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Urlaub im Elend

Unsere Autoren fuhren nach Idomeni, um zu helfen. Danach schrieben sie diesen wütenden Bericht.
Von Nannina Matz und Florian Kessler
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      Foto: Kai von Kotze / Philipp Külker
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      Foto: Kai von Kotze / Philipp Külker

Wir sind ein nettes, harmloses Pärchen. Und wir waren im Urlaub. In Griechenland. Das Wetter war gut, die Menschen freundlich. Dabei waren wir an einem Ort, an den sich die Europäische Union nicht hintraut: in Idomeni. 

Elftausend Flüchtlinge leben hier nach wie vor auf offenem Feld vor der mazedonischen Grenze. Das Camp ist ein einziges Chaos aus zerschlissenen Iglu-Zelten, staubigen Feldwegen, von privaten Hilfsorganisationen aufgebauten Containern. Dazwischen überall Feuerstellen. Die Leute kochen in leeren Konservendosen. Auf den Bahngleisen spielen Kinder Seilspringen. An den Essensausgaben der Privatinitiativen warten ihre Eltern viele Stunden, wenn nicht gerade vorne am Grenzzaun mit Tränengas auf sie geschossen wird. 

Spätestens seit hier die Balkanroute mit einem Rumms zugemacht wurde, woraufhin sich in Deutschland die Laune unserer besorgten Bürger besserte, helfen viele Dorfbewohner aus Idomeni und Umgebung, wo sie nur können: Sie kochen für die Flüchtlinge, spenden Kleidung, bringen nachts Zeltplanen zu einer syrischen Großmutter im Rollstuhl, die mit ihrer verzweifelten Familie ohne Essen und Schutz unter freiem Himmel übernachten muss. 

Wie viele freiwillige Helfer aus ganz Europa wollten auch wir helfen. Zwei Wochen lang haben wir Lkw ausgeladen, Spenden sortiert, Kleider an Flüchtlinge ausgegeben, Bananen an Kinder verteilt. Gemeinsam mit einer fast 70-jährigen Holländerin und ihrem Sohn, Studenten aus Norwegen, Hippies aus Spanien, in Kabul geborenen Sprachtalenten aus Dänemark, Organisationsgenies in Warnwesten aus Tschechien und einem bayerischen Gastronomen, der 10.000 Hipp-Baby-Gläschen mit Geschmacksrichtung „Kaiserschmarrn“ organisiert und mit dem Lkw nach Griechenland gefahren hat. Und wenn wir alle spät abends kaputt zusammensaßen, dann fanden wir schon bemerkenswert, wie die Europäische Union derzeit mit den Kriegsflüchtlingen in Idomeni und überhaupt mit Flüchtlingen umgeht. 

In dem 300-Seelen-Dorf Idomeni hat inzwischen eine Western-Union-Bankfiliale aufgemacht, vor der die Flüchtlinge in ihren kaputten Kleidern und Schuhen Schlange stehen. So schlecht gekleidet sind sie, weil Griechenland durch die schwerste Krise seiner Staatsgeschichte taumelt und die Sache mit der Flüchtlingsversorgung nicht hinbekommt. Aber die Flüchtlinge wissen sich notgedrungen auch anders zu helfen. Über Western Union bekommen sie Geld zum Überleben, das ihnen ihre Verwandten senden, solange diese selbst noch letzte Reserven haben. Mitten in Europa überleben seit zwei Monaten Kriegsflüchtlinge nur, weil sie unter anderem Hilfe aus dem ausradierten Aleppo, aus dem Hindukusch, aus den aus dem Boden schießenden, Sklavenarbeits-Nähereien für syrische Flüchtlinge in der Türkei und im Libanon bekommen. 

Europa hat sich in Idomeni von jeglicher Schutzverpflichtung abgewandt. Hier schauen höchstens ein paar müde griechische Polizisten mit Mundschutz aus der Ferne zu, wie Familien gegen die Nachtkälte ihre Isomatten verbrennen. Hier verkaufen Klein-Unternehmer aus dem Zelt heraus Zigaretten, während neben ihnen Mütter um Babynahrung für ihre Kinder betteln. 

Aber schön und gut. Sollen diese armen Hascherl doch einfach von der Grenze wegwanken. Öffnen wird diese sich sowieso nie wieder. In Idomeni warten auch tatsächlich ständig staubige Reisebusse, die die Flüchtlinge auf offizielle Unterkünfte in Griechenland verteilen sollen. Womöglich mit besserer Versorgung und sogar der theoretischen Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen. Entmutigt gehen immer mehr Flüchtlinge auf dieses Angebot ein.   

