Wie ich in meiner offenen Beziehung mit Eifersucht umgehe

Wenn das Herz Alarm schlägt, hilft nur eins: Hinschauen.
Von Katja Lewina

Illustration: Julia Schubert

Die Fingernägel bis zum Anschlag runtergekaut, das Haar wirrgewühlt, wie ein eingesperrtes Tier in der Wohnung auf- und ablaufend — so ungefähr hätte man mich vor fünf Jahren vorgefunden, wenn man zu der Zeit bei uns geklingelt hätte, in der mein Mann mit einer anderen Frau unterwegs war. Ich war aufgeregt wie Hölle. Was würde zwischen den beiden passieren? Wäre es besser als mit mir? Und würde unsere Beziehung je wieder dieselbe sein?

Schnitt in die Gegenwart: Ich telefoniere endlich mal wieder ausgiebig mit Mutter/Bruder/Freundin, quetsche die Mitesser auf meiner Nase aus oder kritzele in mein Tagebuch, wie ich gedenke, die Weltherrschaft an mich zu reißen. Alleinsein, während mein Mann eine andere trifft — was für ein herrlicher Zustand! Könnte ich bitte mehr davon haben?

Was ist in der Zwischenzeit passiert? Du darfst mal raten: a) Was mein Mann mit anderen Frauen treibt, interessiert mich nicht die Bohne, wir leben eh nur noch an einander vorbei. b) Ich habe die Fähigkeit, mich konsequent selbst zu belügen. c) Mein Gehirn wurde von anderen Offene-Beziehungs-Missionaren zwangsgewaschen.

Ich musste mir meine fürchterliche Angst vor dem Verlassenwerden eingestehen

Glücklicherweise stimmt nichts davon. Also ja, ich spüre nur noch äußerst selten Eifersucht in mir aufsteigen. Das hat aber nichts mit der Qualität meiner Beziehung zu tun. So kalenderspruchmäßig sich das auch anhören mag: Ich musste mich mit diesem Gefühl bis zum Erbrechen beschäftigen, damit ich es überwinden konnte. Und wenn ihr jetzt fragt, wo der Sinn darin liegt, sich mit etwas Unangenehmem auseinanderzusetzen, wenn man es auch sehr galant umschiffen könnte (indem man einfach nicht mit anderen Leuten vögelt zum Beispiel), dann sage ich euch: Das ist es wert. Sogar, wenn es dabei nicht um Sex außerhalb der Beziehung geht.

Wie wir auf potenzielle Konkurrenz reagieren, hängt in erheblichem Maße von uns selbst ab. Manche wollen automatisch die Streitaxt rausholen, andere sind da ganz gechillt. Das liegt aber nicht an dem anderen Menschen, sondern daran, was wir als Gefahr für uns definieren und wie wir auf sie reagieren. Und weil solche Muster sowieso viel älter sind als der aktuelle Kontext und eh schon lange in unseren Tiefen vor sich hin mäandern, lohnt es sich, sie anzuschauen.

In meinem konkreten Fall hieß das, mir meine fürchterliche Angst vor dem Verlassenwerden einzugestehen. Es hieß, zu weinen und zu schreien, bis ich nicht mehr konnte. Es hieß, mich meinem Mann ganz anzuvertrauen in meiner Hilflosigkeit, meinem Kleinsein, meinem Gefühl, nichts wert zu sein. Mich zu öffnen und mich weich zu machen. Dieser Prozess ist noch nicht vorüber, und vielleicht wird er das nie sein. Denn dieses Gefühl von „Auf keinen Fall werde ich genügen“, das schleppe ich schon so lange in mir herum, dass es so sehr zu mir zu gehören scheint wie mein einer Zeh, der nach einem Bruch so merkwürdig gewachsen ist.

Meiner Angst eine Bühne zu geben, sie hochzuholen aus den Niederungen meiner Eingeweide und sie anzuschauen, statt sie wegzudrücken, hat mich aber so sehr mit ihr versöhnt, dass wir nur noch selten aneinander geraten. Inzwischen spüre ich sie nur noch, wenn ich merke, dass mein Mann von einer anderen Frau mehr will als nur ein bisschen Spaß. „Weeow-weeow-weeow“ macht dann der Alarm in meinem Herzen, aber inzwischen weiß ich gut, wie ich ihn wieder runtergeregelt bekomme, ohne mir die Fingernägel abzukauen.

Hier habe ich die besten Eifersucht-Survival-Tipps für euch zusammengestellt:

Für monogame Beziehungen sind sie übrigens auch bestens geeignet:

  • Auf keinen Fall runterschlucken! Das, was da grade hochkommt, ist nicht schön. Aber es muss raus, wenn es dich und eure Beziehung nicht dauerhaft belasten soll. Darum reden, reden, reden. Und dann wieder von vorn.  
  • Der andere ist nicht schuld. Verabschiede dich von dem Gedanken, dass dein Partner oder sein Flirt die Verantwortung dafür tragen, dass es dir schlecht geht. Du reagierst auf die Situation, weil du es so und nicht anders gelernt hast. Schau dir lieber an, was da für Mechanismen in dir wirken.  
  • Dazu musst du vielleicht erstmal runterkommen: Dossie Easton und Janet W. Hardy, die Autorinnen des sehr lesenswerten Offene-Beziehungs-Klassikers „Schlampen mit Moral“, schwören auf kurzzeitige Ablenkung, weil man im Eifer des Gefechts oft nicht klar denken kann. Wenn dich deine Gefühle wegreißen, gehe aus der Situation raus. Eine Runde um den Block oder von mir aus fünf Minuten „Candy Crash Saga“ können wahre Wunder bewirken.  
  • Ihr habt das Ganze so lange durchgekaut, bis es euch wieder hochgekommen ist? Dein Liebster ist am Ende seiner Kräfte, du knabberst aber noch an deinen Gefühlen? Oft ist es gut, die Last deines Konflikts nicht nur von deinem Partner, sondern auch von anderen, dir nahe stehenden Menschen mittragen zu lassen. Die können dich nicht nur genauso gut unterstützen wie der Mensch an deiner Seite, sondern bringen oft auch noch zusätzliche Blickwinkel rein, die dich voranbringen.  
  • Wenn du es besonders schwer zuhause aushältst, während dein Partner sich woanders vergnügt: Viele Menschen, die ich kenne, haben gute Erfahrungen damit gemacht, sich für solche Abende auch ein Date klarzumachen — zumindest mit einem guten Freund.  
  • Und wenn alles nix nützt und es nur noch Stress gibt: Legt eine Pause ein. Schließt das Ding und kommt zur Ruhe. Schließlich hat keiner gesagt, dass das alles in andauernde Quälerei ausarten soll. Vielleicht überlegt ihr euch das Ganze in ein paar Wochen oder Monaten nochmal, vielleicht auch nicht. Wie ihr euch am Ende entscheidet, ist eigentlich auch egal. Hauptsache, ihr werdet glücklich damit.
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