Wie dankbar müssen Flüchtlinge eigentlich sein?

Und warum ist das manchen Menschen anscheinend so wichtig?
Von Christina Waechter
Illu: Katharina Bitzl

 Drei Episoden aus den letzten Monaten:

  • Als Boris Palmer, grüner OB der Studentenstadt Tübingen, vergangene Woche ein Flüchtlingsheim besuchte, wunderte er sich im Anschluss daran öffentlich auf Facebook über die massive Undankbarkeit der dort untergebrachten Geflüchteten. Die hatten laut einiger dort arbeitender Hausmeister angeblich gesagt, sie würden lieber im Bombenhagel leben als unter diesen Zuständen in einer Gemeinschaftsunterkunft.
  • Eine ältere Verwandte erzählt mir immer wieder aufgebracht, wie dreckig es vor den Unterkünften in ihrer Stadt aussehe, dass die Flüchtlinge immer so viel Müll verursachen würden und sich einfach nicht zu benehmen wüssten. Sie vergleicht das dann gerne mit ihrem Verhalten im Urlaub. Da würde sie ja auch nicht den Müll einfach auf die Straße werfen. Sie findet, dass diese Vermüllung ein Zeichen des Undanks der Geflüchteten ist.
  • Und dann wäre da noch die Geschichte mit den Ehrenamtlichen und der Dankbarkeit. Nachdem ich ein halbes Jahr lang jede Woche ehrenamtlich bei einem Projekt für geflüchtete Frauen mitgarbeitet hatte, musste ich wieder aufhören. Das lag nicht an Problemen mit den dort untergebrachten Menschen oder den  Institutionen. Sondern an der Art und Weise, wie einige der freiwilligen Helfer mit den Geflüchteten umgingen. Der Ton gegenüber den Bewohnerinnen war oft brüsk; neue Helfer wurden immer wieder gewarnt, auf ihre Wertsachen aufzupassen, weil die Flüchtlinge "wie die Raben" stehlen würden. Und einigen Ethnien wurde pauschal kriminelles Verhalten, Prostitution, Raffgier, Verschwendungssucht und immer, immer wieder Undankbarkeit unterstellt. Wenn ich diese Haltung kritisierte, wurde ich abgebügelt. Und so hielt ich es irgendwann nicht mehr aus. 

Diese kleinen Einzelbeobachtungen der vergangenen Wochen und Monate führen immer wieder zu der einen Frage: Wie dankbar müssen Flüchtlinge eigentlich sein?

Ginge es nach Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der momentan mal wieder dank kreativer Statistik-Interpretation in den Medien ist, wäre die Antwort: Man kann nie dankbar genug sein. Bereits im vergangenen Herbst beklagte er sich in einem Interview darüber, wie undankbar die Flüchtlinge seien, die sich über das Essen aufregten und nach seinen Informationen sogar mit dem Taxi quer durch Deutschland fahren würden, um in eine ihnen genehmere Flüchtlingsunterkunft zu ziehen. Die Weigerung einiger Geflüchteter, sich in ihr vom Staat verordnetes Schicksal zu ergeben, empfand der Innenminister als Zeichen groben Undanks.

Warum ist Dankbarkeit so ein riesengroßes Thema in unserem Land?

Warum ist der vermeintliche Undank von Geflüchteten eigentlich ein so riesengroßes Thema in unserem Land? Und was ist das eigentlich – Dankbarkeit? Dankbarkeit ist laut Definition ein Zustand, in dem man zu schätzen weiß, dass einem jemand oder etwas ein positives Gefühl durch eine immaterielle oder materielle Zuwendung geschenkt hat. Das heißt zum einen: Echte Dankbarkeit kann immer nur im Nachhinein geäußert werden. Und: Echte Dankbarkeit kann man nicht erwarten. Denn es wird ganz schwierig, sich dankbar zu zeigen, wenn man den Eindruck hat, dass man mit der impliziten Erwartung beschenkt wurde, Dankbarkeit hervorzurufen. 

