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Foto: Captain Boomer

In Paris strandet ein 17 Meter langer Pottwal am Ufer der Seine. Passanten stehen fassungslos drum herum, während Forscher den Kadaver des Tieres untersuchen. Manche weinen, andere stehen nur betroffen da. Niemand kann so wirklich glauben, dass tatsächlich ein Wal in Paris gestrandet ist – aber irgendwie tun sie es dann doch. 

Die Aktion des internationalen Künstlerkollektivs „Captain Boomer“ im Rahmen des Kunstfestivals „Paris l’été“ sorgte für viel Aufsehen in den Medien und auch bei Passanten. Der aus recycelten Plastik bestehende Wal wurde über Nacht mit Hilfe eines Krans an das Flussufer gelegt. Mit Hilfe von Fischöl stieg den Zuschauern ein verwesender Fischgeruch in die Nase. Schauspieler in weißen Overalls gaben sich als Forscher der fiktiven „International Whale Organisation“ aus und verstärkten dadurch den Eindruck, dass es sich dabei wirklich um einen echten Wal handelte.

Seit zehn Jahren taucht der Wal immer wieder in verschiedenen Großstädten auf und lässt die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Das Kunstobjekt ist mittlerweile abtransportiert worden und wird erst nächstes Jahr wieder über Nacht plötzlich auftauchen. Klaus Nemelka, 46, Kreativberater bei „Captain Boomer“, war bei fast allen Ausstellungen des Wals dabei. 

jetzt: Wozu die ganze Inszenierung mit den Forschern, der fiktiven „International Whale Organisation“ und dem Gestank nach verwesendem Fisch?

Klaus Nemelka: Wir wollen die Menschen wachrütteln. Dabei geht es uns nicht nur um den Umgang mit dem Meer, sondern mit der Natur an sich und uns selbst. Der gestrandete Wal ist ein Beispiel dafür, wie wir versuchen, uns die Natur untertan zu machen. Es soll die Menschen dafür sensibilisieren, Dinge, die sie tun, auch wenn sie noch so klein sind, zu hinterfragen.

Wie haben Passanten auf den Kadaver reagiert?

Es war wirklich schön mit anzusehen, wie Menschen ihren Tagesablauf unterbrochen haben, um sich der Aktion zu widmen. Es gab Banker, die in ihrem Alltagsstress plötzlich inne gehalten haben und den Wal auf sich haben wirken lassen. Einigen kamen sogar die Tränen. Wir hatten schon überlegt, die ganze Aktion sofort aufzulösen. Aber diese realistische Aufmachung und die teils heftigen Reaktionen sind nötig, um Aufmerksamkeit für diese Sache zu bekommen.

Was denken Sie über die Menschen, die das ganze Szenario für echt hielten?

Das zeigt, wie sehr unser Gewissen gegenüber der Natur unseren Blick trübt. Denn eigentlich wussten die Zuschauer es ja besser. Ein gestrandeter Wal in Paris ist unmöglich, das Meer ist 180 Kilometer entfernt. Gleichzeitig schien es den Passanten dennoch möglich genug, um sich darüber Gedanken zu machen, dass unser gesamter Weg hinsichtlich der Natur womöglich falsch ist und wir etwas ändern müssen.

 

Fühlten sich auch Leute für dumm verkauft?

Niemand war böse wegen der Aktion. Spätestens wenn sie den Hintergrund dazu erkannt hatten, verstanden sie unser Handeln. Wir wollten niemanden für dumm verkaufen. Es war ein Spiel, das die Grenze zwischen Realität und Fiktion in unseren Köpfen verstören sollte. Man wusste ja, dass ein gestrandeter Wal nicht nach Paris gehört – und trotzdem glaubten die Menschen es. Denn sie haben den Kadaver ja vor sich liegen sehen. Das zeigte den Zwiespalt zwischen dem, was sie logisch nachvollziehen konnten, aber dann eben wieder doch nicht.

 

Was für Fragen wurden euch von Passanten in Paris gestellt?

Als wir damals mit dem Wal anfingen, hatten wir ein Drehbuch, wo drin stand, wie wir auf welche Frage antworten, damit wir in der Rolle bleiben. Mittlerweile haben wir allerdings festgestellt, dass unsere Antworten egal sind. Die Leute fragen, wie das passieren konnte und woran der Wal gestorben wäre. Aber die Antwort hören sie nicht mehr, weil sie abschalten. Die Menschen wollen nur das hören, was sie auch glauben.

 

 

 

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