„Alle haben dir beim Leiden zugesehen“

Unser schwuler Autor schreibt Briefe an sein jüngeres Ich. Diesmal: Wie sein Coming-out war.
Von David Würtemberger

Illustration: Federico Delfrati

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Ziemlich ungefiltert schrieb er über das Hadern mit seiner Sexualität, unglückliche Liebe zu Hetero-Jungs, Probleme mit seiner Familie, eine Therapeutin, die ihn von seinem Schwulsein heilen wollte oder über die neue Welt, die ihm das Online-Dating eröffnete. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten – und hofft, den Weg für andere damit etwas leichter zu machen.

Allgäu, Juni 2009:

„Gestern kam die Vorschau auf den nächsten Tatort, in der mal wieder ein böser Schwulenmilieumord behandelt wird. Darauf meinte ich: 'Komisch, das Thema wird immer nur für Morde und sowas aufgegriffen und sonst kommt’s im Fernsehen kaum vor.' (Ernsthaft, es ist aller, ALLERhöchstens mal ein Nebencharakter nicht hetero. Nur wenns um die brutalen Morde geht, merkt man die 10% der Bevölkerung, die natürlich absolut genau so

dargestellt werden, wie sie sind.) Meine Mutter darauf: 'Ich verstehe nicht, warum man das Thema die ganze Zeit von vorne bis hinten immer wieder durchkauen muss!' Ich: 'Man kann es doch einfach ganz normal behandeln, so wie es einfach ist?' Sie: 'Ach, die wollen doch gar nicht normal sein.'

Ich möchte sehr gern beschreiben, wie sehr mich dieser Satz getroffen hat und wie ich in mein Zimmer gehen musste, weil ich gemerkt habe, dass ich gleich weinen werde und wie ich dort dann vor Schmerz gekrümmt auf meinem Bett lag, weil mir das alles so unendlich weh tut.“

Köln, 2019:

„Lieber David,

dieser Eintrag war ein Schock. Diese Situation hatte ich völlig vergessen. Oder verdrängt? Sicher weiß ich aber: In deinem Eintrag fehlt aber etwas, das dieses Gespräch zu etwas macht, das du nicht realisierst: dein Co­ming-out.

Weil du diesen Abend völlig aus deinem Bewusstsein verbannst, wirst du ein paar Wochen später denken, es wäre soweit. Du hast Liebeskummer wie noch nie zuvor. Du rührst so tief herum in deiner Gefühlsmatsche, dass du jedem Menschen, der nicht sofort flüchtet, dein Leid ans Ohr kaust. Irgendwann auch deiner Mutter.

Deine Tarnung ist so effektiv wie ein Cocktailschirmchen als Sonnenschutz

Dabei packst du alle Verschleierungstaktiken aus, die ungeoutete LGBT instinktiv anwenden, wenn sie undercover über ihre Gefühle sprechen. Du deutest an, statt konkret zu werden, lässt dein Gegenüber Sätze vervollständigen, sprichst nie von 'ihm', sondern immer geschlechtsneutral von 'einer Person'. Die bittere Wahrheit ist: Deine Tarnung ist so effektiv wie ein Cocktailschirmchen als Sonnenschutz. Du täuschst nur die Menschen, die dein Schwulsein selbst nicht wahrhaben wollen. Wahrscheinlich nicht einmal sie.

Aber dieses entscheidende Gespräch verläuft anders. Deine Mutter spricht so penetrant von 'den Frauen', dass du entgegnen wirst: 'Ich kann dir nicht alles erzählen, weil dir das nicht gefallen wird.' Stille. Würdest du wollen, könntet ihr die traditionelle Verarbeitungsstrategie deiner Familie anwenden: Irgendjemand würde wie die 'Men in Black' so eine Art blitzdingsen und – pöff – die ganze Situation wäre sofort bis auf kleinsten Erinnerungsfetzen aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen. Aber aus irgendeinem Grund wirst du genau an diesem Tag fragen, ob du die Wahrheit erzählen sollst. Weil dich diese beschissene Lüge einfach erdrückt.

Dann wirst du nicht weitersprechen können, weil ihr nächster Satz dein komplettes Leben verändern, potenziell sogar zerstören könnte. 'Du triffst dich doch nicht mit einem Mädchen, sondern mit einem Kerl.' Für einen kurzen Moment wirst du dich fühlen, als würdest du zerbröckeln und ersticken, dir ist heiß und kalt, deine Ohren beginnen zu rauschen. Du wirst drucksen, wissen wollen, ob es schlimm wäre. Sie wird dir sagen, dass sie es nicht gutheiße, aber es nun mal nicht ändern könne. So schlimm und kalt diese Aussage aus meiner heutigen Sicht ist, du wirst unendlich erleichtert sein. Weil es raus sein wird. Weil es für dich im Gegensatz zu vielen LGBT vergleichsweise gut lief.