Hannes Schammann, 34, ist Juniorprofessor für Migrationspolitik an der Universität Hildesheim. Er beschäftigt sich in seiner Arbeit mit Flucht und Migration, mit besonderem Schwerpunkt auf der kommunalen Flüchtlingspolitik in Deutschland. Von verordneter Dankbarkeit hält er wenig. "Dankbarkeit als Pflicht – das klingt ja fast so, als müsste neben Fördern und Fordern noch die Dankbarkeit in ein Integrationsgesetz mitaufgenommen werden. Das würde ich grundsätzlich bezweifeln. Dankbarkeit ensteht ja nur, wenn man das Gefühl hat, ernst genommen zu werden und aufgenommen zu sein."

Und genau da zeigt sich ein großes Problem der Einwanderer in Deutschland. Denn der Staat erwartet von geflüchteten Menschen vor allem eins: dass sie sich passiv verhalten. Das Asylverfahren, ein Großteil der Integrationsmaßnahmen und Gesetzgebungen behandeln Zuwanderer als Objekte, die darauf warten müssen, dass etwas mit ihnen passiert. Sie warten darauf, dass sie verteilt werden (statt selbst irgendwo hinzuziehen), sie warten, dass ihr Antrag entschieden wird und dann warten sie, dass ihnen eine Arbeitsgelegenheit zugeteilt wird. Wärend dieser ganzen Zeit, die sich Monate, bisweilen sogar Jahre, hinziehen kann, sind sie zur Untätigkeit verdammt. Hannes Schammann sieht genau darin das Problem: "Wir halten die Menschen in einer passiven Situation, in der sie Bittsteller sind. Gleichzeitig erwarten wir von ihnen, dass sie zu einem von außen bestimmten Zeitpunkt ganz plötzlich sehr aktiv werden. Denn nur wer selbständig für sein Leben sorgen kann, darf demnächst dauerhaft bleiben. Aber dafür müssen wir den Menschen Gelegenheit geben, sich auch vorher schon aktiv um ihr eigenes Leben zu kümmern."

Dieser Wille, das Leben in die Hand zu nehmen und für die eigene Zukunft vorzusorgen, führt wiederum zu Konflikten, die von manchen Menschen als Zeichen groben Undanks interpretiert werden: wenn Geflüchtete Angebote von Freiwilligen nicht annehmen oder abbrechen. Aus seiner eigenen Forschung kennt Schammann dieses Phänomen an Universitäten. An vielen deutschen Unis gibt es mittlerweile Gasthörerprogramme für Geflüchtete.

Doch diese gut gemeinten Angebote sorgen immer wieder für Frustration bei den Teilnehmern: "Einige Geflüchtete gehen in diese Gasthörerprogramme rein und denken, sie können gleich einen Abschluss machen. Wenn sie dann feststellen, dass sie da in einer Art beschäftigungstherapeutischen Maßnahme sind und sie für einen ordentlichen Abschluss viele Voraussetzungen erfüllen müssten, sind sie oft sehr frustriert. Und die Verantwortlichen an den Hochschulen verstehen nicht, warum ihre Angebote nicht dankbar angenommen werden." Wenn man aber bedenkt, dass viele Menschen, die zu uns kommen, sich vor allem eine Zukunft aufbauen wollen, dann versteht man vielleicht, dass sie an Bespaßungsprogrammen kein so riesiges Interesse haben. Schammann sieht da nur eine Lösung "Es ist sehr wichtig, klar zu kommunizieren, was Teilnehmer eines solchen Angebots erwarten können und was nicht."  

Der Frust über beschäftigungstherapeutische Maßnahmen 

Ganz besonders schwierig wird es, wenn es zu solchen frustrierenden Auseinandersetzungen mit den vielen freiwilligen Helfern kommt. Für diese Menschen ist der Lohn oft die sprichwörtlichen strahlenden Kinderaugen oder die Familien, die auf ewig dankbar sind. Doch Dankbarkeit entsteht nur, wo die Angebote die Bedürfnisse der Geflüchteten treffen. Schammann sieht da die Verantwortung auch bei den Ehrenamtlichen: "Oft werden Angebote gemacht, weil Freiwillige bestimmte Fähigkeiten oder Interessen haben. Also werden Kochkurse oder Sportgruppen angeboten und wenn niemand kommt oder die Leute das nicht super finden, dann heißt es bisweilen: Die sind alle undankbar."

Die Wahrheit ist aber vielleicht, dass man vorher nicht die Bedürfnisse der Bewohner erfragt hat. "Und manchmal", sagt Schammann, "sind die Angebote von Ehrenamtlichen einfach nicht gut, sondern amateurhaft und dilettantisch. Wenn die dann nicht angenommen werden, ist das nicht unbedingt ein Zeichen von Undank, sondern dafür, dass die Qualität nicht gut ist. Wie im freien Markt eben auch." Für ihn ist die Dankbarkeitsanklage vor allem eines: Zeichen eines falschen Erwartungsmanagements. Schammann sagt: „Ich glaube, es handelt sich dabei um das Problem, dass Freiwillige und Flüchtlinge von verschiedenen Prämissen ausgehen. Und dann sind beide Parteien frustriert. Da zu vermitteln, sich gegenseitig zu fragen, welche Vorstellungen, welcher Bedarf da ist und mit welchen Vorstellungen die einzelnen gekommen sind, das ist eine, wenn nicht die große Aufgabe.“

Mülltrennung - der ultimative Clash der Kulturen

Das soll nicht heißen, dass sich Ehrenamtliche zurückziehen sollen. Im Gegenteil, so Schammann: "Klar ist, dass es ohne die Ehrenamtlichen nicht funktionieren würde und es ist gut, dass sich so viele für Geflüchtete engagieren, denn Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nie abgeschlossen ist. Wichtig ist nur, anzuerkennen, dass das Ehrenamt das Hauptamt braucht, wie man aus der Integrationsarbeit weiß." Soll heißen: Engagierte Bürger brauchen einen hauptamtlichen Ansprechpartner, der ihnen bei Konflikten hilft, der Fragen beantwortet und auch Entlastung bringt, wenn es zu anstrengend wird. Damit all die nicht ausbrennen, die sich für die Geflüchteten engagieren. Denn jetzt, so Schammann, sei die vielleicht wichtigste Zeit des Ehrenamts angebrochen.  

Und dann ist da noch die Sache mit dem Müll, der für meine Verwandte das Zeichen fehlender Dankbarkeit zu sein scheint. Ist da was dran? Hannes Schammann lacht: "Mülltrennung ist ein unglaubliches Thema im Zusammenhang mit den Flüchtlingsunterkünften – vielleicht das deutsche Thema schlechthin. Einige Kommunen bieten auch tatsächlich Kurse in Unterkünften zum Thema 'Mülltrennung' an, damit auf dem Gebiet kein Stress mit der Nachbarschaft entsteht. Mülltrennung ist anscheinend der ultimative Clash der Kulturen." Mit fehlender Dankbarkeit hat das laut Schammann nicht viel zu tun. Sondern eher wieder etwas mit der Rolle des Objektes, in die die Geflüchteten gedrängt werden. Wenn die Bewohner, wie in Boris Palmers Beispiel in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht werden, dann können sie sich die nicht aneignen, weil ihnen häufig verboten ist, irgendetwas zu verändern oder Möbel umstellen, und behandeln es dementsprechend achtlos.

Das ist nicht schön. Aber kaum anders, als das Verhalten der meisten Deutschen in Fußgängerunterführungen, Bahnhöfen oder in der U-Bahn. 

Mehr zu Geflüchteten und Integration? Bittesehr:

  • teilen
  • schließen