ein heißes Thema wie Homophobie anzusprechen“, sagt sie.    

Wir lernen daraus... 

… dass man sich als Aktivistin in Russland nicht unbedingt nackt auf einen Altar stellen muss, um zu provozieren. Das kann auch ganz nebenbei passieren – und ist dann vielleicht sogar effektiver. Gilt für alle: Einfach ein Plakat hinten auf den Rucksack pinnen und los geht’s. Aber wir lernen auch, dass man dafür kein Morgenmuffel sein darf. Wer auf dem Weg zur Arbeit noch in der Tiefschlafphase steckt, sollte vielleicht doch lieber Pussy Riot zum Vorbild nehmen. 

Nur Google weiß... 

… dass das Prinzip universell ist – und sich verbreitet: Mittlerweile hat die Künstlerin auch in anderen russischen Städten Nachahmer, die mit wechselnden Botschaften auf Tafeln, Taschen und Musikinstrumenten die öffentlichen Verkehrsmittel unsicher machen.

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