Julia Hoffmann (links) und Natalie Sontopski sind "Code Girls" aus Leidenschaft.

Julia Hoffmann (links) und Natalie Sontopski sind "Code Girls" aus Leidenschaft.

Foto: annabelle-sagt.de

In einem Backsteingebäude im Leipziger Westen fällt Sonne durch die offenen Fenster. Draußen fließt der Kanal vorbei, drinnen schauen sechs Frauen konzentriert auf ihre Laptops und schenken dem Frühling vor dem Fenster keine Beachtung. Im Social Impact Lab, einem Co-Workingspace in Leipzig, treffen sich alle zwei Wochen die "CodeGirls", um sich Programmieren beizubringen. Es sind keine Informatikerinnen, sie arbeiten auch nicht in der IT-Branche. Warum hocken sie also hier drinnen und runzeln die Stirn, statt am Kanal zu sitzen und Bier zu trinken? Was bringt das?

"Du nennst es Programmieren. Wir nennen es Rock'n'Roll" steht vorne in dem orangenen Buch. "We Love Code! Das Kleine 101 des Programmierens" haben Natalie Sontopski, 31, und Julia Hoffmann, 28, dieses Frühjahr herausgebracht. Es ist eine Art Reiseführer zum Codieren. Die beiden haben 2012 die CodeGirls gegründet, um sich selbst und anderen Frauen das Programmieren beizubringen. "Andere Leute stricken, wir machen das", sagt Natalie, Lippenstift, große Brille, klassisch stilvoll gekleidet. "Ich will nicht als Programmiererin arbeiten, aber ich finde es trotzdem spannend."

Die beiden Freundinnen wollen sich in einer Welt ausprobieren, die außerhalb dieses Raumes von Männern besetzt ist. Diese Männer mögen, zumindest im Klischee, matetrinkende Nerds sein, aber das ändert an der Logik ja nichts. Und deshalb ist heute auch Alice hier. Zum ersten Mal. Seit zwei Jahren versucht sie, sich das Programmieren selbst beizubringen, jetzt ist sie froh, Gleichgesinnte gefunden zu haben. 

Es ist ja nicht so, als ob die Welt der Nerds junge Frauen direkt einladen würde, an ihr teilzunehmen. In den USA sind gerade mal 26 Prozent der Beschäftigten in der Tech-Branche weiblich. Bei Unternehmen wie Google, Twitter und Facebook sogar noch deutlich weniger. Eine Harvard-Studie zeigt, dass mehr als 50 Prozent der Frauen die Branche irgendwann wegen ihres feindseligen Umgangs verlassen. Gerade ist eine Studie erschienen, die untersucht, wie die Arbeit von Frauen in der IT-Branche wahrgenommen wird. Das traurige Ergebnis: Wenn Frauen programmieren, werden die Ergebnisse besser bewertet als bei Männern. Allerdings nur dann, wenn diejenigen, die bewerten, nicht wissen, dass die Arbeiten von Frauen kommen. Der Ausdruck struktureller Sexismus hängt in dieser Welt mindestens nicht viel zu hoch.

"Die digitale Welt hat sich erst in den 80er-Jahren zu einer Männerdomäne entwickelt."

Das ist der eine Ansatz, aus dem heraus die CodeGirls entstanden. Gepaart mit einem Zufall. Juli und Natalie hatten Tickets für ein Technologiefestival in Berlin gewonnen. Dort hörten sie einen Vortrag der Rails Girls, die den Gender Gap in der IT-Branche schließen wollen. Das überzeugte die beiden Freundinnen. "Es wäre einfach schön, wenn sich mehr Frauen an der Erschaffung der digitalen Welt beteiligen würden", findet Juli, die schwarze Haare und schwarzen Pulli trägt und Laurie Penny mag. "Es gab ja mal mehr Frauen. Das hat sich erst in den 80er-Jahren zu einer Männerdomäne entwickelt."

Sie erzählt von den Anfängen der IT-Branche. Als die ENIAC-Girls die erste elektronische Großrechenanlage weltweit programmierten, indem sie Kabel von hier nach da steckten. In ihrem Buch beschreiben die beiden Code Girls, wie in den 50er Jahren die Mathematikerin Grace Hopper Programmiersprachen entwickelte und den Begriff "Bug" für einen Programmfehler prägte. Wenn die beiden jungen Frauen über Vordenkerinnen wie Hopper sprechen, bekommt das Thema eine entspannte Selbstverständlichkeit. Als sei es alltäglich, dass Frauen große Programme schreiben.

"Natürlich wollen wir, dass wieder mehr Frauen in dem Bereich aktiv sind", sagt Natalie. Feminismus, ja, aber darauf wollen sich die beiden nicht festnageln lassen. Es soll auch Spaß machen: "Für mich geht es darum, einen Ort zu haben, wo man die dümmsten Fragen stellen kann, ohne sich zu schämen." Natalie ist Hobby-Bloggerin und hat sich immer schon für die Tech-Welt interessiert. Aber mal eine eigene Website zu basteln, das hätte sie sich nicht zugetraut. Jetzt schon.

"Ich hatte immer 'ne Fünf in Mathe, aber jetzt macht mir das Spaß."

Und so geht es seitdem. Die beiden laden erfahrene Programmierer ein, die den jungen Frauen verschiedene Exkurse in die Tiefen der Computerwelt ermöglichen. Mal geht es darum, wie man eine Homepage baut, mal geht es um Quellcodes, mal geht es um Algorithmen. Ja, ja, genau. Algorithmen. "Ich hatte immer ne Fünf in Mathe, aber jetzt macht mir das Spaß", sagt Natalie.

Heute geht es um die "command line". Da kann man zum Beispiel "mkdir" eintippen, für "make directory", und bekommt dann ein Verzeichnis. Das Kommando "sleep30" lässt das Terminal 30 Sekunden schlafen. Ehren-CodeGirl und Coach Lucas, 23, erklärt geduldig jeden Schritt. Er ist sehr zierlich, hat lange schwarze Haare und einen Lenovo-Computer mit Linux als Betriebssystem. Das Standardpaket jedes Nerds.

 

"~$cd Desktop / pommes frites" schreibt Lucas, um in den Ordner "pommes frites" auf dem Desktop zu wechseln. Und wozu? Natalie: "Die command line ist eine Art Werkzeug für Programmierer. Aber im Moment lernen wir, es nur für die Organisation auf dem PC", ergänzt Juli. Von Heute auf Morgen eine eigene Website zu programmieren, kann man sich abschminken. Zumindest so viel wissen die CodeGirls inzwischen. Natalie und Juli haben das schon hinter sich. Die command line ist für sie eher eine Spielerei. Aber sie wollen die Treffen offen halten, für alle, die noch nicht so viel Erfahrung haben wie sie. Nerdiges Rumgepose lehnen sie ab.

 

Nicht nur Lucas coacht die CodeGirls regelmäßig. In der Hacker-Szene in Leipzig hat sich die Gruppe inzwischen einen Namen gemacht. Jetzt wollen sie noch mehr: In Zukunft planen sie, auch an Schulen kleine Workshops zu geben, um junge Mädchen für den IT-Bereich zu interessieren. "Mir haben damals einfach Vorbilder gefehlt," sagt Juli, die Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert hat. Hätte sie die gehabt, wer weiß, vielleicht wäre sie jetzt Informatikerin und würde an Lucas Stelle die Mädchen coachen. Aber dass sie inzwischen eine eigene Homepage programmieren kann und dabei gar nicht nerdig aussieht, ist so oder so schon mal ziemlich vorbildlich.

 

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