Wir haben Münchner gefragt, ob sie jetzt ihre Facebook-Accounts löschen

Und auch gemerkt: Die Plattform hat wohl ein größeres Problem als den aktuellen Skandal.
Von Elisabeth-Valerie von Rheinbaben
Fotos: Elisabeth-Valerie von Rheinbaben / Collage: jetzt.de

Seit dem Wochenende erschüttert mal wieder ein Datenskandal die Social-Media Welt. Der Whistleblower und Ex-Mitarbeiter Christopher Wylie wirft dem Unternehmen Cambridge Analytica vor, sich auf illegale Weise Daten von Facebook beschafft zu haben. Wylie erzählt in seinen Berichten, dass 50 Millionen Facebook-Profile ohne Wissen der Nutzer ausgewertet und daraus Persönlichkeitsprofile erstellt wurden. Wir haben berichtet.

Seitdem liest man vermehrt von Leuten und Unternehmen, die ihre Facebook-Profile löschen wollen, der Hashtag #deletefacebook kursiert in den Sozialen Medien und sogar Whatsapp-Gründer Brian Acton ruft unter diesem Hashtag dazu auf, Facebook-Accounts zu löschen. Investoren haben Klage gegen Facebook eingereicht und der Präsident des EU-Parlaments, Antonio Tachani, ließ auf Twitter verlauten, dass man Mark Zuckerberg vorgeladen habe: „Facebook muss vor den Repräsentanten von 500 Millionen Europäern klarstellen, dass keine persönlichen Daten für die Manipulation der Demokratie benutzt wurden.“ Seit heute morgen wissen wir außerdem, dass unsere neue Justizministerin, Katarina Barley, Facebook ins Justizministerium bestellt hat, um Stellung zu beziehen.

Man fragt sich: Sind die Leute, die mit Account-Löschungen drohen, nur Ausnahmen? Oder hat Facebook jetzt wirklich eine riesige Welle davon zu erwarten? Wir wollten wissen, wie das andere junge Menschen sehen und haben eine Umfrage in der Münchner Innenstadt gemacht (natürlich nicht repräsentativ). Dabei haben wir herausgefunden, dass Facebook vielleicht ein viel größeres Problem hat als das derzeitige: Von den 22 Menschen zwischen 18 und 33, die wir befragt haben, sagten fast alle, dass Facebook für sie eigentlich kaum noch eine Rolle spielt und sie dort weitgehend inaktiv sind. Interessant aber: Gelöscht hat seinen Account trotzdem noch keiner. Und es scheint auch niemand ernsthaft darüber nachzudenken. Warum?

Selbst, wenn man aktiv nichts hochlädt, gibt man trotzdem die ganze Zeit Daten preis

Die meisten sagen, dass sie Facebook sowieso nur so wenig benutzen und so wenige Daten eingestellt haben, dass es wenig zu stehlen gebe. Celina, Pia und Selina, alle drei 18, sagen zum Beispiel: „Wir benutzen Facebook alle nicht so und haben auch jede nur ein bis zwei Fotos drin. Da sind keine Daten drin, wo es schlimm wäre, wenn die wegkommen. Höchstens den Geburtstag, aber da ist es egal. Den können die wissen. Da machen wir uns keine Sorgen. Whatsapp nimmt ja genauso Daten. Das kann man nicht ändern. Wir benutzen Facebook eh kaum, also müssen wir es auch nicht löschen. Es würde keinen Unterschied machen.“

Celina, Pia und Selina, 18, Schülerinnen

Foto: Elisabeth-Valerie von Rheinbaben

Alexander, 22, sieht das ähnlich und sagt: „Ich hab von dem Facebook-Skandal bis jetzt nur aus den Schlagzeilen gehört, aber mir noch nichts dazu durchgelesen. Es wäre für mich kein großes Ding, das zu löschen, denn ich hab da insgesamt nur vier Bilder und meine Email-Adresse drauf. Da es mich nicht wirklich betrifft und die Sachen, die da drauf sind, eh von jedem eingesehen werden können, hab ich mit dem Datenskandal nicht so ein großes Problem. Aber natürlich ist das Vertrauen nicht mehr da, das ist klar.“

