Lino wird gerade von Millionen K-Pop-Fans mit Anfragen bombardiert

Sie wollen nämlich alle sein Twitter-Handle haben. Jetzt erzählt der Hamburger, warum es eigentlich um viel mehr geht, als nur den Namen.
Interview von Magdalena Pulz
interview lino helms2

Foto: privat

Lino - vier Buchstaben, die es in sich haben: Mit einem @ davor ist es nämlich das Twitter-Handle von Lino Helms, einem 32-jährigen Unternehmer aus Hamburg, dessen Jobbeschreibung „Software bauen“ und „Datenzeugs“ beinhaltet. Sein Twitter-Handle @lino mit etwas über 3000 Follower*innen ist eine Art heiliger Gral für Millionen Menschen, die diesen Account-Namen für sich gewinnen wollen. 

Die Geschichte dahinter ist ein bisschen unglaublich: Lino klingt nämlich ähnlich wie der Name „Lee Know“, oft auch als „Minho“ geschrieben. So heißt ein Mitglied der koreanischen K-Pop-Band „Stray Kids“, deren Fans nun wiederum Lino Helms digital überrennen, um eben an sein Handle zu kommen. Inzwischen ist die ganze Sache ziemlich aus dem Ruder gelaufen: zu Hochzeiten würden ihn pro Sekunde zwischen 50 bis 100 Accounts aus der K-Pop-Fan-Blase kontaktieren, so Lino. Was er dagegen tut und warum er sein Handle nicht einfach aufgibt, erzählt er hier.

jetzt: Wie fühlt man sich so, als Celebrity in der K-Pop-Bubble?

Lino Helms: Happy bin ich darüber nicht. Ich habe Freunde, die mich darum beneidet haben, dass ich in der K-Pop-Szene so viel Aufmerksamkeit bekomme. Da sag ich immer: Wenn ich das gewollt hätte, dann wäre ich zu einem Casting gegangen – und hätte gewusst, was auf mich zukommt. 

Was wollen die Fans überhaupt mit dem Handle @Lino? Das ist ja nicht einmal der „echte“ Name des K-Pop-Stars Lee Know.  

Die Leute hoffen, so ihrem Vorbild nahe sein zu können, oder sich zumindest als eine Art „Superfan“ zu profilieren. So nach dem Motto: „Ich habe diesen Account ergattert, ich habe also den Dicksten.“ Ich glaube, dass die Fan-Bubble sogar für die K-Pop-Stars heftig ist. Wenige davon sind wirklich in den sozialen Medien aktiv. Die würden vermutlich das, was mir jetzt passiert, mal Tausend abbekommen. Ich bin jeden Tag froh, kein K-Pop-Star zu sein, sondern nur eine obskure Randfigur der Fankultur.

Wann ging der Zirkus auf deinem Account eigentlich los?

Die Band gibt es seit etwa drei Jahren. Am Anfang war es nur eine Anfrage die Woche – aber irgendwann hat sich das alles aufgeschaukelt. Als dann zehn User am Tag kamen, die mir je 15-20 Nachrichten geschrieben haben, ob sie mein Handle haben können, habe ich angefangen, Accounts zu blocken. Da haben die sich wohl gedacht: „Ey was ist das für ein komischer Dude, ich fühl’ mich persönlich angegriffen.“ Und stachelten dann ihre Freunde auf, mich ebenfalls mit Nachrichten zu bombardieren, mich zu beleidigen, oder auch einfach mich mit K-Pop-Memes zu zu spammen. Das ist schon lästig.

Wie wirkt sich das auf deine Twitter-Seite aus? 

Ich habe vor Kurzem ein Youtube-Video hochgeladen, wo ich die Interaktionen auf meinem Account abgefilmt habe. Das ist sieben Minuten lang, und man sieht die abstruse Menge an Anfragen und sonstigen Nachrichten zu dem Thema. Das sind, wenn es dumm läuft, ein paar Hunderttausend am Tag. Ist aber nicht jeden Tag so schlimm, gerade sind es nur noch ein paar Tausend. 

