Machen Sprachassistenten uns unselbstständig?

Unsere Autorin hat nie mit einem gesprochen. Jetzt überlässt sie ihr Leben für drei Tage Siri.
Von Ekaterina Astafeva

Verstehen Sprachassistenten wie Siri und Alexa wirklich alle Befehle? Erleichtern sie uns so unser Leben?

Illustration: Julia Schubert

Hey, Siri“, „Okay, Google“, oder „Alexa?“ haben die meisten von uns schon einmal gesagt. Jüngste Studien zeigen: etwa 60% aller Deutschen haben schon einmal einen Sprachassistenten genutzt, ungefähr jeder Dritte tut es regelmäßig. 

Aber helfen uns Sprachassistenten im Alltag wirklich weiter? Und läuft man daher Gefahr, von seinen digitalen Helfern abhängig zu werden? Das will ich herausfinden – obwohl oder gerade weil ich bisher immer skeptisch gegenüber Sprachassistenten war. Ich stelle mir eine Herausforderung: Drei Tage lang werde ich mein Handy nur noch mit Siri bedienen: egal, ob Nachrichten senden, Musik hören oder nach dem Weg suchen. 

Unsere Autorin, die drei Tage lang ihr Leben Siri überlassen hat.

Foto: Ekaterina Astafeva

Tag 1: Hey, Siri, wie wird das Wetter heute?

Mein erstes Gespräch mit Siri führe ich beim Frühstück. Ich mache mir ein Brötchen, schenke einen Kaffee ein, setze mich an den Tisch. Womit soll ich anfangen? Jeder gute Small-Talk startet mit dem Wetter. Also: „Hey, Siri, wie wird das Wetter heute?“, frage ich. Sie meint, draußen habe es zwei Grad, außerdem sei es bewölkt. „Danke, Siri.“ Danach will ich Nachrichten lesen. Siri liest sie mir – anders als befürchtet – nicht selbst mit ihrer unnatürlichen Stimme vor. Stattdessen schlägt sie mir einen spannenden Podcast mit den wichtigsten Nachrichten des Tages in 100 Sekunden vor. Ein guter Anfang!

Nach dem Frühstück fahre ich zur Uni. Auf dem Weg höre ich wieder Musik. Allerdings will Siri auf keinen Fall meine üblichen Lieblingssongs (eine Mischung aus Kanye und Sheeran) starten – versteht sie mich überhaupt? Stattdessen setzt sie mir Lieder aus der „Herbststimmung“-Liste vor. Das ist zwar nicht das, was ich will, aber so lerne ich zumindest Neues kennen. Mit Missverständnissen mit Siri muss man sich anscheinend sowieso abfinden. Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigte: Siri versteht zwar fast alle Fragen, antwortet aber nur auf 75% davon richtig.

An der Uni habe ich den ganzen Tag ein Blockseminar. Für die Gruppenarbeit muss ich einige Informationen im Internet suchen – und auch dafür muss ich mich jetzt bei Siri melden. Ich bitte sie flüsternd mir Wikipedia zu öffnen. Sie erwidert so laut, dass es alle hören können: „Ich bin ganz Ohr!“ Ach, Siri, halt einfach die Klappe!

Den Rest des Tages verbringe ich die Zeit an meinem Laptop, wo es zum Glück noch keine Siri gibt, aber ohne WLAN auch kein Internet.

Auf dem Heimweg frage ich Siri, wie lange ich noch nach Hause brauche. Sie antwortet: „Deine Meinung ist die, die zählt.“ Sehr philosophisch ... Aber die Antwort hilft trotzdem nicht. Sie sorgt nur dafür, dass mich der Typ gegenüber komisch anschaut – vermutlich denkt er, dass ich mit mir selbst rede? Bis zu meiner Station starre ich aus dem Fenster. Ich habe keine Lust mehr auf mein Handy. 

Tag 2: Hey, Siri, halt dich aus meiner Beziehung raus! 

Am nächsten Tag wartet auf mich noch eine Überraschung: Anscheinend sagte ich Siri gestern vor dem Einschlafen: „Stell einen Wecker für morgen um sieben.“ Im Bett war ich aber erst nach Mitternacht, also am selben Tag. Resultat? Ich verschlief natürlich und muss jetzt zur U-Bahn rennen.

Auf dem Weg will ich schnell prüfen, ob ich den nächsten Zug noch schaffen kann. „Hey, Siri, wann kommt die nächste Bahn zur Uni?“ Auf diese Frage antwortet Siri mit einer Tirade: „Ich kenne deine Schul-Adresse nicht. Ich weiß eigentlich gar nichts über dich.“ Ich mag Siri spätestens jetzt nicht mehr hören. Mir geht es da wohl ähnlich wie den meisten Nutzern: Nur 28 Prozent der Befragten sind überzeugt von ihr. Alexa dagegen kommt besser an: Vier aus fünf Befragten mögen deren Stimme und nehmen sie fast wie eine reale Person wahr.

