Doodle, geh heim!

Doodle, geh heim!

Illustration: Katharina Bitzl

Demokratie ist eine feine Sache. Das gilt eigentlich auf allen Ebenen, auch auf der privaten. Gerade dort gibt es allerdings ein Machtinstrument, das unter einem scheindemokratischen Deckmantel großes Unrecht produziert. Es unterdrückt Minderheiten, spaltet Familien und Freunde, es stellt unser soziales Wertegerüst auf den Kopf. Sein Name: Doodle.

Ganz langsam hat sich das Tool mit dem niedlichen Namen (wie süß, „Gekritzel“!), aus den Großraumbüro-Höllen in unseren Alltag geschlichen. Nun ist es einfach da, und sobald irgendein noch so nichtiger Termin ansteht, klatscht irgendwer einen Doodle-Link in die Chatgruppe, verbunden mit einem „Bitte eintragen!“, bei dem man beim Lesen das „r“ von „eintragen“ ganz automatisch sehr lange rrrrollt. 

Das Doodle-Verfahren mag zur Koordination von 700 Managern eines internationalen Großkonzerns ja irgendwie Sinn ergeben, unter Freunden richten die Tabellen aber nichts als Schaden an. Das Perfide an Doodle ist nämlich, dass es ja gerade vorgibt, einen freundschaftlich-fairen Konsens herzustellen. Ein Allheilmittel, wenn die Freizeitplanung mal wieder so unnötig viel kostbare Zeit und Nerven kostet. Gerade der deutsche Spießer beginnt da sofort zu jubeln, wenn er endlich seine Tabelle ausfüllen darf: Hurra, maximale Effizienz im Privatleben!

Diese Tabellarisierung des Alltags stellt aber auch unter jungen Menschen kaum jemand in Frage. Zum Beispiel, wenn sich eine Gruppe von alten Freunden in irgendeiner Stadt zur sogenannten Reunion zusammenfinden will: Mensch A macht die Chatgruppe „10 Dudes in Berlin“ auf, nennt ein Datum, einer sagt „Da kann ich nicht“, einer sagt „Muss mal schauen“, einer sagt „Juli ganz schlecht“ und dann, zack, ist schon der Doodle-Link da. Der Ersteller des Links gibt vor, damit Ordnung ins Chaos zu bringen. Was er aber eigentlich tut: Er ignoriert sämtliche Einwände, Argumente, Unsicherheiten, Menschlichkeiten, und zwingt die Beteiligten, sich jetzt doch bitte verdammt noch mal festzulegen.

Diese Reduktion von Komplexitäten auf eine lächerlich primitive Tabelle wäre ja noch irgendwie hinnehmbar, wenn das Ergebnis zwar gefühlskalt, aber wenigstens der kleinste gemeinsame Nenner unter den Tabellarisierten wäre. Leider ist aber das Abstimmungsverfahren selbst alles andere als demokratisch. Wer jemals an einer wirklich ordentlichen Wahl teilgenommen hat weiß: Nur eine geheime Wahl kann fair sein. Wer sieht, dass ein Termin bereits mehrere Kreuzchen bekommen hat, schließt sich ganz herdentriebmäßig diesem Termin an und lässt sämtliche andere Termine, an denen er auch könnte, unangekreuzt. Und wer spät dran ist, kann sich dann bei so mancher Umfrage eigentlich nur noch entscheiden, ob er sich widerwillig dem Rudel anschließt, das kollektiv auf diesen Termin A gesetzt hat, oder lieber der Buhmann sein will, der sich als einziger für Termin B entscheidet. Das macht man natürlich nicht, obwohl dieser Termin B eigentlich besser passen würde. Aber wie gesagt: Einwände sind in Doodle nicht vorgesehen, dann bleib’ halt daheim. Freie, allgemeine Wahl? Nix da.

Wer wird beim Doodeln unterdrückt? Eigentlich alle

Minderheiten ausschließen? Auch kein Problem bei Doodle, sie lassen sich sogar systematisch isolieren. Im Zweifelsfall sollte man sich einfach immer der coolen Gruppe anschließen, den nervigen Stefan aus der Kollegstufe hat man ja eh nur aus Höflichkeit zur Reunion eingeladen. Ein „Wir wollen dich nicht dabeihaben“ wird so zu einem „Die Mehrheit hat sich leider für einen anderen Termin entschieden“.

Wer wird noch unterdrückt? Eigentlich alle. Bleiben wir mal beim Reunion-Fall: Da wäre zum Beispiel der „Juli ganz schlecht“-Mensch. Sein Einwand wird diskret entsorgt, der Doodle-Ersteller hat nämlich charmanterweise nur Termine im Juli zur Option gemacht. Außerdem ist da noch der „Muss mal schauen“-Mensch: Er würde sich lieber spontan entscheiden, will sich deswegen auch gar nicht groß in die Terminplanung einmischen, wird aber nun Dank Doodle auf seine unter Zwang entstandenen Angaben festgenagelt, sein komplexes, abwägendes Denken auf ein, zwei Zahlen zusammengezurrt. Und dem „Da kann ich nicht“-Menschen ist auch nicht geholfen, wenn das Doodle-Urteil dann doch das ursprünglich angekündigte Datum ausspuckt. Wer einmal rausgeflogen ist, kann argumentieren, flehen und betteln so viel er will: Das Doodle-Ergebnis ist ein unausgesprochenes „Wir haben das jetzt so entschieden“, ein autoritärer Marschbefehl, verkauft als Gekritzel.

Verfechter des Effizienz-Gedankens werden nun fragen, was denn bitte die Alternative wäre. Soll man etwa ganz im Alleingang ein Datum festlegen? Ist das nicht totalitär? Die Antwort: Ja, ein bisschen, aber so ist das Leben. Und nein, denn Menschen können miteinander reden, sich einigen, ganz ohne den Zwang eines Tools. Und selbst, wenn diese Menschen dabei kein für alle passendes Datum finden: Alles ist im Zweifel ehrlicher als die Scheindemokratie. Wenn also in Zukunft eine Doodle-Umfrage über unser Leben entscheiden soll, kann die Antwort nur Sabotage sein. Einfach mal alle Freunde eintragen (denn man kann bei Doodle unter jedem beliebigen Namen und mehrfach abstimmen), Angaben stündlich ändern, neue Teilnehmer erfinden, („Moment mal, wer ist eigentlich Heinz?“) – im Kampf gegen Doodle ist jedes Mittel recht. Denn es gibt kein richtiges Leben in der falschen Tabelle.

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