Lukas Adolphi hat den Bestseller „die cops ham mein handy“ zwar rausgebracht – liest im Hörbuch aber nicht, im Gegensatz zu hier im Bild, selbst vor.

Lukas Adolphi hat den Bestseller „die cops ham mein handy“ zwar rausgebracht – liest im Hörbuch aber nicht, im Gegensatz zu hier im Bild, selbst vor.

Foto: Henry Laurisch

Lukas Adolphi hat im vergangenen Jahr ein Buch im Eigenverlag veröffentlicht, das so einschlug, dass seine Freundin ihm vor lauter Pressesturm regelmäßig das Telefon aus der Hand nehmen musste. Vielleicht war es wegen der bizarren Entstehungsgeschichte, vielleicht wegen des noch bizarreren Inhalts von „die cops ham mein handy“. 

2010 wurde dem damals 21-jährigen Lukas das Handy geklaut. Die Diebe chatteten zwei Wochen fröhlich darauf, bis sie geschnappt wurden. Er bekam es zurück und dazu etliche Chats. Ein Durcheinander von Liebe, Intrige, Gewalt, Drogen und Abfuck. Sieben Jahre später veröffentlichte Lukas es. Was erst einmal kein großes Ding für ihn war: Als Grafikdesigner hatte er auch zuvor schon ein paar Bücher über seine Seite vertrieben. Dann wurde es doch zum großen Ding – 4000 verkaufte Bücher und jetzt sogar ein Hörbuch. Es wird am 19. Juli als CD und zum Download erscheinen.

jetzt: Lukas, erzähl doch noch mal kurz, wie diese eigenwillige Literatur ihren Weg auf dein Handy fand und dein Handy dann wieder zu dir zurück...

Lukas Adolphi: Ich wurde damals von diesen beiden Jungs überfallen und sie wurden gefasst. Dann gab es eine Gerichtsverhandlung, ich wurde als Zeuge geladen und habe das Handy aus der Asservatenkammer wiederbekommen und darauf diese Nachrichten entdeckt. Da ging mir die Kinnlade runter. Ich dachte sofort: Daraus muss ich was machen.

Aber warum hat es das Buch dann erst 2017 in die Welt geschafft?

Dadurch, dass ich kein Zeitplan und keine Dringlichkeit hatte, habe ich das einfach auf die lange Bank geschoben, wie man das eben so kennt.

Vice hat es gleich nach Veröffentlichung als „Das beste Buch des Jahres“ betitelte. Hast du sowas geahnt?

Ich bin eher davon ausgegangen, dass das nur so viele Leute interessiert, wie sonst, wenn ich etwas im Eigenverlag produziere. Deswegen habe ich erst einmal nur 50 Stück gemacht...

„Ich rutschte binnen weniger Stunden vom Self-Publishing in Verlagsverhandlungen“

Wie war das, als du gemerkt hast: Dieses Buch könnte vielleicht doch mehr als ein paar Bekannte interessieren?

Das war krass. Die erste Woche war echt bewegt. Zusätzlich zu den ganzen Medien kam ein Verlag, der das gerne bringen wollte. So bin ich binnen weniger Stunden vom Self-Publishing in Verlagsverhandlungen gerutscht. Daraus hat sich aber nichts ergeben, weil das Angebot nicht unbedingt lukrativ war und so hätte ich auch nie das Design behalten können.

Ja, dein Buchdesign „ähnelt“, milde gesagt, dem von Reclam schon ziemlich. Hast du mal was von denen gehört?

Ja, es gab da dieses Intermezzo. Ein Lektor von Reclam kam auf mich zu, der mir glücklicherweise wohlgesonnen war. Der wollte gerne ein Exemplar haben. Aber ich hatte zu dem Zeitpunkt selbst keins mehr, ich konnte ihm dann nur noch ein Mängelexemplar schicken (lacht).

Und was hat er davon gehalten?

Er mochte es. Hat mir damals aber auch deutlich gesagt, dass es Leute bei ihm im Haus gibt, die es nicht so geil finden, die Rechtsabteilung und die Geschäftsführung zum Beispiel. Dann hatte er vorgeschlagen, dass wir uns ein bisschen entgegenkommen könnten bei der zweiten Auflage.

Entgegenkommen?

Die haben eine kostenlose Anzeige in der neuen Auflage bekommen und ich musste versichern, das Buch nur über meine eigene Webseite zu verkaufen. Damit waren sie besänftigt.

