Der eigene Garten als Oase: ein Rückzugsort, an dem Blumen duften, Vögel zwitschern, Mensch und Natur im Einklang sind. 

So war das vielleicht einmal. „Bye bye, Idylle“, denken sich offenbar viele Hausbesitzer in Neubaugebieten und begraben Grünflächen unter Schotter. Denn ein „echter“ Garten mit Wiese und Pflanzen ist oftmals nicht mehr pflegeleicht oder modern genug. Die Ästhetik wird dem Pragmatismus geopfert. Der Instagram Account „gaerten_des_grauens“ zeigt daher die grausamsten deutschen Gärten. 

Dabei geht es aber nicht nur um persönlichen Geschmack, sondern auch um die Auswirkungen, die der Trend hin zu pflanzenlosen Gärten haben kann: das vermehrte Artensterben. In kommunalen Parlamenten wird gerade sogar über ein Verbot von Schotter- und Steinflächen auf Privat-Grundstücken diskutiert. Zudem wollen Landes-Umweltminister eine deutschlandweite Kampagne gegen solche „Gärten des Grauens“ starten. Biologe Ulf Soltau führt diesen Erfolg auf seinen satirischen Instagram-Account und die dazugehörige Facebook-Seite zurück.

jetzt: Wie kamst du auf die Idee, Fotos von Schottergärten zu posten?

Ulf Solau: Ich war online in vielen Gartengruppen unterwegs. Dort wurden immer wieder Schottergärten gepostet und auch gelikt. Doch immer wenn ich dann einen satirischen Kommentar geschrieben habe, gab es einen Shitstorm und ich bin aus der Gruppe geflogen. Darum habe ich beschlossen, meine eigene Seite zu starten und diese dummen Gärten zu verarschen.  

Wer macht die Bilder, die auf den Kanäle zusehen sind?

Die Bilder bekomme ich von meiner Community zugeschickt. Die Seite hat Fans in ganz Deutschland.  

Wo findet man solche Gärten?

Schottergärten sind komischerweise ein Phänomen auf dem Land. In der Großstadt haben wir eher gegenteilige Bewegungen, wie Urban Gardening. Schaut man sich aber die Neubausiedlungen auf dem Land an, dann sind diese sterilisiert. Da wächst kein Unkraut mehr, das ist totgespritzt. Schottergärten werden von Baumärkten als besonders pflegeleicht beworben. Das ist aber nur die ersten zwei Jahre so. Es braucht nicht lange, bis organische Stoffe eindringen und das Unkraut wieder wächst und dann wird Glyphosat gespritzt. Kein Mensch bückt sich in einem Schottergarten und zupft Unkraut. 

Aber sind Gärten nicht auch Geschmackssache?

Man kann über Geschmack streiten, aber es gibt Gesetze. So wie jedes Haus nicht einfach nach seinem Geschmack gebaut werden kann, gibt es auch bei Gärten Landesbauordnungen. Da heißt es, dass diese begrünt oder bepflanzt werden müssen. Schottergärten sind in dem Sinne also vielerorts sogar illegal. Sie bieten unserer Natur keinen Lebensraum. Es gibt sogar eine Studie, die besagt, dass solche Gärten zu psychischen Problemen führen. Und natürlich geht auch immer ein Stück Gartenkultur verloren. Inzwischen regt sich aber ein bundesweiter Widerstand. Das ist der Erfolg meiner Seite, weil sie dazu geführt hat, den Schottergarten als Problem zu erkennen. Die Menschen sollen sich wieder als integraler Bestandteil der Natur verstehen. Dieses Umweltbewusstsein möchte ich mit Satire herauskitzeln.

Was verraten Schottergärten über unsere Gesellschaft?

Schottergärten zeigen die Entfremdung des Menschen von der Natur. Das führt uns aktuell in die Katastrophe. In einer Filmkritik des Franzosen Jacques Tati steht, dass die Bewohner solcher Hausgärten reiche, modernistische Snobs, Roboter des technisierten Zeitalters seien. Das kann man schon auch auf die Leute im echten Leben beziehen, die so etwas anlegen. Ich möchte das aber keinem unterstellen.

Was wächst in deinem Garten?

Ich habe einen Schrebergarten in Berlin zwischen zwei Bahngleisen, also auch zwischen zwei Schotterflächen, wenn man so will. Mein Garten ist sehr naturnah, da wachsen um die 350 Pflanzenarten und sogar Unkräuter. Das sind meine Lückenfüller zwischen den Stauden, die ich dort angepflanzt habe.