„Möge an jedem Tag Deiner Harz-Wanderung Nieselregen sein“

Politisch korrekt beleidigen – geht das überhaupt? Twitter-Nutzer*innen machen Vorschläge.

Illustration: jetzt

Jemanden ordentlich zu beschimpfen, ist eine Kunst. Mit „Du törichter Kerl, du!“ oder „Narr!“ kann man wohl seit Jahrzehnten nicht mehr punkten, und auch „du Scheusal“ ballert einfach nicht so richtig. Eine gelungene Beleidigung muss ja nicht nur zeitgemäß sein und den richtigen Klang haben, nein, sie sollte auch noch politisch korrekt sein: Niemandem sollte heutzutage noch ein  B**tch oder F***ze rausrutschen. Bei Beschimpfungen dieser Art ist das Problem, dass sie nicht nur das Ziel der Schmähung treffen; nennt jemand seinen Nachbarn etwa im Üblen „Du Bauer“, zeigt er damit auch, dass er den Beruf der Landwirte nicht wertschätzt, genauso wie „du beleidigte Leberwurst“ negative Gefühle gegenüber Streichwürsten bezeugt. Lustig bei Wurst, nicht so lustig, wenn es Minderheiten wie beispielsweise Menschen mit Behinderung diskriminiert. 

Umso besser, dass es endlich einen öffentlichen Diskurs zum Thema „richtig beleidigen“ gibt, einen, der versucht herauszufinden, was denn nun gesagt werden kann, ohne eine unbeteiligte dritte Partie implizit zu verletzen. Auf Twitter formulierte die Kultur- und Literaturwischaftlering Madita Oeming die Frage: „WIE kann ich jemanden beleidigen, ohne dabei klassistisch, ableistisch, rassistisch, homofeindlich, body shamend oder sonst in irgendeiner Form eklig diskriminierend zu sein?“

Bisher wurde der Tweet mehr als 1000 Mal kommentiert. Und die meisten Antworten waren von sehr persönlicher Natur, sagen wir mal so. Trigger-Warnung: Ab hier wird es explizit.

Das Durchscrollen des Threads macht besonders viel Freude, weil man Neues lernt. Denn auch wenn die meisten Vorschläge natürlich nicht ganz ernst gemeint sind, wird doch klar, wie verfänglich viele übliche Beleidigungen eigentlich sind. Darüber diskutieren Oeming und andere Twitter*innen unter den Beiträgen. Auf „Du bist ein schlechter Mensch & von innen hässlich“ antworte Oeming etwa, ob man damit nicht vielleicht doch „Lookism“ reproduziere, also die Diskriminierung von als unattraktiv geltenden Menschen. Auch das Konzept „schlechter Mensch“ beherberge Essentialismus, eine Wesensphilosophie, die gerade im Genderdiskurs mit diskussionswürdigen Handlungsanweisungen korreliert. Überspitztes Beispiel, das hier nur zur Illustration von Essentialismus gebracht wird: Jede Frau ist in ihrem innersten dazu gemacht, Mutter zu sein, deswegen sind andere Lebensentwürfe nicht passend. Ist natürlich Quatsch, aber die Einordnung von Oeming ist trotzdem schlau.

Einige Klassiker bleiben uns aber auch nach der neuen sprachlichen Sensibilisierung. „Arschloch“ ist für den Twitter-User Jakob etwa „eine wunderbar universale, vulgäre Beleidigung (...) Jeder versteht es, man hat es im Wortschatz und muss sich nicht neu trainieren.“ Auch wieder wahr.

Nun gut, einige der Schmähungen hat man vielleicht schon mal gehört, und als langweilig befunden. Aber dass den Normalbürger*innen vielleicht irgendwann die sprachliche Phantasie ausgeht, ist ja auch ok. Dann müssen eben die Profis ran. Erstaunlich giftige Vorschläge machte der renommierte Autor Saša Stanišić. Zum Beispiel wünschte er: „Möge an jedem Tag Deiner Harz-Wanderung Nieselregen sein.“

Wenn diese Twitter-Diskussion nicht später einmal in einem Museum landet, wissen wir auch nicht. Und wer aus der Debatte sonst nichts mitnimmt, weiß nun zumindest: Mit Autor*innen und anderen Sprachwissenschaftler*innen sollte man sich lieber nicht anlegen. Wobei, eine weitere Bevölkerungsgruppe machte auch ganz schön Eindruck in der Beschimpfungs-Aufzählung: Österreicher*innen. Oder zumindest die Landsfrau und  Journalistin Hanna Herbst. Oder wüsste wer, was man auf „gschissener Wappler“ kontern könnte?

mpu

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