Wer „lesbienne“ googelt, findet endlich nicht mehr nur Lesbenpornos

Das hat die französische Kampagne #SEOlesbienne erreicht. Die Initiatorin erzählt, warum das wichtig ist.
Interview von Nina Büchs

Illustration: Federico Delfrati

Googelt man nach dem deutschen Wort „lesbisch“, erhält man circa 48,5 Millionen Suchergebnisse. Zu oberst: Informationen – vom Wikipedia-Eintrag über Selbsttests bis hin zu Coming-out-Artikeln. In Frankreich sah das bis vor Kurzem ganz anders aus: Gab man den französischen Begriff „lesbienne“ in die Suche ein, erhielt man überwiegend pornografische Inhalte.

Fanchon Mayaudon-Nehlig ,29, hat das gemeinsam mit anderen Aktivistinnen geändert. Ihre Online-Kampagne „#SEOlesbienne“ forderte Google vehement zu einer Änderung des Algorithmus auf – bis das Unternehmen tatsächlich reagierte. Nun finden auch französische Menschen sofort Informationen in ihren Google-Ergebnissen, erst weiter unten Pornos. Warum dieser Sieg für Fanchon so wichtig war, hat sie jetzt am Telefon erzählt.

Die Aktivistin Fanchon Mayaudon-Nehlig fürchtet, dass viele Männer in lesbischen Frauen nur sexuell verfügbare Porno-Darstellerinnen sehen. Dagegen kämpft sie.

Foto: privat

jetzt: Fanchon, was hat dich dazu bewegt, dich als Aktivistin für die Veränderung des Google-Algorithmus einzusetzen?

Fanchon Mayaudon-Nehlig: Als ich noch Teenagerin war, habe ich damit begonnen, mich im Netz über meine sexuelle Orientierung zu informieren. Ich war damals sehr neugierig und musste meine Identität und Persönlichkeit erst noch finden. Als ich dann das Wort „lesbisch“ in die Google Suche eingab, wurden mir nur Lesben-Pornos angezeigt. Das hat mich ganz schön schockiert, schließlich wollte ich mich ja nur darüber informieren. Was mich auch überrascht hat, war, dass diese Inhalte nur bei dem französischen Begriff „lesbienne“ angezeigt wurden. Wenn man „schwul“ oder „trans“ in die Google-Suche eingibt, werden dem Nutzer dagegen auch seriöse Informationen, beispielsweise von LGTBQ-Seiten angezeigt.

Das heißt, es gab im Netz keine seriösen Artikel?

Kaum. Mir ist auch aufgefallen, dass offenbar selbst Journalist*innen ein Problem damit hatten, das L-Wort in ihrer Berichterstattung zu verwenden. Stattdessen wurde es umschrieben mit: Frauen, die andere Frauen lieben. Und auch AJL, der LGTBQ Verband von Journalisten in Frankreich, hat das bestätigt. Der Grund dafür sei, dass sie bei Google nicht mit pornografischen Inhalten in Zusammenhang stehen wollen. Ich fand, dass es höchste Zeit war, etwas dagegen zu tun. Lesbische Frauen sollten sich nicht mehr dafür schämen, sich als Lesbe zu outen. Deshalb müssen sie sich im Internet über seriöse Seiten über ihre sexuelle Orientierung informieren können.

„Meine Frau und ich würden niemals das L-Wort in der Öffentlichkeit benutzen“

Nach eurer Kampagne #SEOlesbienne hat Google den Suchmaschinen-Algorithmus geändert. Wie fühlt es sich an, das bewirkt zu haben? Wie reagieren die Menschen darauf?

Es fühlt sich großartig an. Ich hätte nie gedacht, dass wir die Power haben, wirklich so schnell etwas zu ändern. Als ich davon erfahren habe, war ich gerade auf der Arbeit und musste meine Freudentränen zurückhalten. Das war ein sehr emotionaler Moment. Die Reaktionen der jungen Teenager*innen haben mich besonders berührt. Einige haben geschrieben, wie sehr sie sich darüber freuen, sich jetzt über Google informieren zu können und dass das ein großer Moment für ihre Generation sei. Es hat mich sehr bewegt, weil ich mich genau in ihre Situation hineinversetzen konnte.

Wie geht es dir heute, als lesbische Frau in Frankreich? Zeigst du deine sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit?

Als lesbische Frau hat man oft mit sexuellen Belästigungen und Diskriminierungen zu kämpfen. Es ist manchmal schwer, das stereotype Lesben-Image in den Köpfen der Menschen zu verändern. Als ich zum ersten Mal mit meiner Frau, die damals noch meine Freundin war, ausgegangen bin, habe ich erlebt, was es bedeutet mich öffentlich als lesbisch zu outen. Damals saßen wir in einer Bar in Paris und flirteten miteinander, küssten uns und tranken Wein. Kurz darauf kamen einige Männer, die uns für sexuell verfügbar hielten und nach einem Dreier fragten. Andere Männer reagierten aggressiv, beleidigten uns. Leider war das kein Einzelfall. Im Gespräch mit anderen lesbischen Frauen habe ich gemerkt: Ich bin nicht die Einzige, der das passiert ist. Offenbar halten viele Männer lesbische Frauen für sexuell verfügbare Porno-Darstellerinnen.

Wirken sich diese Erfahrungen auf eure Beziehung und euren Umgang als Paar in der Öffentlichkeit aus?

Inzwischen halten meine Frau und ich nur noch selten Händchen, wenn wir draußen unterwegs sind. Wir schauen uns immer erst um, ob es sicher ist und würden niemals das L-Wort in der Öffentlichkeit benutzen. Denn obwohl ich mich nicht schäme, lesbisch zu sein, ist es mir unangenehm, vor anderen darüber zu sprechen.

„Bei der Videosuche finden Nutzer*innen leider immer noch sofort pornografische Inhalte“

Wie geht es für dich und die Kampagne jetzt weiter? 

Wir haben einen Grund zu feiern, aber das Ziel ist noch längst nicht erreicht. Es gibt zwar weniger Pornos in den ersten Suchergebnissen, aber doch noch viele sexualisierte Inhalte darunter. Beispielsweise handeln die ersten Artikel, die man findet, von lesbischen Kamasutra-Stellungen. Auch die Bilder-Suche und die Video-Suche ist noch sehr problematisch. Dort finden Nutzer*innen leider weiterhin sofort pornografische Inhalte, wenn sie nach dem Suchbegriff „lesbienne“ suchen.

Es dauert eben, bis die Änderung wirklich wirksam wird. Aber wir wollen so bald wie möglich über die nächsten Schritte diskutieren, die notwendig sind um das Wort lesbienne von Stereotypen zu befreien. Auch die Algorithmen sozialer Netzwerke sind ein Thema, das wir angehen werden. Social Media Kanäle wie Twitter haben leider bisher nichts unternommen, um gegen das Problem vorzugehen. Hier findet man immer noch viele pornografische Inhalte, wenn man nach dem „L-Wort“ sucht. Es ist also ein langer Weg, bis wir unsere sexuelle Orientierung endlich vom Porno-Stigma befreit haben.

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