„Ich bin keine Feministin“

Sagt die amerikanische Autorin Jessa Crispin. In ihrem neuen Buch rechnet sie mit „Lifestyle-Feministinnen“ ab – und als Leserin fühlt man sich erwischt.
Von Nadja Schlüter
Foto: screeena / photocase.de

Beyoncé und Jennifer Lawrence nennen sich stolz „Feministinnen“. Drei bis dreißig deiner Freundinnen auch und sicher auch etwa dreizehn deiner Freunde. Und ganz viele Frauen im Internet sowieso. Jessa Crispin allerdings nicht. „Wenn du mich heute fragen würdest, ob ich Feministin bin“, schreibt sie, „würde ich nicht nur nein sagen, ich würde dabei höhnisch lachen.“ 

Jessa Crispin, 1978 geboren, amerikanische Autorin, meint das derart ernst, dass sie sogar ihr Buch so genannt hat. „Why I Am Not A Feminist. A Feminist Manifesto“ ist Ende Februar in den USA erschienen und eine gute Lektüre zum Weltfrauentag. Crispin will darin nicht generell den Feminismus abschaffen, sie will ihn reformieren. Auf 176 Seiten stellt sie die Komfortzone so gut wie jeder sich noch so feministisch fühlenden Leserin auf den Kopf. Und fordert bestimmt und wütend eine feministische Revolution. Eine Re-Politisierung und Re-Radikalisierung des Feminismus. „Feminismus sollte eine Bewegung sein, keine Entschuldigung für Stillstand“, schreibt sie.

Aber wieso Stillstand? Gerade jetzt, wo in den USA und auf der ganzen Welt zwei Millionen Frauen zum „Women’s March“ auf die Straße gegangen sind? Wo sich so viele Frauen wie nie zuvor zum Feminismus bekennen, „Frauenrechte sind Menschenrechte!“ rufen, immer mehr Frauen wichtige Posten bekleiden und Mädchen immer stärker gefördert werden? Wo der Feminismus aus dem öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken und überall präsent ist?

In genau dieser ständigen Präsenz sieht Jessa Crispin das Problem. Das ursprüngliche Ziel des Feminismus sei eine Gesellschaft gewesen, die auf Fairness, Gemeinschaftlichkeit und Austausch basiere und dadurch für alle attraktiv sei, für Männer wie für Frauen. Aber irgendwo auf dem Weg sei dieses Ziel verloren gegangen – und statt die Masse dem Feminismus anzupassen, sei der Feminismus der Masse angepasst worden. Alle sollten mit seinen Grundsätzen übereinstimmen können und das funktionierte nur, indem er universal, banal und wenig bedrohlich wurde. „Menschen mögen keine Veränderungen, also muss der Feminismus sich so nah wie möglich am Status quo orientieren – mit kleinsten Modifikationen – um möglichst viele Mitstreiter zu rekrutieren“, sagt Jessa Crispin.

An sich ist das ja kein schlechtes Konzept. Kleine, aber wirksame Schritte können auf lange Sicht mehr bringen als Riesenschritte, die die Menschen überfordern. Aber Jessa Crispin sagt, dass der heutige Universal-Feminismus sich überhaupt nicht mehr vorwärtsbewege, ineffektiv geworden sei, seinen Biss verloren habe. Denn jede kann heute Feministin sein, einfach nur, indem sie „Ich bin Feministin“ sagt, ihr Leben lebt, und macht, worauf sie Lust hat, ohne Rücksicht auf die, die anders sind und anders denken als sie. Sie kann sich den Feminismus anziehen wie den 650-Dollar-Pulli von Acne, auf dem „RADICAL FEMINIST“ steht.

An dieser Stelle kommen wieder Beyoncé und Jennifer Lawrence ins Spiel. Sie sind typische Vertreterinnen des „Lifestyle-Feminismus“, wie ihn Jessa Crispin nennt. Feminismus galt lange als unattraktiv und unbequem – man kennt ja das Klischee-Bild von der männerhassenden Frau mit Kurzhaarschnitt, unrasierten Achseln und viel, viel Wut. Aber heute ist Feminismus sexy wie Beyoncé und süß wie Jennifer Lawrence. Und ein Marktvorteil: Promis schmücken sich mit dem Label und gewinnen dadurch massenweise Fans. 

Der Feminismus ist "Disneyfiziert" worden: bunt, hübsch, harmlos

Das alles habe dazu geführt, dass Feminismus heute „ein persönliches Ziel“ sei, „verkleidet als politischer Fortschritt“, schreibt Crispin. Es ginge nur noch um das Label, um Self-Empowerment und um Identität – aber nicht mehr um Aktivismus mit- und füreinander. Der Feminismus sei „Disneyfiziert“ worden: massentauglich, weich, bunt, hübsch, harmlos. „Wenn ich mich nur Feministin nennen darf, indem ich dir versichere, dass ich nicht wütend bin, dass ich keine Bedrohung darstelle, dann ist Feminismus nichts für mich. Ich bin wütend. Und ich stelle eine Bedrohung dar“, schreibt Crispin.

Nach dieser Bestandsaufnahme des modernen Feminismus analysiert Crispin, an welchen Punkten er sich heute besonders im Weg steht. An denen nämlich soll ihre geforderte Revolution ansetzen. Und während dieser Analyse fühlt sich an irgendeinem Punkt jeder und vor allem: jede erwischt.

