Lesbische Mädchen, stört es euch, dass „homo“ meistens „schwul“ meint?

Oder ist es ganz entspannt, unter dem Radar zu laufen?
Von David Würtemberger und Florine Pfleger

Foto: Photocase Bearbeitung: jetzt

Liebe lesbische Mädchen,

vor ein paar Jahren saß ich in einer Redaktionskonferenz. Wir besprachen die neuesten Entwicklungen zur Öffnung der Ehe. Ich war der einzige queere Mensch im Raum, aber allen war das Thema wichtig. Das fand ich schön. Trotzdem war ich schwer irritiert: Der leitende Redakteur sprach penetrant von der „Schwulenehe“ – selbst, nachdem ich ihn kritisch darauf hinwies. Der Ausdruck wäre überall (was damals auch stimmte) und ein befreundetes lesbisches Paar hätte kein Problem damit, meinte der Redakteur.

„Szenebars“ sind meistens Salons für Würstchenpartys

Ich fand und finde das furchtbar. Die Hälfte der Menschen, die gleichgeschlechtlich heiraten können, werden mit diesem Begriff ausgeschlossen. Die Historie der Schwulen- und Lesbenbewegung ist zwar nicht deckungsgleich, aber wir gehören doch einfach zusammen. Trotzdem scheint diese Marginalisierung symptomatisch zu sein. In der CSD-Berichterstattung sieht man meistens durchtrainierte Dudes, Drag Queens und allerlei Fetisch-Kerle. Damit will ich nicht werten, denn sie alle gehören zur Community und wir alle sind wichtig. Aber wo sind beispielsweise die Dykes on Bikes, also die Lesben, die die Parade traditionell auf ihren Motorrädern anführen? Oder die lesbischen und bisexuellen Mädchen aus den queeren Jugendgruppen? Oder ganz einfach gesagt: Wo ist das L in LGBT*?

Ich nehme das auch außerhalb des CSD durch das komplette Gesinnungsbeet wahr: Queer feiern bedeutet auch bei meinen weltoffenen Bekannten meist „schwul“ feiern. Und wenn die Erzkonservativen mal wieder über die Gefahren von Homosex wettern, meinen sie Sex unter Männern. „Szenebars“ sind meistens Salons für Würstchenpartys. Vor kurzem wurde ein lesbisches Paar in London blutig geschlagen und ich musste mich beim Lesen der Artikel ernsthaft fragen, ob ich gerade das erste Mal seit den Coming-outs von Ellen Page und Hayley Kiyoko bewusst das Wort „lesbisch“ in den Medien las.

Für die LGBT*-Community seid ihr genauso wichtig wie die anderen Buchstaben und Sternchen. Auf der ganzen Welt feiern wir im Pride-Monat Juni unsere Paraden und Straßenfeste. Selbst Verbote halten uns oft nicht auf. Denn Pride, oder CSD, bedeutet im Kern auch: Demonstration. Für Sichtbarkeit, für Gleichbehandlung, für Toleranz, für Offenheit –  und nicht zuletzt: für unsere Rechte. Wir demonstrieren Seite an Seite. Und trotzdem ist der homosexuelle Stereotyp der schwule Mann.

Wie fühlt sich das für euch an, lesbische Mädchen? Fühlt ihr euch wirklich weniger sichtbar? Und wie macht sich diese geringere Sichtbarkeit bemerkbar? Wie wichtig ist es für euch, das Wort „lesbisch“ statt homo(sexuell) zu lesen und zu hören – und beeinflusst das euch auch in eurer eigenen Wortwahl? Oder überinterpretiere ich gerade total? Findet ihr es manchmal vielleicht sogar positiv, nicht der dauerpräsente Stereotyp zu sein – und auch damit verglichen zu werden?

Sagt doch mal!

Allerliebste Homogrüße von euren schwulen Jungs

Die Mädchenantwort:

Liebe schwule Jungs,

ihr wollt wissen, wie sich das für uns anfühlt? Stellt euch vor, es wäre andersrum:

Oktober 2017, die Ehe wird in Deutschland gesetzlich geöffnet. Ihr denkt: Jippie, wir Schwulen dürfen uns ab jetzt auch zur Scheidungsrate dazuzählen! Derweil werden im Internet dutzende Artikel mit herumknutschende Frauen in Hochzeitskleidern bebildert, in Texten teilweise nur das Wort „lesbisch“ verwendet und „Lesbenehe“ als Synonym für „Homoehe“ auserkoren. Dann ist wieder CSD. Ihr denkt euch: Jippie, vergesst die einseitige Berichterstattung, wir Schwulen kämpfen und feiern jetzt mit der ganzen LGBT*-Community zusammen für unsere Rechte. Danach im Internet: Dykes on Bikes, Femme Lesben, lesbische Jugendgruppen, Bi-Frauen, und Lesben, Lesben, Lesben.

Der Opa sagte: „Du bist doch nicht homosexuell!“

Kommt da bei euch so eine latente Wut auf? So ein Ungerechtigkeitsgefühl, das euch den Magen verdreht? Vielleicht sogar eine leichte Hilflosigkeit, weil selbst kritische Journalisten da nichts Falsches daran zu erkennen scheinen? Genau so fühlt es sich an.

Neulich war ich auf einem Familienfest. Da habe ich einen typischen Politik-Talk mit meinen Großeltern geführt. Natürlich kam es irgendwann zu der Frage: „Warum soll ich nicht die Partei wählen, die ich schon immer gewählt hab? Uns geht’s doch gut.“ Darauf antwortete ich: „Na ja, wenn die Vorsitzende der Partei sich gegen die Homo-Ehe ausspricht und deine Enkeltochter homosexuell ist, dann …“. Ich habe gesehen, wie sich das Gesicht meines Opas, eines weitgereisten und sehr klugen Mannes, verzerrte. Und zwar nicht aus Ekel, sondern eher, weil er nicht begriff: „Du bist doch nicht homosexuell!“

Mancher Millennial wird jetzt vielleicht sagen: Gut, der ist alt. Das wäre aber unnötig nachlässig. Er ist ganz im Gegenteil das perfekte Testobjekt. Einer, der sich früher nicht mit Homosexualität auseinandergesetzt hat (wie die meisten Menschen, die hetero sind) und jetzt alle Informationen über die Leitmedien bezieht. Wenn er also nicht weiß, dass Lesben gleich Homosexuelle sind, dann wird es in den Medien auch nicht abgebildet.

Ich bezeichne mich wieder als Homo, obwohl ich das Wort Lesbe viel lieber mag

Denn, wie ihr ja schon festgestellt habt: Auch außerhalb von Ereignissen wie dem CSD werden wir zumindest in den populären Medien kaum dargestellt. Und es ist doch so: Um Teil der Gesellschaft zu sein, um wahrgenommen, behandelt und diskutiert zu werden, muss man sichtbar sein. Gerade in den populären Medien.

Das Gespräch mit meinem Großvater hat mich so beschäftigt, dass ich meine eigene Sprache verändert habe. Ich bezeichne mich wieder als Homo, obwohl ich das Wort Lesbe viel lieber mag. Trotzdem: Solange nicht jeder verstanden hat, dass Homoehe etwas anderes als Schwulenehe ist, werde ich als Homo durch die Welt laufen.

Also, liebe schwule Jungs, danke, dass ihr an uns denkt, und euch die Frage beschäftigt. Das Thema treibt uns um und kränkt uns, egal, ob wir uns als Teil der LGBT*-Community sehen oder nicht. Manchen ist es sehr wichtig, das L in LGBT* zu sein, anderen ist das nicht so wichtig. Was wir alle aber wollen: gleichwertiger Teil der Gesellschaft sein.

Allerliebste Homogrüße von euren lesbischen Mädchen

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