Interactions

Aber du hast auch Gegenmaßnahmen ergriffen.

Ich kann sonst meinen Account eigentlich nicht benutzen, weil die K-Pop-Fans alles in meinem Newsfeed übertönen. Deswegen habe ich einen Bot programmiert, der die K-Pop-Bubble blockt, indem er automatisch auch die Follower von geblockten Leute mit ausschließt.

Zwölf Millionen Accounts blendest du so inzwischen aus. „Stray Kids“ hat auf Twitter aber nur 2,6 Millionen Follower*innen. Das können also alles gar nicht nur Fans sein?

Nein, es geht nicht mehr nur um die Band. Ich bin der gemeinsame Gegner von Teilen der K-Pop-Szene, die sonst untereinander „verfeindet“ sind, aber sich gegen mich verbünden, weil ich sie einfach alle blocke. Ein paar der Anfragen kommen vermutlich auch von Bots. Aber es gibt auch User, die sagen: „Ich weiß, warum du uns alle blockst: Du bist nämlich ein Rassist und hasst alle Koreaner!“

„Bubble-Phänomene gibt es in Deutschland genauso, nur halt nicht in Millionenstärke“ 

Und? Ist da was dran?

Nein natürlich nicht. Was mir passiert, ist überhaupt kein koreanisches oder asiatisches Problem, sondern liegt schlicht an der Größe der Fan-Blase. Solche Bubble-Phänomene gibt es in Deutschland genauso, nur halt nicht in Millionenstärke. Aber auch hier haben gesellschaftlich marginalisierte Gruppen wie Frauen und Minderheiten das Problem, dass sie in den sozialen Medien massiv „targeted Harassment“, also gezielten Angriffen, ausgesetzt sind.

Warum gibst du denen nicht einfach dein Handle? Dann hättest du deine Ruhe. 

Zum einen geht das gar nicht. Wenn ich meinen Account lösche, und mein Handle wieder frei wird, kriegt das keiner, weil so kurze Namen auf Twitter nicht mehr erlaubt sind. Das ging nur in der Anfangsphase der Plattform. Aber das ist nicht der einzige Grund. Ich will jetzt nicht so tun, als ob ich nicht verkaufen würde, weil ich so ein geiler Typ bin und Prinzipien habe. Aber ich sehe es einfach nicht ein, da nachzugeben – und ich kann mich wehren.

Wie meinst du das?

Für mich sind die vielen Interaktionen eine technische Herausforderung, die ich mit meinem Bot lösen kann. Aber stell dir vor, das Handle hätte einem Teenager gehört und der bekommt da den totalen Shitstorm ab – monatelang. Das ist schon kritisch, selbst wenn die meisten aus der Bubble erst einmal nichts Böses wollen. Aber ich kriege auch Nachrichten wie: „Ich will alle deine Kinder töten.“ Nicht eines, oder zwei, nein alle! Aber auch so nervt es, weil es mir nicht zum ersten Mal passiert. 

„Meine einfache Domain ist mir wichtiger als Betrag X“

Wie? Wer will denn noch an deinen Twitter-Handle?

Es gab einmal einen französischen Rapper mit dem Namen. Und natürlich einen italienischer Schauspieler, Lino Guanciale. Da haben sich öfter Fans bei mir gemeldet. Und einmal wollte jemand auch meinen Mail-Namen kaufen; der ist auch sehr kurz, und deswegen offenbar begehrenswert. Das war ein Start-up-Unternehmen, 150 000 Dollar haben die mir geboten. 

Oha! Und da sagst du nein?

Ja, für mich ist das nicht nur eine Frage des Geldes. Da bin ich natürlich privilegiert, aber weil ich einen Job habe, kann ich mir denken: Machen 150 000 Dollar mit mir etwas, außer dass ich sehr viel Steuern zahlen muss? Ich bin da so Marie-Kondo-mäßig drauf: Meine einfache Domain ist mir wichtiger als Betrag X. Wäre das ein soziales Projekt gewesen, wie etwa eine Seenotrettung oder so, hätte ich es vielleicht gemacht.

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