Wir alle schreiben ja täglich viel Quatsch in Messenger-Fenster. Auf deinem Handy haben das kleinkriminelle Playboys getan. Was macht diese Chatverläufe so interessant?

Man kann an diesen Nachrichten die archetypischen Bilder der Jugendlichen aus einem bestimmten Milieu ablesen. Da gibt es auf der einen Seite diese Arschloch-Macho-Typen wie den Protagonisten Marko. Und auf der anderen Seite die Frauen, die sich von ihnen verarschen lassen und die das alles mitmachen.

„Ich hatte Paranoia, dass die Diebe mich zum Street Fight herausfordern könnten“

Ja, das ist erschreckend, wie wenig sich diese Mädchen wert zu sein scheinen.

Was ich sehr brutal finde, ist diese Gleichzeitigkeit in der Kommunikation: Der Typ schreibt der einen so eine Honig-um-den-Mund-Schmier-SMS und verabredet sich dann mit einem Kumpel zu einem Dreier mit einem anderen Mädel. Puuh, ja, ich finde es ziemlich abgründig. Aber gleichzeitig bin ich dankbar für den Einblick, den die mir da unfreiwillig gewährt haben.

Und da stammt wirklich nichts aus deiner Fantasie?

Ich habe nichts hinzugefügt oder weggelassen. Ich habe nur ein bisschen sortiert. Das war noch ein sehr altes Handy mit nur einem Postfacheingang. Sonst wäre es wirklich sehr konfus gewesen, man hätte dem nicht folgen können.

Haben sich die Diebe aka Autoren nie beschwert?

Ich habe das ja erst nach sieben Jahren veröffentlicht. Dazu ist es noch ein ziemlich kleines Zeitfenster, was da abgebildet wird: Zwei Wochen. Wenn jemand mir jemand einen 14-tägigen Ausschnitt meiner Nachrichten von vor sieben Jahren vorlegt und Namen und Orte ändert, dann würde ich mich vermutlich auch selbst nicht erkennen.

Und du hast keine Angst, dass die dir irgendwann rechtlich an den Kragen wollen?

Das eh nicht. Es gibt keine Urheberrechte auf Chatverläufe und die Persönlichkeitsrechte sind gewahrt, weil ich die Namen geändert habe. Das Einzige, was mir Paranoia bereitet hat, war die Vorstellung, dass die mich zum Street Fight herausfordern. Mir irgendwo auflauern und mich platt machen.

„Ich habe das Hörbuch nicht selbst eingesprochen – aus Abneigung, die eigene Stimme zu hören“

Aber du hast es trotzdem veröffentlicht?

Das ist eben ein so unmittelbarer Einblick, wie man ihn sonst sehr selten bekommt. Oder eigentlich nie. Normalerweise würde irgendein Kulturredakteur im Feuilleton über den Verfall der Jugend reden, belegt mit seinen eigenen Kindern oder was er auf dem Schulhof mitbekommt. Aber in der Form, in der das mir übergeben wurde, hat das einfach eine große Dichte und Intensität.

Und das hat sich auch gelohnt. Du bist jetzt auf Lesetour.

Damals, als die zweite Auflage vorbestellt werden konnte, habe ich gesehen, wie mein Paypal-Konto nach oben schoss, ich plötzlich ein Geschäftskonto daraus machen musste und da war mir klar: Ich hol raus, was geht. Im Zuge dessen habe ich mir überlegt, was man alles damit machen kann: ein Hörbuch, E-Book, man kann es ins Theater bringen – in Dortmund gab es da schon eine szenische Lesung – und man kann eben auch selbst sehr viel aus diesem Buch vorlesen (lacht).

Warum hast du das Hörbuch nicht selbst eingesprochen?

Es gibt ja so eine prinzipielle Abneigung dagegen, seine eigene Stimme zu hören.

Und dann ist es „Gotti“, also Martin Gottschild von Radio 1 geworden.

Er hat mich in einem seiner Podcasts zu meinem Buch interviewt und zur Einleitung eine Doppelseite vorgelesen. Ich war sofort begeistert.

Kannst du von „die cops ham mein handy“ und dem ganzen Drumherum jetzt leben?

Naja, ich habe jetzt genug Geld, um ein Jahr ohne Sorgen leben zu können. Ich schicke morgens bei der Post die Bücher weg und alle paar Tage fahre ich irgendwohin und lese vor. Das ist also kein Vollzeitjob. Momentan mache ich deshalb noch ein unbezahltes Praktikum. Sonst trinke ich viel Kaffee, lese oder gucke den halben Tag Netflix.

Mehr Bücher: