ZDF löscht Böhmermanns Sendung aus der Mediathek

Wegen einer Erdogan-Schmähkritik. Auch der türkische Botschafter äußert sich.
Von Max Sprick und Patrick Wehner
Screenshot: ZDF neo

Jan Böhmermann wird für einen Beitrag aus seiner letzten Sendung gerade massiv kritisiert. Er hatte ein Gedicht vorgetragen, in dem er den türkischen Staatschef Recep Tayip Erdogan derb unter der Gürtellinie beleidigt. Dem Moderator und seiner Redaktion wird nun Rassismus und Islamophobie vorgeworfen: Hier ein kleiner Auszug aus dem Gedicht:  

"Am liebsten mag er Ziegen ficken, und Minderheiten unterdrücken, Kurden treten, Christen hauen, und dabei Kinderpornos schauen. Und selbst abends heißt statt schlafen, Fellatio mit hundert Schafen. Ja, Erdogan ist voll und ganz, ein Präsident mit kleinem Schwanz."

Böhmermann hatte kurz vorher in der Sendung angekündigt, dass er das eigentlich nicht dürfe. Aber die Frage sei ja, ob der türkische Staatschef den Unterschied zwischen Kunstfreiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und eben Schmähkritik verstanden habe. Letztere ist auch in Deutschland nicht erlaubt. "Vielleicht erklären wir es an einem praktischen Beispiel mal ganz kurz. Ich habe ein Gedicht, das heißt ‚Schmähkritik‘ […] Und das, was jetzt kommt, das darf man NICHT machen. Wenn das öffentlich aufgeführt wird – das wäre in Deutschland verboten."

Eigentlich ein cleverer Move des Moderators und seiner Redaktion. Doch, macht es das besser? Immer wieder zu betonen, dass man das nicht dürfe, was man da tue – und es aber dann trotzdem tun? Aprilscherz-Verdacht hin oder her. 

Das ZDF hat inzwischen Böhmermanns Gedicht mitsamt der ganzen Sendung aus der Mediathek genommen. Damit distanziert sich der Sender von seinem Moderator, der mit seiner Parodie "nicht den Ansprüchen" des Senders "an die Qualität von Satiresendungen" enstpreche.

Die Kritik für Böhmermanns angeblichen Rassismus ließ nicht lange auf sich warten. Was er da vorgelesen hat, sei beleidigend, erniedrigend und volksverhetzend – so kann man die etlichen Vorwürfe auf Twitter und Facebook zusammenfassen. 

 jetzt hat den türkischen Botschafter in Berlin, Hüseyin Avni Karslioğlu, gefragt, wie die türkische Regierung das Video aufgenommen habe. Karslioğlu antwortete per Mail: 

"In hunderten von Telefonaten, die ich heute erhalten habe, haben sowohl türkisch- als auch deutschstämmige Bürger und Bürgerinnen ihre verletzten Gefühle zum Ausdruck gebracht und ihre Meinung geäußert, dass Herr Böhmermanns Video an das Rassistische grenzt".

Erdogan äußert sich zur Satire-Diskussion 

Fast gleichzeitig zur Veröffentlichung von Böhmermanns Gedicht äußerte sich Recep Erdogan in einem Interview mit CNN zu seiner Reaktion auf ein ebenfalls kontrovers diskutiertes Satire-Video von Extra3.

Erdogan hatte den deutschen Botschafter einbestellt und in Deutschland deshalb für öffentliche Entrüstung gesorgt. Darin forderte er die Medien zu einem fairen Umgang mit der Politik auf. "Wir sollten Kritik nicht mit Beleidigungen und Diffamierung verwechseln", sagte der Staatschef. Es müsse Grenzen geben, auch für Satire. Und dann äußert er den bemerkenswert unglaubwürdigen Satz: "Wir haben nie etwas getan, um die Medienfreiheit einzuschränken." 

Am gleichen Tag, an dem seine Leibwächter in Washington auf Reporter los gehen. Und nachdem seine Regierung Deutschland dazu aufgefordert hatte, gegen die Extra3-Macher vorzugehen und ihr Video zu löschen.

Die Diskussion, was Satire darf und was nicht, kann man endlos führen. Böhmermann hat sie (mal wieder) angestoßen. Ob neben der Empörung im Netz auch die Reaktion des ZDF auf sein angekündigt nicht legales Gedicht kalkuliert war, ist unklar.  jetzt hat versucht, die Pressestelle des Neo Magazins zu erreichen. Erst wurden wir vertröstet, sollten eine Stunde später noch mal anrufen, dann ging bis zum Abend niemand mehr ans Telefon. Stattdessen äußerte sich Böhmermann selbst inzwischen mit diesem Post, der vermuten lässt, die Löschung der Sendung aus der Mediathek könnte ein gemeinsamer Aprilscherz von Böhmermann und dem Sender gewesen sein:

Den "lupenreinen Demokraten" bittet er also um Verzeihung. All jene, die sich von seinem Gedicht beleidigt fühlen, nicht. Das geht irritierend weit an dem Rassismus-Vorwurf vorbei.  

 

 

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