Alle wussten es, und alle haben dir beim Leiden zugesehen

Nach fast 24 Jahren werden sich das Verstecken, die Angst und der Druck endlich auflösen. Der Rest deiner Familie wird es übrigens gut aufnehmen. Deine Mutter wird langsam ihr Weltbild ändern. Habe Geduld. Wichtigen Menschen solltest du diese Zeit zugestehen, denn ein Co­ming-out verändert nicht nur deine Realität, sondern konfrontiert auch die Menschen um dich herum unweigerlich mit ihrem eigenen Weltbild.

Wäre dein Tagebucheintrag über den Tatort in der Schwulenszene nicht, würdest du wahrscheinlich für immer davon ausgehen, dass das dein Co­ming-out war. Aber es gab diesen Tatort und das Gespräch mit den verletzenden, abschätzigen, einfach homophoben Worten. Und es gab diese drei letzten Sätze, die du scheinbar schon am nächsten Tag aus deinem Gedächtnis verbannt hast.

‘Wollen? Glaubst du etwa, man entscheidet sich dafür!?‘

‘Ja, das glaube ich.‘

‘Wenn das ginge, hätte ich mich sicher nicht für dieses beschissene Leben entschieden.‘

Die letzten Worte würgst du regelrecht durch deine Kehle, denn deine Tränen schnüren deinen Oberkörper zu und füllen deinen Kopf mit schmerzendem Druck. Du flüchtest in dein Zimmer und bist sicher, dass sie es jetzt wissen müsse. Du hast die ganze Nacht noch mehr Angst als sonst, am nächsten Tag rauszufliegen, kein Teil der Familie mehr sein zu dürfen, nicht mehr lieb gehabt zu werden. Aber dann kommt es zum Einsatz, das Blitzdings.

Du suchst, wie immer, den Fehler bei dir und gibst dir die Schuld an dem missglückten Co­ming-out. Warst du nicht deutlich genug? Zehn Jahre später kann ich dir sagen: Noch deutlicher wäre nur gewesen, hättest du in dem verdammten Tatort mitgespielt. Als Gogo-Tänzer, der zum neuesten Ariana Grande-Song performt. In glitzernden Regenbogen-Hotpants. Auf einem CSD-Truck. Nummernschild: G-AY-175. Es war unmissverständlich und heute, zum zehnten Jubiläum, realisiere ich, dass du zwei Co­ming-outs haben wirst.

Alle wussten es und alle haben dir beim Leiden zugesehen. Klar, ich könnte dir jetzt eine seitenlange Abhandlung über deine Familie und die Gesellschaft schreiben und wie wütend dich die Manipulation, das Im-Stich-lassen und die Uneinsichtigkeit über Jahre immer wieder aufs Neue machen wird. Nur wird dir das nichts bringen außer neuen Kummer. Denn es kommt nicht darauf an, was deine Familie oder wer auch immer von deiner Sexualität hält, sondern einzig und allein darauf, dass du dich wohl fühlst. Mit dir, deinem Leben, deiner Sexualität. Niemand auf der Welt, verwandt oder nicht, ist es wert, dass du dich selbst jeglicher Möglichkeit beraubst, du selbst und glücklich zu sein. Du hast die einmalige Chance, deinen eigenen Film zu drehen, also lass niemanden außer dir selbst das Drehbuch schreiben – sonst wird aus Disney nämlich ganz schnell Schund-Tatort.

Nach dem Co­ming-out geht die Achterbahn erst richtig los

Du hast mit deinem Co­ming-out einen riesigen, mutigen und wichtigen Schritt gemacht. Ich bin wirklich stolz auf dich und du solltest es auch sein. Du wirst dich zwar oft ärgern, dass du es nicht früher geschafft hast, aber glaub mir, jeder benötigt seine Zeit – ob 15 oder 50 Jahre. Weil es einfach verdammt schwierig ist. Aber: Nach dem Co­ming-out geht die Achterbahn erst richtig los. Ich weiß, du hast dein halbes Leben lang versucht, es immer allen Recht zu machen und keinen Hass auf dich zu ziehen. Weil du dich einfach nur nach Akzeptanz sehnst. Exakt diese Sehnsucht stellt dich jetzt vor die kolossale Challenge, dich von ihr frei zu machen, damit du dich selber akzeptieren kannst.

Damit bist du, auch wenn du das oft glaubst, nicht allein. Leider werden es viele niemals schaffen, sich von den Erwartungen der Menschen um sie herum zu distanzieren. Auch dich wird das an den Rand der Verzweiflung treiben. Aber ich will dir ein Zitat mit auf den Weg geben, das mir eine neue Sicht auf die Dinge eröffnet hat. RuPaul, die berühmteste Drag Queen der Welt, deren Cover von ‘It’s Raining Men‘ du ironischerweise früher oft mit deiner Mutter gehört hast, sagt: ‘What other people think of you, ain’t none of your damn business. // Was andere Menschen von dir denken, geht dich verdammt nochmal nichts an.‘ Nimm dir das zu Herzen, es lohnt sich!

Forever out and proud,

Dein David

PS: Allein am Wort ‘Schwulenmilieu‘ hättest du erkennen können, dass der Tatort für’n Arsch war. Und zwar absolut nicht auf die gute Art und Weise.“