Die Aral-Tankstelle in Schkeuditz, nahe dem Flughafen Leipzig, wo Sophia Lösche von einem Lastwagenfahrer mitgenommen wird. Eineinhalb Stunden später sendet sie einem Freund ein Zwinkersmiley und eine Textnachricht mit ihrem Handy, dass der Fahrer "Bob" heiße und aus Marokko stamme. Es ist ihr letztes Lebenszeichen.

Foto: Jan A. Staiger

Ein Vater möchte seine Tochter am Bahnhof in Amberg abholen. Die 28-Jährige studiert in Leipzig und trampt oft heim in die bayerische Kleinstadt. Nur für die letzte Strecke nimmt sie die Bahn. Es ist Donnerstagabend, nach 23 Uhr, der letzte Zug kommt. Doch Sophia steigt nicht aus. Der Vater geht nach Hause. Am nächsten Morgen ruft er seinen Sohn an, Sophias Bruder: „Sophia ist gestern Abend nicht angekommen.“ Der Sohn, Andreas Lösche, 51 Jahre alt, reagiert sofort. Es ist Freitag, der 15. Juni 2018, als die Suche beginnt.

Schon sechs Tage später endet sie mit der erschütternden Gewissheit: Sophia Lösche ist tot, vermutlich schon seit der Nacht ihres Verschwindens. Der mutmaßliche Täter, ein aus Marokko stammender Lkw-Fahrer, wird in Spanien verhaftet. Fast jede Spur und jeden Hinweis, die zu ihm führen, haben Andreas Lösche und ein Team aus 80 Freunden und Verwandten selbst ermittelt - nicht die Polizei. Im Internet haben sie sich verbündet, die Suche koordiniert, bis sie den Täter aufspüren. Die Polizei kann, als sie nach Tagen aufholt mit ihren Ermittlungen, den Angehörigen nur präsentieren, was die längst schon wissen.

„Schon nach 90 Stunden hatten wir den Hauptverdächtigen am Telefon“, sagt Andreas Lösche

Am Freitag, dem 15. Juni, ist Sophia einer von 250 bis 300 Menschen, die auf deutschen Polizeidienststellen täglich als vermisst gemeldet werden. Die Hälfte taucht binnen Tagen oder Wochen wieder auf. Nur drei Prozent bleiben für immer verschwunden. Die ersten 48 Stunden sind die wichtigsten, sagt die Statistik, sagen Experten. Danach sind viele Spuren kalt.

Früher konnten Angehörige nur hoffen, dass die Polizei einen Erfolg beim Suchen vermeldet. Heute bietet das Internet Laien unendliche Möglichkeiten. Im Kollektiv können sie Doktorarbeiten überprüfen, Lexika erstellen, Filme crowdfunden - und eben auch Vermisste suchen. Auf eigene Faust, schnell und effektiv wie nie. Die sozialen Netzwerke sind zu einer mächtigen Suchmaschine für Menschen geworden. Aber wem nützt und wem schadet das? Die Polizei, dein Freund und Helfer – stimmt dieser Satz überhaupt noch? Und wie soll man mit Trollen und Fehlinformationen umgehen im Netz, mit Selbstdarstellerei und Aufmerksamkeitshascherei?

„Dank des Einsatzes unzähliger Freiwilliger“, sagt Andreas Lösche, „hatten wir schon nach 90 Stunden den Hauptverdächtigen am Telefon. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es faktisch keine Polizeiarbeit.“ Er sitzt in seinem Haus bei Bamberg. Hier, in Leipzig, in Berlin und Amberg halfen zwischenzeitlich bis zu 80 Menschen, bildeten eine zivile Task Force. „Die Hilfsbereitschaft war unglaublich“, sagt Lösche, kurze graue Haare, die schmalen Schultern im Band-Shirt einer Blues-Combo, vor sich grünen Tee. „Wir konnten innerhalb von Stunden fast professionelle Strukturen aufbauen.“

Lösche arbeitet als Manager, Agent und künstlerischer Berater für Bands und Festivals. Für die Grünen sitzt er im Kreistag. Er ist auf Twitter, Facebook, und Instagram aktiv. Es gelingt ihm, sehr sachlich zu erzählen, was passiert ist, obwohl seine Schwester nicht mehr lebt. Sie ist ermordet worden. Noch immer funktioniert Andreas Lösche im „Krisenmodus“, wie er es nennt. Er analysiert, kämpft, stellt richtig. „Die Emotionen kommen wohl später“, sagt er. Manchmal gelingt ihm die Verdrängung nicht. Dann lenkt er das Gespräch auf ein Detail im Mordfall, das er nicht fassen kann. Und davon gibt es viele.

Das Such-Team beginnt sofort mit der Fahndung, im Internet gesellen sich Zehntausende dazu

„Sophia war sehr zuverlässig“, sagt er. „Ich war sofort alarmiert.“ Die junge Frau war getrampt, hatte sich noch aus einem Lkw gemeldet, in den sie eingestiegen war. „Deshalb verstehe ich einfach nicht“, sagt Lösche, „dass die Amberger Polizei nicht von Anfang an gehandelt hat. Es lag eindeutig ein Verdacht auf ein Gewaltverbrechen vor.“

Am Freitagmorgen um 7.45 Uhr wählt sein Vater die Notrufnummer 110. Er will eine Vermisstenmeldung aufgeben. „Vor Zwölf brauchen Sie nicht zu kommen“, sagt die 110-Stimme. Aber die Beamten verweisen auf eine angebliche Vorschrift, nach der erst zwölf Stunden vergehen müssen, bis sie aktiv werden können. Diese Vorschrift gibt es aber nicht. Es ist die erste von vielen Ungereimtheiten.

Gegen 11 Uhr gehen Vater und Bruder auf die Wache und wollen neue Informationen weitergeben, die ihnen einer von Sophias Freunden mitgeteilt hat: Die 28-Jährige war getrampt, hatte sich noch aus einem Lkw gemeldet, der sie mitgenommen hatte.

Doch die Amberger Polizei verweist an die Leipziger Kollegen, weil Sophia dort mit ihrem Erstwohnsitz gemeldet ist. In Leipzig sagt man den Lösches am Samstagabend, dass am Montag die Zuständigkeit geklärt würde. Die Bürokratie, das Wochenende, die möglicherweise vergebliche Arbeit, wenn die junge Frau doch von alleine auftaucht – niemand scheint es für nötig zu halten, ernsthaft zu ermitteln.

Ein Polizist in Amberg stellt am Samstag endlich fest: „Bei mir schrillen alle Alarmglocken.“ Der Beamte stuft Sophia am Samstagmorgen als „vermisst“ ein. Damit ist sie zur Fahndung ausgeschrieben. Wenn sie zum Beispiel an einem Flughafen durch eine Kontrolle ginge, schlüge das System Alarm. Aber mehr passiert nicht.

Andreas Lösche und seine Helfer haben längst mit der Suche begonnen. Vor allem Sophias Freundinnen in Leipzig und Lösche und die Familie in Bamberg werden aktiv. Zu den Helfern vor Ort kommen Zehntausende im Netz. Jeder Aufruf, jedes Bild von Sophia wird tausendfach geteilt und damit überall in Deutschland und in Europa auf zehn Sprachen, darunter Arabisch, Spanisch, Russisch und Griechisch, weiterverbreitet. Es ist eine Fahndung, wie sie üblicherweise Interpol vornimmt. „Wir alle, egal wie viel oder wenig wir uns kannten, hatten nur ein gemeinsames Ziel“, sagt Andreas Lösche.

Dass sich Menschen spontan vernetzen für eine größere Aufgabe, ist nicht neu. „Koordination, Kommunikation und Kooperation waren noch nie so einfach“, schreibt der US-Netztheoretiker Clay Shirky in seinem Buch „Here comes everybody“. Wikipedia gilt als Paradebeispiel einer langfristigen Zusammenarbeit von einander völlig Unbekannten. Die technischen Mittel sind meist simpel, welches Ziel man auch verfolgt. In Minuten kann beispielsweise ein Suchaufruf mit Bild und Personenbeschreibung gestaltet, bei Facebook oder Twitter hochgeladen werden. Die massenhafte Verbreitung erledigt der Schwarm.

Andreas Lösche nimmt einen Schluck Tee und beschreibt die digitale Zentrale und die Seite www.findsophia.blog, auf der alle Neuigkeiten und Kontaktmöglichkeiten geteilt wurden. Selbst ohne Programmierkenntnisse ist so eine simple Webseite innerhalb einer Stunde aufsetzbar. Dazu kommt die Facebookgruppe „Find Sophia“ (die schon nach 24 Stunden an die 10 000 Mitglieder hatte) sowie Twitter unter dem Hashtag #findsophia. „Außerdem haben uns viele andere Communitys geholfen“, sagt Lösche. „Zum Beispiel die Trucker, die eigene Seiten mit Zehntausenden Mitgliedern haben.“ Ein polnischer Lkw-Fahrer erinnert sich in Schkeuditz: „Ich habe ein Mädchen in einen marokkanischen Lkw steigen sehen, gegen 18.20 Uhr. Das kam mir komisch vor.“

