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Illustration: Julia Schubert

Eine Beziehung zwischen zwei Menschen ist oft schon schwierig. Wie soll es dann erst funktionieren, wenn drei oder mehr Menschen involviert sind? Unsere Autorin und ihr Mann führen seit fünf Jahren eine offene Beziehung. Was das im Alltag bedeutet, welche Probleme sie dabei zu lösen hatten und wie sich ihr Leben seitdem verändert hat, beschreibt sie in dieser Kolumne.

„Und, wie war’s?“, rufe ich, sobald ich meinen Mann an der Tür höre. Wenn er nach einem Date nach Hause kommt, will ich alles wissen: Was haben sie gemacht? Wie hat es sich angefühlt? Hatten sie Spaß? Lassen wir seinen Ausflug eng umschlungen auf dem Sofa Detail für Detail Revue passieren, fühle ich mich fast, als wäre ich dabei gewesen. Das befriedigt nicht nur meinen latenten Voyeurismus, sondern hilft mir vor allem, mich nicht abgehängt zu fühlen — oder Dinge in die Sache zu interpretieren, die da gar nicht sind. Mein Mann tickt da anders, er braucht es viel weniger konkret. Ihm reicht es, die Begegnung zusammen mit mir abzufeiern; oder eben die Enttäuschung mitzufühlen, wenn es dann doch nicht so spannend war wie erwartet. Wie genau es bei mir mit jemand anderem zur Sache ging, will er hingegen lieber nicht wissen.

Bis wir beide wussten, wie viel jeder von uns beiden aus dem Parallelleben des anderen wissen muss, um sich damit wohlzufühlen, hat es eine Zeit gedauert. Dass wir aber unsere Rendezvous galant unter den Tisch fallen lassen, stand nie zur Debatte.

Bis mein Mann eine gewisse B. datete. Auch sie war in einer offenen Beziehung und, neben ein paar anderen Vorzügen, schon allein deshalb eine super Kandidatin. Die anfänglichen Grundsatzdiskussionen würden mit ihr einfach wegfallen — dachte jedenfalls mein Mann. Doch dann ging es bei den beiden schon bevor es etwas zutraulicher werden konnte, plötzlich direkt um Fundamentales: Sie würde ihrem Partner nie erzählen, was sie mit anderen mache und erwarte das Gleiche auch von meinem Mann, so ihre Ansage. Kein Wort an mich, das hier sei schließlich ihr gemeinsamer Raum, ihr „kleines Geheimnis“.

Es gibt offene (und etliche offiziell monogame) Beziehungen, die nach genau diesem Prinzip funktionieren: „Leb dich aus, aber halte um Himmels Willen darüber die Klappe“ (Variation von „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“). Da werden Dates so gelegt, dass sie nicht auffallen, oder einfach gar nicht erst erwähnt. Oder ihre Existenz wird zwar nicht geleugnet, aber was in Vegas passiert, das bleibt auch in Vegas. Doch obwohl ich das Bedürfnis nach Privatsphäre und Sich-nicht-auseinander-setzen-müssen grundsätzlich nachvollziehen kann, glaube ich, dass das auf Dauer alles andere als gut für die Beziehung ist.

Ein Hoch auf jedes „Wie war’s?“, das je in einer Beziehung gesagt wurde!

Nein, ich bin keineswegs dafür, sich gegenseitig die Beschaffenheit fremder Genitalien zu erzählen oder vorzumachen, was der andere für ein lustiges Gesicht macht, wenn er kommt. Aber gegenüber dem Menschen, der uns am nächsten steht, alles auszusparen, was uns an so einer Begegnung berührt hat, im Guten wie im Schlechten, das ist der Beginn des berühmten Nebeneinanderherlebens. Ein Zustand, den niemand von uns freiwillig erreichen will. Ganz abgesehen davon, dass Ungesagtes sowieso immer unter der Oberfläche vor sich hin- und in die Beziehung hineinbrodelt, ob wir wollen oder nicht. Dann lieber gleich raus damit! 

Natürlich bedeuten Informationen über Dates mit Dritten potenziell Stress — und zwar für beide Seiten. Weder haben wir gelernt, komplexbefreit über unsere Sexualität zu sprechen, noch andere Liebhaber nicht gleich als mögliche Brauträuber zu sehen. Aber die gute Nachricht lautet: Es lohnt sich, das auszuhalten! Beziehungsweise drüber zu reden. Die eigenen Ängste, Unzulänglichkeiten und Aggressionen auf den Tisch zu packen ist das Beste, das wir für unsere Beziehung tun können. Gleichzeitig schafft das Wissen, dass unser Partner ehrlich zu uns (und anderen) ist und uns nichts verschweigen wird, überhaupt erst die Grundlage für den meiner Meinung nach wichtigsten Baustein einer offenen Beziehung: Vertrauen.

Was B. anging, kam mein Mann also nun in einen Konflikt. Einerseits hatten wir die Abmachung, uns gegenseitig nichts vorzuenthalten. Andererseits, welches Recht hatte er, gegen ihren Willen mit mir über sie zu reden? Da half nur eins: Die Flucht nach vorn. „Du wirst damit leben müssen, dass das hier nicht unter uns bleibt“, sagte er ihr ehrlich. Das tat sie dann erstmal auch, wenn auch mit knirschenden Zähnen. Wenig später trennten sich übrigens B. und ihr Freund, vor dem sie so viele Geheimnisse hatte. Ich weiß nicht genau, aus welchem Grund. Aber wenn zwei Menschen aufhören, Gedanken, Gefühle und Erlebnisse miteinander zu teilen, dann hilft das ganz bestimmt nicht beim Zusammenbleiben. Deswegen an dieser Stelle: Ein Hoch auf jedes „Wie war’s?“, das je in einer Beziehung gesagt wurde!

„Don’t ask don’t tell“ ist auch nicht euer Ding? Dann solltet ihr das hier beachten:

  • Tastet euch heran, wie viel ihr einander zumuten könnt: Nicht gleich fröhlich jedes Detail herausschreien, sondern vorsichtig prüfen, wie viel Information euch jeweils gut tut. Da sich das je nach Tagesform auch ändern kann, ist feinfühliges Nachfragen und Draufeingehen grundsätzlich Trumpf.
  • Was aber auf jeden Fall immer drin sein sollte: An die Infos zu kommen, die man gerade benötigt, um sich sicher zu fühlen. „Sag ich dir nicht“ ist ein Vergehen, auf das die Todesstrafe steht. Nämlich die für eure Bindung.
  • Das, was ihr hört, macht euch zu schaffen? Behaltet eure Sorgen nicht für euch, das endet nur in passiv-aggressivem Verhalten. Lieber sich verletzlich machen und sich mitteilen als dem anderen im Stillen grollen.