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Die U19 Grünkraut/Bodnegg 

Foto: Antonia Franz

Auf der Terrasse vor dem Grünkrauter Fußballplatz wächst die Unzufriedenheit. Alteingesessene Legenden sitzen vor dem Sportheim bei Steakbrötchen und Bier, und wittern Verrat. „Das ist nicht mehr mein Verein“, murrt ein älterer Mann im weißen T-Shirt und rümpft die Nase. Das Weißbierglas in seiner Hand bebt. Er kennt kaum mehr Spieler auf dem Platz. Waldburg und Bodnegg in Baden-Württemberg, das waren doch immer Rivalen. Und jetzt? Jetzt spielen die im gleichen Trikot wie seine Grünkrauter Mannschaft, jetzt sind da diese Spielgemeinschaften mit ehemaligen Derby-Gegnern.

Auf dem Platz beobachtet der Mann die Herren Spielgemeinschaft Grünkraut/ Waldburg. In der vergangenen Saison wurden die Mannschaften beider Orte zusammengelegt, der Spielermangel war zu groß. Im Jugendbereich hat der Verein sogar schon seit acht Jahren einen Verbund mit einem anderen Nachbarort – Bodnegg.

Ein Mittwochabend, Nachholspiel der U19 Spielgemeinschaft Grünkraut/ Bodnegg. Das, was den Männern auf der Terrasse vor drei Tagen noch so wichtig war, ist Spieler Fritz, 19, völlig egal. Er zieht sein weißes Trikot über den schlaksigen Körper, die Nummer 3. Aus der Kabine dröhnt Rapmusik und Gelächter, der Trainer drängelt. „Jungs, los jetzt, aufwärmen.“ Nach und nach kommen die Jugendlichen raus, heute im Trikot des TSV Bodnegg, dafür Heimspiel auf Grünkrauter Rasen. Fritz zieht am Klettverschluss seiner Kapitänsbinde und trabt auf den Platz. Er klatscht mit seinen Kumpels aus dem Nachbarort ab, die meisten von ihnen überragt er. Die Mannschaft ist heute schwach besetzt, sechs Spieler verletzt, deshalb hat der Trainer auch ein paar Jüngere aus der U17 mit aufgestellt.

Für Fritz waren sie von klein auf eins: Grünkraut und Bodnegg. Die beiden Dörfer, die durch den Bus 21 und die Fußball-Spielgemeinschaft verbunden sind. Fritz ist zu jung, um sich noch an die Schmach seines Heimatvereins TSV Grünkraut von 2004 zu erinnern. Als sich Grünkraut und Bodnegg noch keine Sitzbank teilten und die Fans sich auf zwei Seiten gegenüberstanden. Als hunderte Grünkrauter am letzten Spieltag zum Fußballplatz pilgerten, die Meisterschaft-Shirts schon anhatten und mit Bier in der Hand den Aufstieg feiern wollten. Als Bodnegg in der Nachspielspielzeit das Ausgleichstor schoss und die Grünkrauter Aufstiegsträume in sich zusammenfielen. Für Fritz ist die Rivalität der beiden Dörfer nicht mehr als ein paar ausgeblichene T-Shirts, die in den Kleiderschränken eingefleischter Bodnegger Fans verstauben und auf denen der Spruch „Ohne Doping und Redbull – Bodnegg Grünkraut 7:0“ kaum noch zu erkennen ist. Heute blicken sie von einer Seite am Spielfeldrand auf ihre Jugendmannschaft.

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Foto: Antonia Franz

Dorfvereine in ganz Deutschland haben Probleme Nachwuchs zu finden. Allein zwischen 2016 und 2017 ist die Anzahl der Mannschaften im Deutschen Fußball-Bund (DFB) um mehr als 2.200 gesunken, 1.400 davon im Jugendbereich. Im Jahr 2016 hat der DFB zu sogenannten „Drop-Out-Gründen“, also Gründen von Jugendlichen ihren Fußballverein zu verlassen, eine Studie in Auftrag gegeben. Dabei fanden die Forscher heraus, dass es viele verschiedene Gründe für den Austritt aus den Vereinen gibt. Die meist genannten waren jedoch mangelndes Interesse und Spaß, Unzufriedenheit mit der Mannschaft oder dem Trainer oder auch fehlende Unterstützung und zeitliche Gründe.   

Mit sinkenden Spielerzahlen steigt die Anzahl der Spielgemeinschaften. In Baden-Württemberg sind ein Viertel der Jugendmannschaften zusammengeschlossene Teams. Bis zu drei Vereine dürfen dort zusammenspielen, die Vorschriften sind je nach Bundesland unterschiedlich. Was jedoch überall gleich ist: Spielgemeinschaften dürfen nicht unbegrenzt aufsteigen und am Spielbetrieb des DFB nicht teilnehmen. Trotzdem gibt es auch bei den Erwachsenen-Mannschaften, bei Männern wie Frauen, immer mehr Spielgemeinschaften. Für die älteren Grünkrauter Fans war das ein Zusammenschluss zu viel.