Das Team kommuniziert solche brisanten Neuigkeiten intern über die verschlüsselte Nachrichten-App Telegram. Wie Privatdetektive geben sie sich Aufgaben: die Pflege der Webseiten, die Kommunikation mit der Presse, die Übersetzungen der Aufrufe, das Sortieren von sinnlosen und hilfreichen Hinweisen. Und sie schaffen es, dieses Engagement vom Internet auf die Straße zu bringen. Dutzende Helfer fahren Raststätten und Parkplätze ab, kleben Aufrufe, telefonieren mit Krankenhäusern. Innerhalb von zwei Tagen hat Lösche mit seinen Mitstreitern ein dichtes Netz ausgeworfen, um seine Schwester zu finden. Und schon bald belastbare Ergebnisse erarbeitet. „Wir konnten Sophias Weg fast zweifelsfrei rekonstruieren“, sagt er. „Bis zu ihrer Leiche.“

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Foto: Jan A. Staiger

Bevor die Polizei überhaupt die Zuständigkeiten geklärt hat, wissen die Such-Laien schon: Am Donnerstag, dem 14. Juni, steigt Sophia Lösche um 18.20 Uhr an der Aral-Tankstelle in Leipzig-Schkeuditz bei einem Lkw-Fahrer ein. Sie will nach Süden, Richtung Amberg in der Oberpfalz, zu ihren Eltern. Die 28-Jährige studierte in Leipzig. Sie trampte oft. Am Tag ihres Verschwindens trägt sie laut Suchaufruf: kurze Sportshorts von Adidas, blaues schulterfreies Oberteil und weinrote Schuhe (Marke Hummel), auffällige Frisur (kurzer Pony, seitlich rasiert). Gegen 19.45 Uhr, vermutlich auf Höhe des Hermsdorfer Kreuzes in Thüringen, schreibt sie einem Leipziger Freund über Telegram, dass sie bei einem Marokkaner namens Bob im Lkw sitze. Mit einem Zwinkersmiley. Kein Hinweis auf Gefahr.

Es ist ihre letzte Nachricht.

Schon am Freitagabend, nach dem Hinweis des polnischen Fahrers, kommt das Leipziger Team auf die Idee, die Videokameras der Tankstelle überprüfen zu lassen. Doch der Pächter will ohne Polizei keine Bänder herausgeben. „Sophias Cousine hat die Leipziger Polizei stundenlang bekniet“, sagt Lösche, „dorthin zu fahren und die Videos aus der Überwachungskamera zu sichten.“ Endlich kommt ein Streifenwagen. Zusammen spult man durch die Aufnahmen und findet den Lkw, in den Sophia eingestiegen ist. Er ist blau, in weißer Schrift steht „Benntrans“auf ihm. Es ist der Name einer Spedition, die sich auf den Verkehr zwischen Europa und Marokko spezialisiert hat. Das Team gibt die Informationen sofort an die Polizei weiter. Jetzt, Samstag gegen 17 Uhr, haben sowohl die Leipziger als auch die Amberger Polizisten den Lkw und sogar ein Kennzeichen. Doch erst Montag, als die Zuständigkeit endgültig geklärt ist, werden sie dieser Spur aktiv nachgehen. Wieder werden Lösche und das Suchteam schneller sein. Sie verbreiten das Bild tausendfach in den Netzwerken. Aber niemand hat den Truck gesehen. Also rufen sie am Montag um etwa 13 Uhr in Tanger bei der Spedition an.

„Wir haben lange darüber diskutiert, ob wir das tun sollten“, sagt Lösche. „Ob wir Sophia, falls sie doch noch lebt, damit nicht womöglich gefährden.“ Er hält sogar Rücksprache mit der Polizei in Amberg. Machen Sie mal, sagen die. Also rufen sie an – Sophias Cousine, ihre beste Freundin und ein Freund, der Arabisch spricht. Der Chef der Spedition gibt sich hilfsbereit. Sein Fahrer sei in Nordspanien, sagt er, auf seiner üblichen Route quer durch Europa. Die GPS-Daten könne man jedoch nur der Polizei übergeben, die sich bisher noch nicht gemeldet habe. Das Team will diese Information an die Beamten weitergeben. Doch kurz darauf klingelt das Telefon, mit dem sie in Marokko angerufen haben. „Von dieser Stimme im Kopf sind sie heute noch traumatisiert“, sagt Andreas Lösche.

„Bis auf wenige Ausnahmen“, sagt der Bruder von Sophia Lösche, „hat die Polizei versagt.“

Am Telefon ist der Fahrer des Lkw. Er beteuert seine Unschuld. Er habe Sophia an der Autobahnausfahrt 49 bei Lauf/Hersbruck rausgelassen, am Donnerstagabend. Dann schickt er, wie zum Beweis, Bilder seiner Fahrt per Whatsapp. Ein Foto eines Automaten von Toll Collect, des Mautsystems für Lkw. Einen Screenshot einer Raststätte in Spanien , einer Autobahntankstelle nahe der nordspanischen Ortschaft Asparrena, von Google Maps. Lösche, obwohl er dem Fahrer nicht glaubt, postet auf Facebook: „Das ist der Start einer neuen Suche!“ Er klammert sich an jede Hoffnung.

Der Screenshot war ein versteckter Hinweis des mutmaßlichen Täters. Am Donnerstag darauf, eine Woche nach Sophias Verschwinden, wird die baskische Polizei, die auf Basis der vom Lkw-Fahrer verschickten Bilder präzise zu fahnden beginnt, dort eine halb verbrannte weibliche Leiche finden. Laut der spanischen Presse, so erfährt Lösche später, gibt es auf der Route des Fahrers ungeklärte Frauenmorde. Der Verdächtige wird schon am Dienstagnachmittag verhaftet, nachdem er seinen Lkw zurückgelassen hat. In seinem Führerhaus soll er ein Feuer gelegt haben, um Spuren zu verwischen. 300 Kilometer vor der Fähre über die Meerespassage von Algeciras nach Marokko wird er gestellt.

Der Lastwagenfahrer sitzt in Oberfranken in Untersuchungshaft, laut Staatsanwaltschaft Bayreuth laufen die Ermittlungen noch. Das Suchteam löst sich auf. Andreas Lösche postet auf Facebook ein Gedicht von Joachim Ringelnatz: „Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern – Meine Liebe wird mich überdauern – Und in fremden Kleidern dir begegnen – Und dich segnen...“ Zum ersten Mal lässt er Trauer zu.

„Die Polizei hat viel zu spät reagiert“, sagt er heute. „Und immer wieder schlecht kommuniziert.“ Vom brennenden Lkw und vom Fund der Leiche erfährt der Bruder aus den Medien. Das Team ist zutiefst enttäuscht von den Beamten. „Ich sage nicht, dass wir oder die Polizei Sophia hätten retten können“, sagt Andreas Lösche. „Aber dennoch hat die Polizei, bis auf wenige Ausnahmen, versagt. Der Täter wäre durch diese Faulheit fast entkommen.“

Am mutmaßlichen Tatort im bayerischen Sperbes, wo der Lkw Donnerstagnacht laut GPS zwei Stunden stand, findet die Polizei nichts. „Mit wenig Aufwand, aber etwas Entschlossenheit“, sagt Lösche, „hätte man den Täter noch in Deutschland fassen können, statt später mit Hundertschaften die Wälder zu durchkämmen.“ Er nennt ein weiteres Beispiel: Während schon manche Informatikstudenten genug Hacker-Kenntnisse haben, um jedes Handy auf drei Meter genau zu orten, bleibt die Polizei machtlos. Leipziger Beamte rufen zwar beim Telekommunikationsanbieter O2 an. Dort aber sagt man ihnen angeblich, ein Prepaid-Handy wie Sophias produziere keine Geodaten. Dass die Beamten sich mit dieser technisch falschen Aussage abspeisen lassen, nicht versuchen per richterlichem Beschluss an die Handy-Daten zu kommen – kaum zu glauben. „Bei solch eindeutigen Hinweisen auf ein Gewaltverbrechen muss das jedoch technisch wie juristisch möglich sein“, findet Lösche. Wieso wollte dann kein Polizist nach Sophia Lösche suchen, trotz aller Hinweise auf eine Gefahr.

Die Leipziger Polizei erklärt auf Anfrage, man habe zwar „tiefstes Verständnis für die emotionale Ausnahmesituation“ der Hinterbliebenen. Man dürfe sich aber nicht zu dem Fall äußern, da die „Auskunftszuständigkeit“ bei den Kollegen in Oberfranken liege. Dort wiederum verweist man auf längst veröffentlichte Pressemitteilungen. Erklären, warum man so spät so wenig tat, will niemand.

