Wie eine App Schülern gegen Mobbing helfen soll

Die Erfinder von „Exclamo“ gehen selbst noch zur Schule. Sie wissen also, wovon sie sprechen.
Interview von Karina Geipel

Jan, Julius und Kai (v.l.n.r.) wollen ein Unternehmen mit ihrer Anti-Mobbing App 'exclamo' gründen.

Foto: Privat

Die Panik vor Schulpausen, das Warten auf den nächsten Angriff und starke Selbstzweifel – jeder sechste Schüler kennt diese Gefühle. Mobbing ist ein wichtiges und unumgängliches Thema im Schulalltag, doch wirklich darüber reden möchte niemand. Schon gar nicht die Betroffenen selbst. Dieses Problem haben auch drei Schüler der 12.Klasse des Berliner Canisius-Kollegs erkannt. Sie heißen Jan, Kai und Julius und stehen kurz vor der Gründung ihres ersten Unternehmens „Exclamo“ (lat.: Aufschrei). Mit der Anti-Mobbing-App fürs Handy wollen sie Opfern helfen und Täter zum Nachdenken anzuregen. Damit haben die drei Jungs bereits den Social-Entrepreneur-Preis des Wettbewerbs Business@School gewonnen.

Wir haben mit dem 17-jährigen Julius de Gruyter, einem der Erfinder, über die Idee gesprochen.

Jetzt: Julius, eure App Exclamo soll Mobbingopfern helfen. Habt ihr selbst schon Erfahrungen mit dem Thema gesammelt?

Julius: Wir können nicht sagen, dass wir selbst gemobbt wurden und es deswegen gemacht haben. Allerdings kennen wir Situationen von anderen Schulen, von unseren Freunden, die Opfer von Gewalt und Mobbing wurden und wir haben gemerkt wie schwierig die Situation für die Betroffenen ist, wie hilflos man sich dabei fühlt. Dabei steht das in einigen Schulen auf der Tagesordnung. Es muss Ansprechmöglichkeiten geben und vor allem welche, bei denen die Hemmschwelle niedriger ist, als persönlich seinen Lehrer in der Pause anzusprechen.

„Auf der Tagesordnung“ klingt krass. Bist du der Meinung dass Mobbing zugenommen hat in den letzten Jahren?

Wir sehen jetzt noch eine weitere Art und zwar Cybermobbing. Das ist noch mal anders als Pausenhofmobbing, das sich vor allem auf die Zeit in der Schule konzentriert. Natürlich man beschäftigt sich trotzdem den ganzen Tag damit und es greift auch ins ganze Leben ein, aber durch Cybermobbing ist die Ebene der Anonymität dazugekommen. Jederzeit kann das Handy klingeln und eine verletzende Nachricht kommen. Der Täter kann agieren, ohne sich selbst zeigen zu müssen.

Nur jeder dritte Mobbingfall wird überhaupt öffentlich

Nun dreht ihr den Spieß um und gebt den Opfern die Möglichkeit sich anonym Hilfe zu suchen.

Unser Ansatz war der: es gibt Online-Foren, da trauen sich die Schüler über Mobbingerfahrung zu sprechen, aber dann passiert nichts weiter. Deswegen gibt Exclamo die Möglichkeit, dass man einen Lehrer seines Vertrauens zunächst anonym über eine Chatfunktion anschreiben kann. Ziel ist, dass die Schüler sich trauen überhaupt etwas zu sagen, das kann durch Anonymität gewährleistet werden. Mit diesem Vertrauen, kann er dann später auch persönlich mit seinem Lehrer reden. Aktuell wird nur jeder dritte Mobbingfall überhaupt öffentlich.

Welche weiteren Funktionen, bis auf das anonyme Melden von Mobbingattacken, soll die App haben?

Es soll ein Mobbingtagebuch geben. Da können die Schüler ihre Erfahrungen dokumentieren, im Lehrergespräch gezielt ansprechen. So kann die Aufarbeitung des Falls systematisch geschehen. Dazu soll es Möglichkeiten geben, über einen Klick die Nummer gegen Kummer anzurufen, oder in Extremfällen, denn Mobbing kann auch zu Suizid führen, die Terminservicestelle von der Kassenärztlichen Vereinigung, wo man sich Termine bei Psychotherapeuten machen kann. Auch ein Mobbingselbsttest ist in Zusammenarbeit mit Lehrern und Psychologen in der Entwicklung. Grundsätzlich sollen die Schüler ermutigt werden sich zu melden. Denn lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.

„Oft werden Opfer nicht gehört“

Und wie finden die Lehrer eure Idee?

Wir stehen gerade kurz vor einer Testphase an Schulen, da werden wir hilfreiche Informationen bekommen. Die Lehrer, mit denn wir bis jetzt gesprochen haben, z.B. auf dem Digital Education Day in Köln, haben es positiv wahrgenommen. Die meisten zeigen sich bereit teilzunehmen, wobei andere auch befürchteten, mit der Situation überfordert zu sein . Aber es müssen auch nicht unbedingt Lehrer sein, die man anschreiben kann. Es gehen auch Schulseelsorger, Schülermentoren, je mehr desto besser.

Aktuell läuft für eure App eine Crowdfunding-Kampagne. Wofür soll das gesammelte Geld eingesetzt werden?

Wir wollen ein Unternehmen gründen und Exclamo bekannter machen. Vor allem brauchen wir das Geld, um unseren Prototypen in eine richtige App zu verwandeln. Unser Ziel ist mit Kommunen, Gemeinden und Bundesländer zu sprechen, welche die Lizenz kostenpflichtig erwerben sollen, um Exclamo flächendeckend einsetzen zu können. Schüler nutzen den Service der App natürlich kostenfrei. Wir freuen uns über jede Spende und jeden Cent im Kampf gegen Mobbing.

Wie könnten durch die App Mobbingfälle reduziert werden?

Wir setzen hauptsächlich auf externe Beratung durch Seelsorger oder Psychiater. Oft werden Opfer nicht gehört oder die Schulleiter sagen: „Wechsel die Schule und dann ist gut.“ Aber es wird sich nicht genug gekümmert. Durch Exclamo kann eine Präventivwirkung entstehen. Allein durch die Existenz der App und dem Wissen, dass sich der Betroffene schnell melden kann oder auch durch das Einbauen von Materialien zum Thema Gruppendynamik oder den Folgen von Mobbing, überlegen sich manche Leute vielleicht zweimal ob sie eine Person mobben wollen.

Ist das denn realistisch?

Natürlich ist uns klar, dass es schwierig sein wird Mobbing ganz einzudämmen, aberExclamo soll eine Möglichkeit sein, dass sich die Opfer schnell und mit niedriger Hemmschwelle Hilfe suchen können. Und wir hoffen, dass jede Person, die das liest oder die auf uns stößt, für diese Idee begeistern zu können.

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