„Das ist Lokalpatriotismus, die können sich nicht mehr mit ihrem Verein identifizieren“

Zurück auf der Terrasse vor dem Grünkrauter Fußballplatz. Dass die Herren, die Stars des Vereins, nun auch noch mit Waldburg spielen, das ist hier schon fast ein Skandal. Auf dem Platz hat die Heimmannschaft eine Torchance nach der anderen. Die Spielgemeinschaft führt nach der ersten Halbzeit mit 1:0. „Jungs, mehr nach vorne“, brüllt der Trainer von der Seitenlinie und läuft hektisch auf und ab. Die Mannschaft spielt gut zusammen, die Pässe kommen an, im Zweikampf sind sie stark. Die Spieler tragen graue Trikots mit grell-grüner Schrift darauf, wer aus Grünkraut oder Waldburg kommt, ist von außen nicht zu erkennen. Als in der vorletzten Minute das 2:0 fällt, stürmen alle dem Torschützen entgegen.

„Die Mannschaft hat den Zusammenschluss von Anfang an von der sportlichen Seite gesehen“, sagt Julius, zweiter Spielführer der neuen Spielgemeinschaft mit Waldburg. Julius und seine Teamkollegen kannten sich zwar nicht, aber sie haben sich schnell zusammengerauft. Der Unmut der älteren Grünkrauter Fans ist aber auch an den Spielern nicht vorbeigegangen. „Das ist Lokalpatriotismus, die können sich nicht mehr mit ihrem Verein identifizieren, wenn jetzt noch eine andere Mannschaft mitspielt“, sagt Julius.

Es ist dieses Gefühl des zerrinnenden Zusammenhalts der Grünkrauter, die Angst, die geliebten Sonntage auf dem Fußballplatz zu verlieren. Und das nicht ganz unbegründet. Denn Heimspiele auf Grünkrauter Rasen finden fast nur noch alle vier Wochen statt, schließlich ist jedes zweite in Waldburg. Es kostet nicht nur die Zuschauer Überwindung, den Sonntag in den Nachbarort zu verlegen. Für den Wirt des Sportheims ist es eine Existenzfrage. Die Heimspiele der ersten Mannschaft sind seine Haupteinnahmequelle.

„Das Problem ist einfach das Training, da kommt kein Spieler“

„Wenn du zukunftsfähig sein willst, dann musst du Spielgemeinschaften bilden. Sonst bleibst du auf der Strecke.“ Diese Position vertritt Markus Stordel seit Langem gegen den Willen vieler Vereinsmitglieder. Er ist Abteilungsleiter Fußball in Grünkraut und wird von allen nur Zico, der weiße Brasilianer genannt. Zico hat noch als Spieler erbitterte Duelle gegen die ehemaligen Rivalen Bodnegg und Waldburg ausgetragen und weiß, dass es für einen Verein nichts Größeres gibt als ein Derby. Doch bei der Frage nach dem sportlichen Überleben seines Vereins hört für ihn die Rivalität auf. Als er die Spielgemeinschaft mit Waldburg vorgeschlagen hat, hätte er auch nie mit so großem Widerstand gerechnet. Doch bei einer eigens einberufenen Vereinssitzung, wurde er mit der Realität konfrontiert. Das Vereinsheim brechend voll, 80 bis 90 Mitglieder drängten sich zwischen den Tischen und Siegerwimpeln aus erfolgreichen Saisons und wandten sich gegen ihn. „Da kommen dann Leute an, die hast du 20 Jahre nicht auf dem Platz gesehen, und meinen, sie wüssten alles besser“, sagt Zico.

Die Fans verstehen die Gründe des Zusammenschlusses mit Waldburg nicht, es gebe doch genug Spieler bei den Herren. „Das Problem ist einfach das Training, da kommt kein Spieler, wenn er eh weiß, dass er am Wochenende beim Spiel dabei ist, weil wir nicht genug Leute im Kader haben“, sagt Zico. Vor allem Studenten, die aus den Städten nur am Wochenende nach Hause fahren, können am Training oft nicht teilnehmen. Da seien Spielgemeinschaften einfach die ideale Lösung. „Wir wollen fußballerisch weiterkommen und nicht irgendwelche Kriegsbeile von vor 200 Jahren ausgraben.“

Nach dem Spiel der SGM Grünkraut/ Waldburg liegt ein grüner Flyer zerknittert neben dem Sportplatz. Eine Einladung zur „Waldkraut-Saisonabschlussparty“. Ein paar Jungs haben sie während des Spiels unter den Zuschauern verteilt. Ein Angebot auch an die Kritiker. Vielleicht kommt ja der ein oder andere alteingesessene Fan vorbei. Es wäre schließlich eine gute Möglichkeit für Steakbrötchen und Bier auf der Terrasse vor dem Grünkrauter Fußballplatz.

Dieser Text erschien zuerst im Magazin Pronx - Bock auf Provinz, dem 45. Klartext-Magazin der Deutschen Journalistenschule

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