„Deine Affäre war der mit dem wilden Sexleben, nicht du!“

Unser schwuler Autor schreibt Briefe an sein jüngeres Ich. Diesmal: über Geschlechtskrankheiten wie Aids.
Von David Würtemberger

Illustration: Federico Delfrati

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten.

Davids Tagebucheintrag von damals:

„Augsburg, Januar 2011

Ich war im August oder September beim HIV-Test. Ich musste nach einer Affäre einen machen, auch wenn ich mir sicher war, dass nichts ist. Die Frau klärte mich auf, dass mögliche Infektionen in den letzten drei Monaten nicht auftauchen würden. Da saß ich auf diesem Stuhl und lachte. Weil ich es wirklich witzig fand, dass ich vermutlich der erste seit Langem war, der sich bei diesem Ausspruch WIRKLICH keine Gedanken machen brauchte – vorher hatte ich nämlich seit über sechs Monaten keinen Sex mehr gehabt.“

Davids heutiger Brief an sein altes Ich:

„Köln, 2019

Lieber David,

so viel Nostalgie – dein erster HIV-Test! Den machst du, weil du, Getratsch sei Dank, erfahren hast, dass der Partner deines Sexpartners HIV positiv war. Ihr habt immer verhütet, aber sicher ist sicher. Du schreibst darüber abgeklärt, aber in der Situation bist du ganz schön aufgeregt, auch wenn du seit einem halben Jahr keinen Sex mehr hattest. Mit einer ausgedruckten Wegbeschreibung suchst du damals das Gesundheitsamt, schlurfst mehrmals am Eingang vorbei und huschst mit Herzschlag bis in die Haarspitzen hinein. Neun Jahre später wirst du dich selbst in deiner Küche testen können und die Scham von damals nicht mehr verstehen. Was bleibt: Die Erleichterung nach dem Ergebnis, selbst ohne Grund zur Sorge.

Deine Begegnung mit der Ärztin damals gestaltet sich ähnlich herzlich wie ein Fahrkartenkauf am Automaten. Das liegt aber nicht nur am tristen 70er-Jahre-Bau und der ergebnisorientiert arbeitenden Frau, sondern auch an dir. Denn du stolzierst mit einer Arroganz in das Behandlungszimmer, die Naomi Campbell vor Gericht beeindruckt hätte. Du und eine sexuell übertragbare Infektion (STI)? Unverschämtheit, du bist doch einer von den guten Jungs!

„Jetzt erklärt er dir, er habe Syphilis und zwei kämen als Überträger in Frage – einer davon du“

Ach David, du denkst es dir sicher schon, ich schreibe dir, um dich mal wieder mit der Realität abzuwatschen. Du machst es dir nämlich gerade richtig einfach. Du schaust hochnäsig auf die herunter, die sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben. Du bist dir sicher, dass dir so etwas nie passieren könnte – und sowieso, du kannst ja nichts dafür, dass du hier bist. Deine Affäre war der mit dem wilden Sexleben, nicht du! Tja, Hochmut, Fall, du kennst das Spiel.

In ein paar Jahren wirst du für ein verlängertes Wochenende zu deiner Mutter fahren. Vor der Abfahrt machst du einen kurzen Stopp im Schnellrestaurant am Bahnhof. Während gerade fettiges Junkfood auf das Tablett gestapelt wird, klingelt dein Handy. Es ist ein Bekannter, mit dem du ein paar Mal Sex hattest. Tatsache ist, dass beim Andockvorgang nicht immer von Sekunde 1 an ein Kondom übergezogen war. Jetzt erklärt er dir, er habe Syphilis und zwei Männer kämen als Überträger in Frage - einer davon du. Dein Burger schmeckt dir danach  nicht mehr gut und die Zugfahrt ist nicht mehr lustig.

Am nächsten Tag checkst du online und telefonisch Gesundheitsämter und Beratungsstellen im Umkreis von 150 Kilometern. Keine Chance auf anonyme Schnelltests. Du rufst bei ein paar Apotheken an und erkundigst dich nach Schnelltests. Als du das Wort „HIV-Syphilis-Kombitest“ aussprichst, schreit eine Apothekenhelferin hysterisch: „UM HIMMELS WILLEN, HIV!!!“ Du erklärst, wie unangebracht so eine Reaktion sei und andere Menschen womöglich verunsichern könnte. Irgendwann sprichst du entnervt mit deiner Mutter. Ihr Rat: Einfach nie mehr Sex haben. Ok, cool.

