"Es war schwer, die Emotionen, die auf mich einbrachen, zu verarbeiten"

Der philippinische Illustrator Terence Eduarte hat 100 Tage lang Menschen illustriert – im Gegenzug haben sie ihm ihre Geheimnisse verraten.
Interview von Berit Dießelkämper
cover 100 days of secrets
Foto: Terence Eduarte / instagram

Was Menschen mit ihren Geheimnissen machen, ist relativ schnell erzählt: Sie halten sie geheim. In der Regel. Einige Geheimnisse bleiben ein ganzes Leben lang im Verborgenen – aus Angst, aus Scham oder aus Verzweiflung. Aber manchmal hilft es, die Geheimnisse einem Fremden zu erzählen.

Der philippinische Illustrator Terence Eduarte hat an einem weltweiten Kunstprojekt teilgenommen und Menschen porträtiert – aber nur, wenn sie ihm dafür ihre Geheimnisse verraten haben. Das sind manchmal nur Kleinigkeiten, aber manchmal eben auch sehr bewegende und beängstigende Bekenntnisse.

suicide note

"I burned the suicide note I wrote a month ago. Today is a good day."

Illustration: Terence Eduarte
cancer

"I tell people my mom died from cancer when she actually died from cirrhosis due to alcoholism. I didn't want people to think she was a horrible mother. We were close no matter how different the alcohol made her sometimes."

Illustration: Terence Eduarte
100

"It was my 28th birthday last week and no one remembered it. Not a single call or text from my friends and family. So I woke up the next day, sat outside my house and cried quietly. My dog came and started crying too. It was the most beautiful thing someone has ever done for me."

Illustration: Terence Eduarte
grandmother

"I wanted to visit my grandmother in the hospital but it was a long walk and I got lazy. The next day, she passed away."

Illustration: Terence Eduarte
buliimic

"One day, I came home from the university and my mother told me to cover up my legs in front of my friends. She didn't want them to realize I had gained weight and she said she was just protecting me from gossip. The comment didn't leave my mind and I've been bulimic ever since."

Illustration: Terence Eduarte
hiv

"It's been two and a half years but I still can't tell those around me that I am HIV positive. So instead of focusing on what I can't do, I volunteer to help change the stigma around HIV."

Illustration: Terence Eduarte
miscarried

"I told my unborn son I wasn't ready to be loved by him. The next day I miscarried."

Illustration: Terence Eduarte
victim blaming

"I got drugged and raped by someone i knew and can't get myself to tell anyone for fear of victim blaming. But on most days, i can't help but victim blame myself."

Illustration: Terence Eduarte
friend

"I created an imaginary friend as a coping mechanism for my depression. Now I want to make her disappear but she keeps coming back."

Illustration: Terence Eduarte
prada

"I buy stuff I can't afford to make people believe I am someone who I am not. They see Prada and Burberry while my bank account is on the verge of ruining my life."

Illustration: Terence Eduarte

jetzt: Terence, was war die Idee hinter deinem Projekt und wie hast du sie umgesetzt?

Terence Eduarte: Ein Freund erzählte mir von Elle Lunas #100DayProject. Es war das erste mal, dass ich an einem täglichen Illustrationsprojekt teilgenommen habe. Aber mir war von Anfang an klar, dass ich porträtieren wollte. Ich wusste auch, dass diese Porträts eine Geschichte haben sollten.

Sind die Illustrationen fiktiv oder sehen die Menschen tatsächlich so aus?

Ja, das tun sie. Nun ja, zumindest habe ich versucht, dass sie ihnen ähnlich sehen. Nur ihre Posen, die habe ich mir ausgedacht, um sie an die Geschichte anzugleichen.

Wie haben die Menschen reagiert, als du sie nach ihren Geheimnissen gefragt hast? 

Zunächst waren es nur einige kleinere, alberne Geheimnisse meiner Freunde. Mit der Zeit hat sich das Projekt verselbständigt und wurde zu einem Ventil für viele verschiedene Menschen, die ihre Gedanken und Gefühle normalerweise zurückhalten würden. Nur einige wenige von ihnen wollten anonym bleiben.

Einige der Geheimnisse und Geständnisse sind grauenvoll und verstörend – wie gehst du damit um?

Ich habe eine ganze Reihe Geheimnisse aus der ganzen Welt erhalten. Das war sehr überwältigend, aber ich habe versucht, auf jede E-Mail oder Nachricht zu antworten. Es gab Zeiten, in denen wurde es richtig taff. Es war schwer, die Emotionen, die auf mich einbrachen, zu verarbeiten.

Weißt du, wie sich die Personen gefühlt haben, als sie dir ihre Geheimnisse verraten haben?

Eine Person schrieb mir, sie fühle sich "unendlich viel leichter". Sie hatte dieses Geheimnis schon zu lange mit sich herumgetragen und fühlte sich nun befreit, da sie es endlich mit jemandem teilen konnte.

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