Darum sorgen sich Eltern so, wenn ihre Kinder Vegetarier werden

Kind, du musst doch was Richtiges essen. Uns zuliebe.
Von Katharina Mau
Illustration: Lucia Götz

Als eine gute Freundin von mir mit einem Vegetarier zusammenkam, machten sich ihre Eltern Sorgen. Einerseits ganz praktisch: Was sollen wir kochen, wenn er irgendwann einmal zu Besuch kommt? Und, viel schlimmer: Was, wenn das auf sie abfärbt?

Ersteres ist bis heute nicht passiert, zweiteres dafür umso schneller. Aber: Warum haben Eltern solche Angst, wenn ihre Kinder Vegetarier werden? Und zwar mehr, als wenn sie für ein soziales Jahr nach Südafrika gehen oder sich mit 18 Jahren ihr erstes Tattoo stechen lassen?

Wenn man auf Fleisch verzichtet, denken Eltern, man bekomme nicht genug zu Essen

Der erste Grund ist ein völlig legitimer: Die Eltern fürchten um die Gesundheit ihres Kindes. Sie sorgen sich, dass es bald als energieloses Bündel mit Eisenmangel herumlaufen wird und das ist keine schöne Vorstellung. Der sehr viel größere Teil der Antwort ist jedoch schwerer nachvollziehbar und hängt damit zusammen, dass wir in einer Überflussgesellschaft aufgewachsen sind, unsere Eltern aber noch in einer Mangelgesellschaft. Da war Fleisch noch etwas Besonderes. Und in den Geschichten unserer Großeltern, die unsere Eltern geprägt haben, gibt es Fleisch überhaupt nur stückchenweise und höchstens am Sonntag.

Dieses Image von Fleisch, das Rare, das Kostbare ist in den Köpfen unserer Eltern immer noch verankert. Das steckt so tief drin, dass meine Mutter heute noch ein schlechtes Gefühl hat, wenn sie Gästen ein Essen ohne Fleisch auftischt. Auch wenn die Hälfte der Gäste Vegetarier sind, gibt es in der Regel ein Fleischgericht und ein Vegetarisches als Alternative. Wenn man nun von sich aus beschließt, auf Fleisch zu verzichten, haben Eltern das Gefühl, man bekomme nicht genug zu Essen. Das kenne ich auch aus meiner eigenen Familie.

Seit ich denken kann, gab es an Weihnachten immer Fondue. Irgendwann wurde ich Vegetarierin, dann gab es Raclette. Aber nach ein paar Jahren dachte meine Mutter: Wenn man sich, wie ich, beim Raclette kein Fleisch auf den heißen Stein legt, kann das doch kein vollwertiges Weihnachtsessen sein. Also kaufte sie diverse vegetarische Kochzeitschriften und grübelte über Weihnachtsmenüs ohne Fleisch, bis ich ihr sagte, dass ich wirklich gerne Raclette esse.

 

Noch schwieriger wird es für die Eltern, wenn sie das mit dem Essen nicht selbst in der Hand haben. Die Restaurant-Situation: Vegetarier haben dort in der Regel nicht mehr als fünf Gerichte zur Auswahl. Eltern sehen deshalb direkt den Genuss ihrer Kinder beschnitten: „Hast du denn auch was gefunden?“, fragen sie. Oder: „Wo möchtest du hingehen, wo gibt es denn auch etwas für dich?“ Schlagen Bekannte vor, zusammen in ein klassisches bayerisches Restaurant zu gehen, erhebt meine Mutter vehement Einspruch: „Meine Tochter kann da nur Kässpatzn essen.“

 

Ein bisschen verstehen Eltern das Vegetariersein ihrer Kinder auch als Kritik 

 

Eltern sorgen sich also ein kleines bisschen um die Gesundheit ihrer Kinder und ein großes bisschen wegen des selbstverschuldeten Mangels an Genuss. Was sie sich aber nie eingestehen würden: Ein bisschen verstehen sie das Vegetariersein ihrer Kinder auch als Kritik am eigenen Lebensstil. Dass es gesünder wäre, etwas weniger Fleisch zu essen, wissen sie. Und sie kennen auch die negativen Auswirkungen von Massentierhaltung und übermäßiger Fleischproduktion auf die Umwelt. Rein rational können sie also schon verstehen, warum man sich dafür entscheidet, kein Fleisch mehr zu essen. Und auch wenn der Sohn oder die Tochter den Fleischkonsum der Eltern nicht mal im Ansatz kritisiert, haben sie manchmal das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen.

 

Und in solchen Momenten sehnen sie sich nach der Zeit, als die Kinder noch klein waren. Als Eltern das uneingeschränkte Vorbild waren und alles, was sie gemacht haben, toll war. Dann hätten sie gerne ihr kleines Mädchen zurück, das von krosser Schweinebratenkruste nicht genug bekommen kann, und beim Metzger freudestrahlend die Hand nach einer Scheibe Gelbwurst ausstreckt. Zugegeben: Manchmal würde ich das auch gerne. Aber man muss ja auch ein gutes Beispiel sein - auch als Kind.

 

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