Andreas Lösche hat den Eindruck, als kämpften die Beamten im digitalen Zeitalter mit Rechenschiebern gegen Laptops. Die Praxis, bei Vermisstenfällen erst einmal abzuwarten, stammt aus einer Welt vor der ständigen Erreichbarkeit über Smartphones. „Viele Menschen, die schon in einer ähnlichen Situation waren, schrieben und rieten uns, selbst aktiv zu werden“, sagt Andreas Lösche. „Auf die Polizei könne man nicht warten.“ Sein bitteres Fazit: „Wenn sie nicht dazulernt, ist man ohne die Polizei besser dran.“

Wegen rassistischer Auswüchse müssen die Online-Fahnder die Kommentarfunktion abschalten

Lösche ist nicht allein. Es gab schon einige spektakuläre Vermisstenfälle, die ähnlich privat koordinierte Suchen ausgelöst haben. Der junge Schotte Liam C. etwa verschwand nachts um zwei Uhr vom Junggesellenabschied seines Bruders Colgan auf der Hamburger Reeperbahn. Die Familie startet eine Suchaktion analog in der ganzen Stadt wie digital über Facebook. Zehntausende beteiligten sich. Bis Liam nach drei Monaten des Hoffens und Bangens, nach unzähligen Hinweisen und Enttäuschungen schließlich tot aus der Elbe geborgen wird. Er war höchstwahrscheinlich noch in der Nacht betrunken ins Wasser gefallen. Ähnlich wie der monatelang vermisste HSV-Manager Timo Kraus, der im Winter 2017 in der Elbe ertrank, und der von Online-Hinweisgebern im ganzen Land vermutet wurde, bis schließlich seine Leiche auftauchte. Auch die Mutter der von einem afghanischen Flüchtling getöteten Susanna F. suchte kurzzeitig über Facebook.

Bei vielen Vermisstenfällen suchen die Angehörigen bald auf eigene Faust. Und das geht online am leichtesten. Für die Trauma-Therapeutin Sybille Jatzko ist das ein klassisches Muster der emotionalen Überlebensstrategie. „Am Anfang steht immer der Schock“, sagt sie. „Ein sehr kognitiver Umgang, kein emotionaler Kontakt, weil so viele Gefühle gleichzeitig in einem wüten.“ Angehörige rückten zusammen, füllten Formulare aus, organisierten die Suche. „Das Gefühl, handlungsfähig zu sein, hilft über den ersten Schlag hinweg“, sagt Jatzko. Andreas Lösches technischer, strategischer Umgang mit dem Fall, seine analytische Kühle, das Abarbeiten immer neuer Aufgaben – Jatzko hat das schon oft gesehen. „So eine quasi professionelle Distanz ist anfangs sehr sinnvoll, um Kraft zu sammeln für das, was kommt.“

Doch wer sich im Netz exponiert, zieht auch Hass auf sich. Andreas Lösche kennt dieses Internet-Gift. Kaum ist die Information im Netz, dass Sophia in einen marokkanischen Lkw gestiegen ist, stürzt sich das fremdenfeindliche Publikum darauf. Von rassistisch unterlegtem victim blaiming („Selber Schuld, wer in ein Auto mit marokkanischem Kennzeichen steigt!“) gepaart mit dem Rat, in die AfD einzutreten, bis hin zu Antisemitismus und Morddrohungen reichen die Kommentare.

Lösche und das Team reagieren mit einem Post in den Netzwerken: „Wir distanzieren uns klar von solchen rassistischen Spekulationen und verurteilen eine Vereinnahmung seitens rechter Gruppierungen!“ Doch ein Einhegen der Auswüchse scheint aussichtslos zu sein. Das Team muss die Kommentarfunktion der Facebook-Gruppe abstellen, ein wichtiges Mittel zur Kommunikation mit dem Schwarm.

Die ersten etwa 50 dieser Nachrichten hat Andreas Lösche sofort gelöscht, dann erst begann er sie auszudrucken und zu sammeln. Ein Stapel dieser Hass-Kommentare liegt vor ihm auf dem Wohnzimmertisch in Bamberg. Kopien hat er schon der Polizei übergeben. „Vielleicht werden wenigstens einige von denen belangt.“

Die Internetseite zu Sophias Suche gibt es übrigens noch. Ruft man sie auf, sieht man einen Brief von Andreas Lösche an die Polizei. Ob die ihn gelesen hat? Der Brief enthält auch eine Bitte: „Bringen Sie das nächste Mal dem Opfer, seinen Angehörigen und Freund*innen einfach Ihre ganze Empathie und Ihr volles Engagement entgegen, auch wenn es gerade auf ein Wochenende zugeht.“

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