Einen Vorwurf von Siri habe ich trotz meines Wissens um diese Zahl nicht erwartet. Und sie frustriert mich noch mehr: Sogar als ich die Adresse einbuchstabiere, zeigt sie nur die Route für Autos in AppleMaps. Bis ich den Fahrplan an der Haltestelle finde, ist mein Anschlusszug schon abgefahren. 

Wann der nächste Zug kommt, konnte Siri unserer Autorin leider nicht sagen.

Foto: Ekaterina Astafeva

Eine weitere Herausforderung, die mich zunehmend nervt, ist, mit meinen Freunden zu schreiben. Die App Telegram, mit der ich normalerweise mit meinem Kreis kommuniziere, kann Siri zwar öffnen, aber sie schickt keine Nachrichten ab. Daher bin ich gezwungen, mich auf Personen zu begrenzen, die auch iMessage auf dem Handy haben. Zum Glück ist mein Freund auch dabei, sonst hätten Siri und ich ein ernstes Problem miteinander gehabt. 

So finde ich heraus, dass Siri keine indirekte Rede versteht. Sie schickt meine Nachrichten genauso, wie ich sie diktiere. Mit „Ich bin bald da“ klappt es noch relativ gut. Aber mein Freund war etwas überrascht, als er eine Nachricht „Ich liebe ihn“ bekam.

Die Lösung scheint einfach: Ich soll in direkter Rede diktieren. Aber wenn ich zum fünften Mal sage „Hey, Siri, schreib mal, ich liebe dich“, kommt mir das ziemlich creepy vor. Es ist so ein komisches Gefühl, einen so intimen Satz in mein Handy zu sprechen. Und obwohl man heutzutage ja eh nur noch durch einen Messenger als einen Vermittler kommuniziert, fühlt Siri sich fast an wie eine „dritte Person“. Sie stört mich. Den Rest des Tages telefoniere ich nur noch und am Abend bin ich froh über ein Gespräch mit meinem Freund.

Tag 3: Nein, Siri, du Idiotin!

Am dritten Tag schaffe ich es meinen Wecker richtig einzustellen, meinen Zug zu erwischen und ein paar Nachrichten ohne peinliche Fehler zu schicken. Aber langsam nervt mich Siri – ich kann kaum etwas machen, was zu meinem Handy-Alltag gehört. Ich muss auf meine Sticker in Telegram verzichten, ich kann nicht mehr meine Lieblingsmusik hören und sogar ein Foto zu machen, ist eigentlich stressig – Siri öffnet die App, aber auf die Taste soll ich selbst drücken. Warum nennt man Siri überhaupt „künstliche Intelligenz“, wenn sie doch so dumm ist?

Ich rufe Bertolt Meyer an. Er ist Psychologe und Technologe und lehrt an der Technischen Universität Chemnitz. Er glaubt, das Problem bestehe darin, dass man den Begriff „Intelligenz“ überhaupt schwer definieren kann. „Wenn ich aus psychologischer Sicht versuchen sollte, den Begriff Intelligenz zu definieren, würde ich sagen, es ist die Fähigkeit sich nach Umwelt zurecht zu finden, Probleme zu lösen. Das kann Siri nicht. Deshalb würde ich Siri nicht für besonders intelligent halten.“

Siri soll mir am Abend den Weg zu einem Café zeigen. Auf der Straße versteht sie mich kaum. „Hier sind Cafés in der Nähe“, antwortet sie immer wieder, aber keins davon ist das, was ich nannte. Als ich das dreimal wiederhole, höre ich frustriert auf und finde den Weg ohne Hilfe. Als ich danach meinem Freund schreiben will, verwechselt sie die Hälfte der Wörter. „Senden?“ Dieses ständige Gefrage ärgert mich so, dass ich sie einfach anpampe: „Nein, Siri, du Idiotin!“ Darauf antwortet sie allerdings nichts.

„Werde ich verrückt?“

Warum schreie ich eine Sprachassistentin an, obwohl ich weiß, dass es nur ein Programm ist? Ich fange an, Siri sehr menschlich wahrzunehmen, in guter Laune frage ich, wie es ihr geht, in schlechter, ob sie dumm ist.  Werde ich verrückt?

Bertolt Meyer  hält mein Verhalten für vollkommen normal. „Das passiert  ganz natürlich: Immer wenn wir als Menschen das Gefühl haben, da handelt etwas mit einer Intention, dann unterstellen wir dem Gegenstand menschliche Qualitäten. Das kann auch dazu führen, dass wir mit Siri schimpfen.“

Auch nach drei Tagen mit Siri verstehe ich immer noch nicht, was viele an Sprachassistenten so toll finden. Siri war weder hilfreich, noch angenehm zu nutzen. Ich musste auf den Großteil meines digitalen Alltags komplett verzichten – einfach, weil sie nicht fähig war, meine Befehle auszuführen. Ich werde Siri nicht mehr häufig verwenden. Vielleicht frage ich sie ab und zu nach dem Wetter – Small-Talk kann sie schon ganz gut.

Ekaterina Astafeva ist Schülerin der Deutschen Journalistenschule. Dieser Text ist entstanden im Rahmen des Zündfunk-Netzkongresses, dem Digital Kongress vom Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

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