elternkolumne sorgen jetzt
Illustration: Lucia Götz

Als meine langjährige Beziehung wegen einer Affäre meines damaligen Freundes zerbrach, war ich mehrere Monate lang ein Häuflein Elend. Ich aß kaum, trank dafür zu oft und zu viel Alkohol, brach regelmäßig in Tränen aus und verbrachte möglichst wenig Zeit in meiner Wohnung. Ich nistete mich ständig bei irgendwelchen Freunden ein, schlief in ihren Betten und auf ihren Sofas. Und irgendwann fragte mich eine Freundin: „Warum fährst du eigentlich nicht mal nach Hause?“

Sie meinte das nicht im Sinne von „Du nervst mich langsam, bitte such dir mal einen anderen Ort zum Ausheulen“ (zumindest hoffe ich das), sondern sie fragte mit ehrlichem Interesse und wohl auch, weil sie mir einen guten Rat geben wollte. Denn wenn sie sich in meine Situation hinein versetzte, war ein für sie völlig logischer Gedankengang: großer Schmerz und große Hilflosigkeit —> schnell zu Mama, das hilft! Für mich allerdings war der logische Gedankengang: großer Schmerz und große Hilflosigkeit —> kurz daheim Bescheid sagen, dass es grade ein bisschen kriselt – und ansonsten erst mal Abstand zur Familie.

Das darf man jetzt nicht falsch verstehen. Ich komme aus einem sehr stabilen und fürsorglichen Elternhaus. Sollte ich mal pleite gehen oder noch mal betrogen werden, sollte meine Wohnung abbrennen, ich mir ein Bein brechen oder eine Krankheit mich mehrere Wochen, Monate oder Jahre außer Gefecht setzen – Mama und Papa würden mich aufnehmen. Es ist ein unglaublich schönes Gefühl und gibt mir Sicherheit, dass ich theoretisch immer nach Hause könnte, wenn es hart auf hart kommen sollte. Aber: Ich würde nicht wollen. Zumindest nicht immer. Mit dem gebrochenen Bein oder nach dem Brand in der Wohnung würde ich mich sofort in ihre Obhut begeben. Pleite oder mit Liebeskummer eher nicht.

Es ist nämlich so: Jetzt, wo ich erwachsen und finanziell unabhängig bin, habe ich das Gefühl, die Sorge meiner Eltern nur zu verdienen, wenn mir das Schicksal übel mitspielt. Wenn ich also unglücklich eine Treppe runterfalle oder es einen Kurzschluss am Herd gab. Wenn mich ein fieser Grippevirus niederstreckt oder ich von einem Auto angefahren werde, obwohl die Fußgängerampel grün war. Aber bei allem, was schief läuft und irgendwie in meiner Verantwortung liegt, möchte ich sie nicht um Hilfe und Trost bitten. Kurz und vereinfacht gesagt: Ich will vor meinen Eltern nicht als Versagerin dastehen. Ich will ihnen nichts gestehen, bei dem sie denken könnten, ich hätte es selbst verbockt. Wenn ich mich also in die Pleite manövriere, dann ist das zu sehr meine Schuld, als dass ich sie um Hilfe bitten will. 

Meine Eltern sollen denken, dass ich alles im Griff habe – egal ob Finanzen oder die Liebe

Und ja, auch der Liebeskummer ist so ein Fall: Ich weiß, dass ich eigentlich nicht schuld bin, wenn ich betrogen und verlassen werde. Aber ich befürchte eben, meine Eltern könnten denken, dass ich einen Fehler gemacht habe, der meinen Partner dazu gebracht hat, das zu tun. Dass die Partnerwahl an sich ein Fehler war, dass ich zu lange daran festgehalten habe. Oder dass ich einfach keine gute Freundin war. Zum einen bin ich also einfach zu stolz, mich ihnen als geschasstes Häuflein Elend zu präsentieren. Gleichzeitig will ich einfach nicht, dass sie sich Sorgen machen, ich würde nicht fest genug im Leben stehen. Sie sollen lieber denken, dass ich alles im Griff habe. Dass das alles halb so schlimm ist.

Ein anderer Grund, warum ich damals als Liebeskummer-Trauerkloß nicht daheim Zuflucht gesucht habe, ist die Tatsache, dass ich seit meinem dreizehnten Lebensjahr mit meinen Eltern kaum noch über Gefühle und Sorgen gesprochen habe. Ich weiß auch nicht so genau, warum. Vielleicht aus ähnlichen Gründen wie den oben beschriebenen: Trauer fühlt sich seitdem zu sehr nach eigener Verantwortung an. Nach etwas, von dem ich vor meinen Eltern den Schein wahren will, dass ich es mit reiner Willensstärke in den Griff kriege. Vielleicht ist auch nicht die Gesprächsebene verloren gegangen, sondern die Beziehungsebene, auf der ich vor ihnen emotional schwach sein kann. Als Kind war das in Ordnung, aber mit dem Älterwerden nicht mehr. Da ist es zwar immer noch (oder sogar mit jedem Jahr ein bisschen mehr) okay, wenn die Knochen nicht ganz stabil sind und mal brechen. Aber es ist absolut nicht okay, sich das Herz brechen zu lassen. Und wenn es doch passiert, dann muss man sich eben zusammenreißen und weitermachen.

Als mich die Freundin damals fragte, warum ich nicht nach Hause fahren würde, antwortete ich sinngemäß so etwas wie: „Das würde mir nicht helfen.“ Danach dachte ich darüber nach. Nah am Wasser gebaut, wie ich es zu diesem Zeitpunkt war, fing ich wieder an zu weinen, als ich mir vorstellte, auf dem Sofa zu liegen, von Mama mit einer Wolldecke zugedeckt und von Papa mit heißem Kakao bedacht zu werden. „Wie schön das wäre!“, dachte ich. „Ich will das! Jetzt!“ Aber dann merkte ich, wie unrealistisch die Szene in meinem Kopf war. Das Sofa war kein Sofa, das es in meinem Elternhaus gab. Die Person auf dem Sofa war nicht ich, die Frau mit der Decke nicht meine Mutter und der Mann mit dem Kakao nicht mein Vater. Weil diese ganze Szene einfach nicht in mein Leben, in ihr Leben, in unsere Beziehung passte. Ich bin nicht diese Tochter und sie sind nicht diese Eltern.

Damals fand ich das kurz sehr traurig. Dann beschäftigte ich mich wieder mit meiner Haupttrauer. Und heute denke ich mir: Ist doch gar nicht schlimm. Meine Eltern sind trotzdem tolle Eltern und ich glaube, ich bin eine gute Tochter. Wenn ich Liebeskummer habe, trösten mich meine Freunde. Und wenn ich mir das Bein brechen sollte, kann ich das, was dann passieren wird, sehr realistisch vor meinem inneren Auge sehen: Wie ich auf dem Sofa im Wohnzimmer meiner Eltern liege. Wie Mama mir ein Kissen in den Rücken stopft, Papa mir ein Glas frisch gepressten Orangensaft bringt und wie wir plaudern und lachen. Und wie mich das ganz ungemein tröstet und meine Knochen in Rekordgeschwindigkeit zusammenwachsen lässt.

Die Autorin dieses Textes möchte anonym bleiben, damit ihre Eltern nicht erfahren, dass sie damals ein sehr, sehr kleines Häuflein Elend war – und außerdem zu viel getrunken hat.

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