Die Armee feuerte Gummigeschosse auf Flüchtlinge 

Man muss aber gehört haben, was sie dazu zu sagen haben. Weinend, mutlos, erschöpft haben uns immer wieder Menschen erklärt, was sie darüber wissen: In Griechenland gibt es derzeit kein funktionierendes Asylrecht, es kommt nahezu nie zur Antragsstellung auf Asyl. So gibt es zwar die Möglichkeit, über Skype mit den Ausländerbehörden zu sprechen, die in den allermeisten Lagern nicht präsent sind.

Niemand kommt auf diesen Nummern durch. Das Skype-Besetztzeichen ist längst berühmt unter den Flüchtlingen, von denen etwa Syrer nur an zwei Wochentagen zu bestimmten Stunden die Behörde anrufen dürfen. Im Grenzgebiet von Idomeni bricht auch noch ständig das Netz zusammen und immer wieder sieht man verzweifelte Leute, die die Akkus ihrer Smartphones aufladen müssen. Bei derart grundsätzlichem Chaos sieht kein Flüchtling irgendeine gestaltbare Zukunft in Griechenland.

Und der Türkei-Deal ist für sie natürlich auch keine Alternative. 

Die seit Februar in Griechenland strandenden Flüchtlingen, von denen man manche auch in Idomeni treffen kann, wissen, dass sie an ein Land ausgeliefert werden können, in dem nur 300.000 der zwei Millionen syrischen Kriegsflüchtlinge in offiziellen Lagern leben. Der Rest schlägt sich dort auf eigene Faust durch. 

In unserem Idomeni-Gepäck haben wir mehrere handgroße Dinger mit nach Deutschland gebracht, die schwarzen Türstoppern ähneln. Leider sind es keine, sondern Gummigeschosse, wie sie die mazedonische Armee vergangene Woche auf alles feuerte, was sich ihrer Grenze näherte. Außer natürlich, sie wählte stattdessen lieber Tränengas-Patronen oder Blendgranaten. Im Camp haben wir Kinder gesehen, die riesige Hämatome von diesen Gummigeschossen hatten. Und wir denken, dass jedes dieser Gummigeschosse auch unser Grundgesetz trifft, das nun einmal mit einem simplen Satz von der universellen Würde des Menschen anfängt. 

 

Ungeschiente Brüche, Krätze, Elend

 

Hier in Deutschland gilt es ja gerade als weltläufig, bei Diskussionen zur Flüchtlingspolitik auf den Unterschied zwischen „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“ zu verweisen: Das europäische 508-Millionen-Menschen-Boot sei derart voll, dass nur linksverwirrte Gesinnungsschulterklopfer „Refugees Welcome“ krakeelen und zur Maxime ihres Handelns machen könnten. Die rationalen Verantwortungsethiker dagegen wären ehrlich, und da sei dann eben klar, dass man nicht nach und nach ganz Afrika zu uns in den Reihenhausgarten einladen könne. Von Idomeni aus, wo Kriegsflüchtlinge mit ungeschienten Brüchen herumlaufen, wo die Krätze umgeht und Kinder seit ihrer Ankunft in Griechenland die gleiche Unterwäsche tragen, klingen solche Diskussionen bizarr. 

 

Jeder wirkliche Verantwortungsethiker würde den Teufel tun, an den europäischen Außengrenzen und mitten in Europa Menschenrechte einfach dreinzugeben. Die 50.000 in der Verelendung gefangenen Flüchtlinge von Griechenland verdienen nicht einfach irgendeine bessere Behandlung – sie müssen schlicht gemäß der  bestehenden Flüchtlingskonventionen versorgt werden. Was nur funktionieren wird, wenn andere europäische Staaten Griechenland die Flüchtlinge abnehmen. 

 

Die Forderung ist also simpel. Und im Grund auch konservativ, da sie unsere demokratischen Überzeugungen schützen und erhalten will. Sie lautet: Behandelt Flüchtlinge angemessen, und sichert ihnen geregelte Verfahren. Wofür sie sofort aus Idomeni herausgeholt werden müssen. Europa darf Idomeni und die vielen anderen griechischen Lager nicht uns harmlosen Pärchen überlassen.

 

 

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