Als eines der größtem Probleme macht Crispin aus, dass erfolgreiche Emanzipation daran festgemacht werde, dass (vornehmlich weiße) Frauen das Gleiche machen wie früher Männer: mächtige Positionen bekleiden, viel Geld verdienen und damit das patriarchalisch-kapitalistische System einfach weiterführen. Gleichzeitig soll Frauen aus anderen Kulturkreisen, wie etwa dem Islam, das eigene Wertesystem aufgedrängt werden. Das alles gehe zu Lasten der weniger Privilegierten – und das seien sehr oft Frauen und oft nicht-weiße Frauen. Als weiteres Hindernis sieht Crispin das, was auch gerne als Wegbereiter für Donald Trumps Wahlsieg genannt wird: linke Political Correctness und die „Outrage Culture“. Die richte sich im Falle der Feministinnen pauschal gegen jeden, der heterosexuell, weiß und männlich sei. Laut Crispin führe das am Ende bloß dazu, dass diese Männer verstummen – aber die sexistische Weltsicht hinter diesem Schweigen trotzdem erhalten bleibe.

Das alles ist für (linksliberale) Frauen noch leicht zu schlucken. Aber dann wagt sich Crispin an das Allerheiligste: die romantische Liebe. Dieses Konzept, schreibt sie, sei noch immer viel zu groß und viel zu wichtig: Es gebe für Frauen schlicht zu wenig Alternativen in unserer Gesellschaft außerhalb einer heterosexuellen Partnerschaft ein Leben zu führen, das Sinn und Wert hat. Darum müssten sie noch immer hart dafür arbeiten, schön und „likeable“ und „fuckable“ zu sein, um am Ende geheiratet zu werden.

Aber wer, fragt man sich irgendwann, ist eigentlich Schuld an dem ganzen Schlamassel? Etwa die Männer? "Nein", sagt Crispin, "das System". Und: die Frauen. Das zu sagen ist im Jahr 2017 eine Art Sakrileg, Stichwort „Victim Blaming“. Aber zu Opfern, auf die dann mit dem Finger gezeigt wird, machen wir uns laut Crispin auch oft genug selbst. Indem wir darauf beharren, jahrhundertelang gelitten zu haben und unterdrückt worden zu sein, und es darum nun verdient hätten, selbstsüchtig zu sein. Crispin sagt ihrer Leserin sehr eindeutig ins Gesicht: „Nicht zu kriegen, was du willst, ist keine Unterdrückung“ – und man meint beinahe, sie ein „Schätzchen“ hinten dran hängen zu hören.

Feministinnen sagen: Frauen denken sich keine Vergewaltigungen aus! Jessa Crispin sagt: Doch, manche schon

Beim Nachdenken über „Opfer“ und „Schuldige“ vertritt Crispin ihre vielleicht radikalste These – zumindest gegenüber den Feministinnen der „Outrage Culture“. Sie beschreibt einen Fall, in dem ein schwarzer Mann vom Vorwurf, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben, freigesprochen wurde. Es gab die Aussage der Frau, aber nicht genug Beweise. Das reichte nicht für eine Verurteilung. Viele Feministinnen seien daraufhin extrem empört gewesen: Frauen müsse geglaubt werden, Frauen würden sich so was nicht ausdenken! Aber Crispin sagt eiskalt: Doch, manche Frauen denken sich so was aus. Und sie fügt hinzu: „Feministinnen hätten die Entscheidung des Richters unterstützen sollen. Denn das Ziel ist Gerechtigkeit.“ Für Männer und für Frauen, für Schwarze und für Weiße. „Zum ersten Mal in der Geschichte werden die Vorwürfe von Frauen gegen Männer überhaupt ernst genommen. Wir müssen uns genau überlegen, was wir mit dieser Möglichkeit anfangen“, warnt sie. 

Nachdem Jessa Crispin all diese Ziele und Ideen – Frauen in Führungspositionen!  Political Correctness! Romantische Liebe! Männer sind Täter! – mehr oder weniger zertrümmert hat, ist man als Leserin stinksauer. Aber nicht auf die Autorin, sondern auf genau das, was sie anprangert: die Gesellschaft, den Kapitalismus, die Politik. Auf das System.

„Why I Am Not A Feminist“ wirkt in Teilen, als sei Jessa Crispin einfach gegen alles. Dabei ist sie unbedingt für etwas: Dafür, dass wir nachdenken statt nachplappern. Dass wir dabei auch mitdenken, dass andere Frauen andere Wertvorstellungen und Maßstäbe, weniger Chancen und Privilegien haben als wir. Dass wir miteinander diskutieren und den Status quo nicht einfach akzeptieren. Dass wir mehr wollen. Nicht nur für uns, sondern für alle. 

Nicht alles an diesem Buch ist gut. Manchmal ist es redundant, manchmal sind die Ansätze utopisch und nicht zu Ende gedacht und manchmal (aber nur ganz selten) sieht man doch einen moralischen Zeigefinger vor sich. Aber meistens fühlt man sich: aktiviert. Will unbedingt rausgehen und aus den Trümmern, die die Lektüre hinterlassen hat, etwas Neues aufbauen. 

Bevor man wie blind losrennt und sich wieder mal überfeministisch und moralisch überlegen fühlt, hält Crispin einen noch einmal kurz auf: „Wenn du eigentlich bloß dein komfortables Leben weiterleben willst, wenn du bloß Geld verdienen und Serien schauen und so viel es geht in deiner eigenen Lebenszeit erreichen willst, dann gesteh dir das ein. Dann bist du keine Feministin. Find dich damit ab.“ Und dann stupst sie einen ganz zum Schluss wieder leicht an: „Aber ich hoffe, du überlegst es dir noch mal. Wir brauchen dich nämlich.“ 

Jessa Crispin: Why I Am Not A Feminist. A Feminist Manifesto, Melville House, 176 Seiten, 15,99 €.

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