Zurück in Köln lässt du dich endlich testen. Alles negativ. Du bist erleichtert – und erschrocken von der Realität. Du lebst seit Jahren in Großstädten, die ständige Verfügbarkeit von anonymen Schnelltests schien dir selbstverständlich. Du bist offenbar besser über Geschlechtskrankheiten und Tests aufgeklärt als viele Fachkräfte. Und dir wurde ernsthaft Enthaltsamkeit als Verhütungsmittel vorgeschlagen. Es ist schon merkwürdig: Wir reden so viel über Sex, aber sobald es um STI geht, wird weniger gesprochen als auf einem Retreat im Schweigekloster. 

„Dieser Generalverdacht ist entwürdigend. Zum Beispiel, weil du nicht Blut spenden darfst“

Deshalb: Schätze die Menschen, die dich informieren! Nimm sie dir auch als Vorbild und gehe offen mit dem Thema STI um, egal wie unangenehm die Situation scheint. Brauchst du noch weitere Argumente? Wie wäre es mit schmerzhaft geschwollenen Mandeln, weil du wochenlang nicht ahnst, dass der Chlamydien-Express Halt gemacht hat? Ganz großer Spaß, versprochen!

Als Mann, der Sex mit Männern hat, zählst du spätestens seit der AIDS-Epidemie zu einer sogenannten „Risikogruppe“, genauso wie Sexarbeiter*innen, Häftlinge und Drogenkonsument*innen. Dieser Generalverdacht ist entwürdigend. Zum Beispiel, weil du nicht Blut spenden darfst, außer du lebst – Mama, bist du’s? – ein Jahr enthaltsam.

Für dich bedeutet das, dass du dich besonders mit dem Thema STI auseinandersetzen und informieren musst. Zum Glück gibt es in der Community viele Angebote. So verstehst du, dass man durch moderne Medikamente mit HIV ohne große Einschränkungen leben  – und sogar eine Übertragung ausschließen kann. Du lernst aber auch, dass es STI gibt, vor denen man sich nicht so easy schützen kann. STI, gegen die man sich impfen lassen kann. STI, die man unter Umständen unbemerkt überträgt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir genauso offen über Risiken sprechen wie über Lust. Und genauso wichtig sind regelmäßige Tests. Für alle. Denn nur wer seinen Status kennt, kann verantwortungsvoll handeln.

Einmal hast du einen One-Night-Stand. Safer Sex mit Kondom ist besprochen. Dann setzt sich der Mann einfach auf dich. Moment mal –  ohne Gummi!? Du bist total überfordert, Minuten vergehen. Dann kommst du zu Sinnen und beendest die Situation. Ein paar Tage später sitzt du beim Test, beschreibst die Situation und machst dir wütend Vorwürfe. Der Berater tröstet dich: „Mach dich nicht fertig, es gibt nichts Natürlicheres als ungeschützten Sex.“ Klingt komisch, aber er hat recht. Weißt du, dumme Sachen sind dumm –  aber manchmal passieren sie. Auch dir.

„Es gibt auch Männer, die dich zu ungeschütztem Sex überreden wollen“

Deshalb solltest du dir auch kein Urteil über Menschen mit einer Infektion erlauben. Denn hinter jeder Diagnose steht ein Mensch und eine Geschichte. Du wirst immer wieder von Infektionen hören, ob sie aus naivem Verliebtsein oder durch Blackouts durch K.O.-Tropfen passiert sind. Du wirst oft von der realen Angst hören, wegen HIV geächtet zu werden. Auch innerhalb der Community. Manche Männer sprechen mit dir ganz selbstverständlich über ihre STI und respektieren deine Entscheidung, ob du mit ihnen Sex haben wirst oder nicht.

Es gibt aber auch Männer, die dir einen falschen Status vorlügen, dich zu ungeschütztem Sex überreden wollen und dich am Ende beschimpfen, weil du nicht möchtest. Du wirst erleben, wie mit PrEP eine HIV-Präventionsmethode eingeführt wird, die für zusätzlichen Schutz zum Kondom sorgt. Gleichzeitig wirst du dich wundern, dass gefühlt immer weniger Männer Kondome verwenden wollen, obwohl es ja mehr STI als HIV gibt. Du wirst mit einem HIV-positiven Mann schlafen, wissentlich und mit weder mehr noch weniger Angst oder Risiko, als bei jedem anderen Mann. Denn wir sind eben alle nur eins: Menschen.

Sei offen. Sei ehrlich. Sei entspannt und habe Spaß - aber bestehe auf deine Wünsche. Lass dich auf keinen Fall zu irgendwas überreden. Und vergiss niemals, dass die Person, die für deine Gesundheit verantwortlich ist, am Ende immer noch du selbst bist.

In diesem Sinne, pass auf dich auf,

Dein David

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