Alexander, 22, Student

Foto: Elisabeth-Valerie von Rheinbaben

Die Aussagen dieser Befragten zeigen: Nur die wenigsten wissen überhaupt Bescheid, was mit ihren Daten passiert. Die meisten fühlen sich nicht betroffen, weil sie wenig selbst posten oder seit Jahren kein neues Profilbild hochgeladen haben. Dabei geht es ja um viel mehr: darum, dass Facebook die allermeisten unserer Bewegungen im Internet verfolgen und abspeicheren kann, solange wir die App oder den Tab offen haben. Facebook weiß nicht nur, wie lange man über einem bestimmten Post beim Durchscrollen stehen geblieben ist, sondern auch, wohin man in den Urlaub fahren will. Es weiß, mit welchen Verkehrsmitteln man sich wo hinbewegt, es weiß, was wir gerne einkaufen. Datenschützer prüfen sogar noch, ob Facebook alles mithören kann, wenn wir der Anwendung Zugriff auf unsere Mikrofone geben. Selbst, wenn man aktiv nichts hochlädt, gibt man trotzdem die ganze Zeit Daten preis.

Bei unserer Umfrage trafen wir eigentlich nur einen, der Facebook nicht löschen will, weil es ihm wirklich wichtig ist. Sergey, 20, sagt, dass es für ihn nicht möglich ist, seinen Account zu löschen, weil so viele seiner Freunde auf der Plattform sind. Von ihr ist er abhängig, um kommunizieren zu können: „Es müsste eine Alternative geben, die keine Daten abgreift, aber denselben Umfang hat und dieselbe Erreichbarkeit, dass ich auch meine Freunde erreichen kann.“

Die entscheidende Frage für Leute wie Sergey ist: Wo zieht man die Grenze? Viele von uns kennen die Argumentation selbst – eigentlich würde man Facebook gerne löschen, aber dann wüsste man nicht mehr automatisch, wann welche Freunde Geburtstag haben. Außerdem sieht man über Facebook immer mal wieder Veranstaltungen, wo man gerne hin will. Oder Freunde planen ihre eigene Party komplett über Facebook. Und natürlich ist es auch toll, hin und wieder mal zu posten, wo man denn gerade im Urlaub war, und so weiter und so fort. Also wann ist es eigentlich genug?

Isabel, 22, meint: „Löschen würde ich Facebook, wenn ich sehen würde, dass meine Bilder für irgendwelche Werbezwecke benutzt werden.“ Und Alexander, 23, sagt: „ Ich würde mein Profil löschen, wenn zum Beispiel Facebook selbst versuchen würde, aktiv in einen Wahlkampf einzugreifen, um eine Seite stark zu machen. Dann wäre das für mich nicht mehr tragbar.“

Isabel, 22, Auszubildende

Foto: Elisabeth-Valerie von Rheinbaben

Alexander, 23, Student

Foto: Elisabeth-Valerie von Rheinbaben

Was müsste passieren, dass wir Facebook löschen? Die ehrliche Antwort ist wahrscheinlich: Die meisten würden sich erst verabschieden, wenn es vollkommen irrelevant ist. Wenn es so uninteressant geworden ist, dass wir keine Angst mehr haben müssen, dort etwas zu verpassen: Keine Veranstaltung, keine Geburtstagsfeier. Wenn nach und nach immer weniger Menschen dort etwas posten, sodass man nicht mehr einfach durchscrollen kann und immer irgendwas Neues entdeckt, was man weiterschickt, Freunde drunter markiert, oder alte Bekannte sucht, oder, oder, oder.

Gestern Abend hat Mark Zuckerberg im Namen des Unternehmens Fehler eingeräumt und zugegeben, dass Vertrauen missbraucht wurde. Immerhin. Das ändert aber nichts daran, dass Facebook den Großteil unserer Daten mit absaugt.

Wie kann man sich gegen das Daten-Absaugen schützen, wenn man noch nicht bereit ist, sich wirklich von Facebook zu verabschieden? Es gibt zwei sehr simple Tipps. Erstens: überprüfen, welche Apps, Webseiten und Plugins Zugriff auf das eigene Profil haben – wie das geht, findet man hier – und zweitens: nach dem Gebrauch der App ausloggen, dann kann Facebook nicht alles mitverfolgen, was man macht.

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