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„Wir sind doch nicht zusammen!“

Von dem Problem, wenn Freundschaften zu Ersatzbeziehungen werden.
Von Melanie Wolfmeier
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    Foto: Judywie/photocase

Es war in der ersten Semesterwoche, als ich H. kennenlernte. In einem dieser fürchterlichen, fensterlosen Hörsäle stellten wir fest, dass wir unfassbar viel gemeinsam hatten. Innerhalb kürzester Zeit wurden sie und ich unzertrennlich. Wir unternahmen alles zusammen, von den ersten Semesterpartys über Barhopping bis hin zu gemeinsamen Koch- und Fernsehabenden. Es gab kaum einen Tag, an dem wir einander nicht sahen. Freunde fragten sogar, ob wir zusammen seien. H. und ich fanden das unterhaltsam, denn für uns war klar: Unsere Freundschaft war rein platonisch. Nur eben extrem eng.

Bis es mir zu viel wurde. Zu intensiv, zu einengend, zu pärchenmäßig. Ein ungutes Gefühl, das ich zunächst selbst nicht einordnen konnte. Irgendwie fühlte es sich tatsächlich an wie eine Fake-Liebesbeziehung – mit zu viel Verantwortung, zu hohen Ansprüchen, zu krassen Eifersuchtsanfällen. Und plötzlich wünschte ich mir Grenzen in unserer Freundschaft. Nur: Wie sollte das gehen, ohne H. zu verletzen? Wie sollte es möglich sein, die beste Freundin aus einem Bereich seines Lebens zuklammern, ohne die Freundschaft zu zerstören? 

 

Besitzansprüche vergiften die Freundschaft

 

Weil ich keine Antwort darauf wusste, schwieg ich zunächst. Und während H. immer mehr auf mich zukam, zog ich mich immer mehr zurück. "Eine Freundschaft ist ein Prozess des sich gegenseitigen Öffnens", sagt Dr. Horst Heidbrink, der Psychologie an der Feruniversität Hagen unterrichtet und auf dem Gebiet der Freundschaft forscht. "Man sollte aber darauf achten, dass die Schritte der Freunde ungefähr gleich schnell gemacht werden." Und H. und ich, wir hatten in Überschallgeschwindigkeit eine Freundschaft aufgebaut, die sich mehr nach Ersatz-Liebesbeziehung anfühlte als verkraftbar war.

 

Und damit ähnlich anfällig für negative Gefühle wie Eifersucht, Neid und Besitzansprüche war. Auch die Freundschaft ist schließlich eine Form der Liebe. Eine mit besonderen Fallstricken allerdings. "Freundschaft", erklärt Dr. Heidbrink, "ist eine freiwillige Beziehung, die gerade nicht auf Ausschließlichkeit beruht. Das Entwickeln von zu hohen Ansprüchen führt in Freundschaften zu den gleichen Problemen wie in Liebesbeziehungen. Wenn ein Freund höhere Ansprüche hat oder man selbst mehr investiert als der Andere bereit ist zurückzugeben, führt das zu Unzufriedenheit. Das Nehmen und Geben muss ausgeglichen sein – sonst riskiert man, dass die Freundschaft vergiftet wird."

 

Erst durch genügend Abstand konnte die Freundschaft wiederaufleben

 

Um Streit und womöglich auch dem Ende einer Freundschaft vorzubeugen, sollte man Dr. Heidbrink zufolge den Ausweg der Kommunikation einschlagen: "Wenn man offen darüber redet, kann man am ehesten vermeiden, dass solche Probleme überhaupt erst entstehen." Klingt in der Theorie einfach. Für H. und mich war diese simple Lösung aber zu spät. Nachdem ich mich immer unfairer verhalten hatte, kam es zu einigen hässlichen Szenen zwischen uns. Danach redeten wir monatelang kaum miteinander. 

 

Es dauerte fast ein Jahr, bis wir uns wieder treffen konnten, ohne durch diesen seltsamen Gefühlsmatsch waten zu müssen, den unser Streit hinterlassen hatte. Wie das ging? Durch Abstand. Wir gestanden einander den Freiraum zu, den wir beide brauchten. Um uns in verschiedene Richtungen zu entwickeln. Um uns auszuprobieren. Die Wiederannäherung lief zunächst zwar etwas holprig, aber mit der Zeit wurden wir immer entspannter. Und als H. ein Auslandssemester machte, konnte ich es kaum erwarten, dass sie zurück kam. Denn auf einmal gab es so viel, was ich wieder mit ihr teilen wollte. Und all die Streitigkeiten aus den ersten Semestern kamen mir plötzlich lächerlich vor.

 

Was diese Geschichte bestätigt: Probleme könnten oftmals viel leichter gelöst werden, wenn wir mal eher den Mund aufmachen würden. Uns gegenseitig zuhören würden. Und die Bedürfnisse des Anderen akzeptieren würden, selbst dann, wenn sie nicht komplett nachvollziehbar sind. Auf diese Weise würde man sich so einiges an Drama ersparen. Aber manchmal braucht man eben länger, um so elementare Regeln zu erkennen und zu befolgen. 

 

Obwohl H. und ich uns wieder richtig gut verstehen, haben wir uns stillschweigend auf eine Grenze in unserer Freundschaft geeinigt. Eine zu überzogene Fixierung auf den jeweils anderen lassen wir nicht mehr zu. Und nur dadurch hat diese ganze seltsame Ersatzbeziehung ein Ende gefunden und einer unfassbar wertvollen Freundschaft Platz gemacht.