[object Object]

Zum Geburtstag wünschen sich auf Facebook viele nicht Geschenke, sondern Spenden für Bedürftige. Großherzig oder scheinheilig?

Foto: April Pethybridge / Unsplash; Bearbeitung: jetzt

Gerade begegnen sie mir ständig auf Facebook: Spendenaktionen zum Geburtstag. Darin wünschen sich Nutzer anstelle von Geschenken für sich selbst Spenden für eine wohltätige Organisation. Aufrufe, die auf den ersten Blick Begeisterung auslösen, weil: „Ui toll, wie selbstlos.“ Auf den zweiten Blick hängen sie mir aber schon zum Hals raus. Und das liegt sicherlich nicht daran, dass ich Spenden grundsätzlich nervig finde. Es geht hier mehr um das wie.  

Denn eigentlich ist ja großartig, wenn Gustav den Tierschutz unterstützt und Azra Ärzten ohne Grenzen hilft. Aber bisher taten Gustav und Azra – solange sie nicht gerade prominent sind – das im Privaten. Einfach, weil sie etwas Gutes tun wollten. Ein Projekt voranbringen, an das sie glauben. Und sei es nur, um damit ihr eigenes Gewissen zu erleichtern.

Plötzlich machen nicht mehr nur Promis Charity-Arbeit, um ihr Image damit polieren

Facebook-Spendenaktionen finden aber nicht im Privaten oder gar im Geheimen statt, sondern öffentlich. Jeder kann und soll also sehen, dass der Nutzer, der sie gestartet hat, sich an seinem eigenen Geburtstag zurücknimmt und sich lieber für andere einsetzt. Die Aktion bekommt so den bitteren Beigeschmack der Selbstdarstellung.

[object Object]

Zum Geburtstag wird man seit Kurzem persönlich von Facebook dazu aufgefordert, doch eine Spendenaktion über das Netzwerk laufen zu lassen. 

Foto: Screenshot/Facebook; Bearbeitung: jetzt.de

Eine eigentlich gute Tat wird hier nicht mehr um ihretwillen getan, sondern mindestens zum Teil, um vor anderen als „guter Mensch“ dazustehen. Mein Facebook-Freund stilisiert sich so anlässlich seines Geburtstages zu einem Weltverbesserer, der Hilfe beim Helfen braucht. Und jeder, der dabei mitmacht, kann sich dank namentlicher Aufführung der Spender ebenfalls ein Stück vom Selbstdarstellungs-Kuchen abschneiden.

Plötzlich machen nicht mehr nur Promis Charity-Arbeit, nun sollen auch Leute wie du und ich ihr Image damit polieren. Und da ist das Problem: Die gemeinnützige Tat verschwindet hinter dem Eigennutz. Ich kaufe dem Spendensammler so nicht ab, dass er die Spenden nur sammelt, weil ihm die ausgewählte Organisation so am Herzen liegt.

Was vorgaukelt, Gefühle des Spendensammlers auszudrücken, hat er nicht selbst geschrieben

Vor allem, wenn ich mir den Text über der jeweiligen Aktion ansehe. Er ist immer wieder derselbe. Bisher ist mir noch keine Aktion begegnet, bei der nicht einfach die vorgeschlagene Formulierung übernommen wurde:

[object Object]

Viele Spendenaktionen werden mit dem gleichen, vorgefertigten Text überschrieben.

Foto: Screenshot/Facebook; Bearbeitung: jetzt.de

Ein Text, der darauf ausgelegt ist, andere zu emotionalisieren. Mehrmals hintereinander gelesen, wirkt er wie das Mantra einer Sekte, wie der Motivationsspruch eines Glücks-Coaches. Er löst tiefe Abneigung in mir aus: Was echte, individuelle Gefühle des Spendensammlers vorgaukelt, hat der nicht mal selbst geschrieben. Stattdessen ging alles ganz schnell, ganz praktisch, Copy Paste. Ich kann den Willen, zu helfen, so nicht mehr ernst nehmen. Stattdessen ärgere ich mich.

Ich fühle mich angesichts solcher Aktionen emotional erpresst

Ich fühle mich angesichts solcher Aktionen fast schon emotional erpresst. Plötzlich bitten mich Dutzende Leute auf Facebook um eine Spende zu ihrem Geburtstag. Bei den meisten davon hätte ich nicht einmal daran gedacht, ihnen ein Geschenk zu machen. Und nun bringen sie mich irgendwie in die Situation, mich für eine ausgeschlagene Spende zu ihrem Geburtstag rechtfertigen zu müssen. Mindestens vor mir selbst. Aber eben auch vor anderen.

Denn dadurch, dass alle Facebook-Freunde sehen, wer gespendet hat und wer nicht, beginnen wir plötzlich über die Moral der anderen zu urteilen. Ich merke es auch an meinen eigenen Gedanken zur Spendenaktion einer Bekannten. Sie hatte um 200 Euro gebeten, es ging um Tierschutz. Zwei Euro wurden insgesamt gespendet, obwohl einige den Post likten und ihn somit ja offensichtlich gesehen hatten. Da dachte ich mir auch: Wenn euch gefällt, dass sie das unterstützt, dann macht doch wenigstens mit. Dabei spendete ich ja selbst nichts.

[object Object]

So kann eine Geburtstags-Spendenaktion dann aussehen. Das Profil wurde zum Schutz des Spendensammlers unkenntlich gemacht.

Foto: Screenshot/Facebook; Bearbeitung: jetzt.de

Das übrigens auch deshalb, weil Facebook mir ohnehin schon nicht geheuer ist. Nach Verbreitung von Fake-News und diversen Datenskandalen bin ich dem Netzwerk gegenüber misstrauischer geworden. Wieso sollte ich ihm nun also nun auch noch meine „Herzensangelegenheiten“ sowie meine Kreditkarten-Daten anvertrauen?

Mag sein, dass einige Spendenaktionen auf Facebook wohltätigen Organisationen tatsächlich weiterhelfen. Die meisten Aktionen, die mir bisher begegneten, erwirtschafteten allerdings fast gar nichts. Und das ist dann natürlich auch wieder nicht gut fürs Ego. Es schreit: „Nicht mal spenden wollen sie zu deinem Geburtstag!“ Und das tut dann ja richtig weh, anstatt irgendwem zu nutzen.

Mehr Dinge, die uns aufregen: