Schlaf bei mir!

Ein Plädoyer fürs Übernachten bei Freunden.
Von Nadja Schlüter
Foto: photocase/a-h

Im vergangenen Jahr gab es eine Phase, in der ich oft bei Freunden übernachtet habe. Eher aus einer Not heraus, aber das tut nichts zur Sache. Zur Sache tut, dass es schön war. Und ich mich fragte, warum man es eigentlich nicht öfter macht. 

Man hat es ja mal öfter gemacht. Bloß hat das irgendwann aufgehört. In meiner Erinnerung haben vom Grundschul- bis ins Teenageralter hinein alle dauernd beieinander übernachtet. Als ich noch ein richtiges Kind war, war das jedes Mal etwas Besonderes. Beide Seiten, Übernachtungsgast und Übernachtungsgastgeber, mussten die Eltern explizit um Erlaubnis fragen. Man hat eine Tasche gepackt, in der lauter Dinge waren, die man eigentlich nur Zuhause benutzt, maximal noch im Ferienhaus, in das man mit der Familie fährt: eine Zahnbürste, der Schlafanzug, das liebste Stofftier. Mama hat kontrolliert, ob auch nichts fehlt. Diese Tasche hat man dann zur besten Freundin oder zum besten Freund transportiert. Man hat dort den Schlafanzug angezogen und sich sehr speziell gefühlt, denn man war in einer Hülle, in der man sonst nur im eigenen Bett und im eigenen Bad steckte, man trug diese Hülle in einer fremden Umgebung, man hatte ein ganz heimeliges und ganz fremdes Gefühl auf einmal.

Und man bekam Ausnahmeerlaubnisse. Ausnahmsweise nach dem Abendbrot noch was Süßes essen. Ausnahmsweise länger wach bleiben. Und wenn dann doch das Licht gelöscht wurde, sprach man noch im Dunkeln, flüsternd, alles wurde ein bisschen heimlicher, alle wurden immer müder und man schlief ein und war dabei schon gespannt, wer am nächsten Morgen wohl als erstes wach sein und den anderen schlafen sehen würde. Und überhaupt das Aufwachen: Da war einfach direkt jemand! Und zwar nicht ein Elternteil oder der nervige kleine Bruder, das wäre ja gewöhnlich gewesen, sondern jemand, den man sich ausgesucht hatte. Und der krönende Abschluss der ganzen Übernachtungsaktion war das fremde Frühstück, bei dem Dinge auf den Tisch kamen, die es Zuhause nicht gab, was sogar dann aufregend war, wenn es bloß der Junge Gouda von Rewe und nicht der von Edeka war.

Als Teenager packte man die Tasche zwar selbst, doch das Gefühl blieb, das Fremd-Heimelige, das So-ähnlich-wie-Ferien, das sich von echten Ferien darin unterschied, dass einer ja gar nicht fremd war an diesem Ort, sondern Zuhause. Und dann blieb man ewig wach und redete, denn es redet sich nie besser und ehrlicher als liegend und im Schlafanzug, und dann schlief man und dann wurde es wieder hell und man war sich unfassbar vertraut. Schlaf ist ja etwas sehr Privates. Wenn man den eigenen Schlaf woanders hinbringt, dann bringt man sehr viel von sich selbst dorthin.

Wieso den Abend hinten abschneiden, wenn man ihn auch ausschleichen kann?

Wenn man dann langsam erwachsen wird, hört es auf. Man schläft nicht mehr bei Freunden, sondern nur noch bei dem Freund oder der Freundin. Man macht einen Führerschein und kann immer nach Hause fahren. Alle anderen haben auf einmal auch feste Freunde und Freundinnen, die den Übernachtungszuschlag bekommen. Man zieht daheim aus und es verliert den Reiz, woanders zu übernachten, denn man übernachtet jetzt quasi jeden Tag woanders und gleichzeitig im ganz eigenen Zuhause, darauf muss man ja auch erstmal klarkommen. Und dann ist man einfach zu alt dafür. Erwachsene übernachten nicht mehr beieinander, außer, man besucht sich übers Wochenende in einer anderen Stadt. Aber einfach so, in der eigenen Stadt, passiert das nicht.

Dabei sollte es. Das Blöde an schönen Abenden ist ja oft, dass einer irgendwann gehen muss. Im schlimmsten Falle auch noch durch die Kälte. Und je älter man wird, desto größer wird auch die Sorge, der andere könne sich wünschen, man würde endlich gehen. Man geht aus Höflichkeit, obwohl vielleicht beide einfach nur müde sind und gerne schlafen würden – aber das muss man ja nicht in zwei verschiedenen Vierteln tun. Wieso den Abend immer hinten abschneiden, wenn man ihn auch ausschleichen kann, indem man sich hinlegt, noch ein bisschen murmelt und dann einschläft? Man sollte das schöne Gefühl von früher wieder zurückholen ins eigene Leben, das Fremd-Heimelige. Man fühlt sich gut aufgehoben, wenn man bei Freunden übernachtet. Und es ist schön zu merken, dass man ein Zuhause hat, aber dass es auch noch andere Orte gibt, an denen man den Schlafanzug tragen kann und es irgendwie richtig ist. Wenn ich genauer drüber nachdenke, dann tut es vielleicht doch etwas zur Sache, dass ich im vergangenen Jahr aus einer Not heraus bei Freunden schlief.

Denn: Das Übernachten hat die Not gelindert. Das kann es nämlich auch. Darum und weil es so schön ist, sollte man es wieder öfter tun. Man denkt ja immer, man sei da rausgewachsen wie aus dem alten Frottee-Schlafanzug. Aber das stimmt nicht. Der innere Frottee-Schlafanzug passt immer noch. Man muss sich nur trauen, ihn mal wieder anzuziehen.  

Was man auch viel öfter machen sollte: