„Du hast in den falschen Lostopf gegriffen – und eine Hete gezogen“

Unser schwuler Autor schreibt Briefe an sein jüngeres Ich. Diesmal: über die unglückliche Liebe zu einem Hetero-Mann.
Von David Würtemberger

Illustration: Federico Delfrati

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten.

Allgäu, November 2007:

„Jetzt schreibe ich ein wenig über diesen ominösen Menschen, dem ich im Moment so verfalle … Er ist fast so groß wie ich, blond, tolle Augenfarbe (ich kann sie mir nicht mal merken, weil ich ihm nicht wirklich in die Augen schauen kann) und vom Aussehen her ... mein Typ halt, aber jetzt nichts Besonderes. Aber das ist es nicht. Er hat diese Wirkung auf mich. Ich bekomme dieses Gefühl von Wärme. Und das hatte ich bisher bei niemandem. Ich meine, ich war jahrelang in diesen einen Jungen aus meiner Nähe vernarrt. Aber was war das denn? Eine Spinnerei, ein Hirngespinst, sehen wir es, wie es ist: ein utopisches Verlangen nach einer Person, die keinesfalls so existiert. Ich habe einen Charakter auf ihn projiziert und mir etwas eingebildet.

Gut, wieder zum Jetzt. Ich habe dieses unglaubliche Bedürfnis, ihn so gut kennenzulernen wie niemand anderen. Ist das ... Liebe auf den ersten Blick?“

Köln, 2019:

„Lieber David,

ich tippe mal: Neun von zehn schwulen Männern haben beim Lesen deines Eintrags einen Jungen aus ihrer Jugend vor Augen, dem sie so besessen hinterhergelaufen sind wie Gollum seinem Ring. Jetzt glaubst du vielleicht, dass ich von dem anderen Jungen aus deinem Eintrag spreche, in den du jahrelang vernarrt gewesen warst – weil du dir ganz fest vorgenommen hast, dass dein nächster Schwarm süß, sympathisch und auf jeden Fall schwul sein wird. Aber sorry: Du hast noch einmal in den falschen Lostopf gegriffen – und eine Hete gezogen.

Aber hey, ich verstehe es. Es ist völlig neu für dich, dass ein Junge dich zur Begrüßung umarmt, dir für deinen Style Komplimente macht, im Auto extra deine Musik spielt und dir vor allem sagt, wie cool er dich findet und dass er dich mag. Also witterst du romantisches Interesse. Woher solltest du es auch besser wissen? Deine Sensoren für Annäherung stehen momentan noch auf einer Evolutionsstufe mit den Augen von Regenwürmern.

Du hast dich verliebt in das Bild, das du von einem Menschen gemalt hast

Aber leider bist du auch unbelehrbar. Du lässt deine Sichtweise von all deinen Freunden bestätigen. Manche sagen, sie hätten sich sogar schon öfter selbst gedacht, dass der Junge schwul sein könnte. Alleine die Tatsache, dass du der erste und einzige Schwule bist, den sie alle bewusst kennen, sollte dich über diese Vermutungen schmunzeln lassen. Aber im Gegenteil: Du fühlst dich nur noch mehr angefeuert. Spürst du bei einem Gegenüber auch nur den leisesten Zweifel, argumentierst du die Person in Grund und Boden. Außerdem mutierst du nebenbei zu einem Profiler und gehst dir irgendwann selbst auf den Keks. Du interpretierst wirklich jede Mikrobewegung und stumpfe SMS so lange, bis sie deine These unterstützen. Fast ein Jahr lang steht für dich fest: Du bist verliebt in diesen Jungen.

Also sage ich dir jetzt die Wahrheit: Du bist verliebt. Aber nicht in diesen Jungen. Um zu erklären, was in dir vorgeht, will ich kurz etwas zitieren, das dir bekannt vorkommen könnte: „Ein utopisches Verlangen nach einer Person, die keinesfalls so existiert.“ Schon ironisch, du hast diese Worte gerade erst selbst in deinem Eintrag getippt. Aber ja, tut mir leid, kein Witz. Das ist dir wieder passiert. Du hast dich verliebt in das Bild, das du von einem Menschen gemalt hast, statt in den Menschen selbst. Keine Sorge, du bist in bester Gesellschaft. Über die Jahre wirst du feststellen, dass erschreckend viele Beziehungen auf diesem Missverhältnis basieren, egal ob homo oder hetero. Es ist wie dieser nervige Typ, der auf jeder Party viel zu hacke ist, tausend Mal „Dragostea Din Tei“ in die Playlist zieht und sich erst verpisst, nachdem er das ganze Bad vollgekotzt hat. Jeder kennt ihn, jeder hasst ihn, trotzdem taucht er immer wieder auf. Was du bisher aber nicht bemerkst: Auf deiner Party hängt noch ein anderer Gast rum, der sich zwar unauffällig gibt, aber trotzdem die Stimmung vermiest: ein Schwulenhasser. Und zwar du.

Tief in dir flackert noch etwas, wofür du dich fast schämst

Ich weiß, das klingt komisch, aber lass es mich erklären. Du hast gedacht, jetzt nach deinem Coming-out wäre auf Knopfdruck alles Gucci und du könntest die seit 20 Jahren gewachsene Ladung Hass, Angst, Scham, Mobbing und Gewalt geschmeidig im Wandschrank einlagern. Nette Vorstellung, aber all das hat Spuren hinterlassen. Die haben sich in deinem Unterbewusstsein und deinem Wertesystem abgelagert und deine Erwartungen an das Leben und dich selbst geprägt. Du bist jetzt also ein schwuler Mann, aber willst auf keinen Fall mit irgendetwas in Verbindung gebracht werden, was man mit schwulen Männern assoziiert. Dieses Phänomen heißt internalisierte Homophobie und ist wie ein beschissener Song, der dich als Ohrwurm umso mieser terrorisiert, je mehr du ihn hasst.

Ein wenig schützt dich auch die Aussichtslosigkeit der Situation – denn wenn eine Geschichte sowieso zu nichts führt, hat sie auch keine Konsequenz im echten Leben. Außer Traurigkeit und Liebeskummer, die ja sowieso Stammgäste sind bei dir. Gleichzeitig flackert aber tief in dir noch etwas, wofür du dich fast schämst. Es ist die Hoffnung, dass dieser Junge nur wegen dir entdeckt, dass er Männer mag. Dass er ist wie du. Denn das würde alles so herrlich einfach machen! Euer Freundeskreis, das gesamte Umfeld, alles bliebe einfach beim Alten – und du wärst trotzdem nicht mehr allein. Eigentlich wärt ihr dann gar nicht richtig schwul, sondern einfach nur zwei Jungs, die zufällig in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung sind, aber ansonsten „ganz normal“. Keine Schwulenszene, kein CSD, kein Hach und Huch, kein Höllenfeuer. Du wärst die Personifizierung des dämlichen Ausspruchs „David ist nett und man merkt gar nicht, dass er schwul ist!“ Diese Vorstellung wäre für dich ein wahrer Ritterschlag. Ja, das klingt paradox. Aber hey, dein Unterbewusstsein war jahrelang exzellent darin, dir völlig durchgeknallte Vorstellungen rund um deine Sexualität als schlüssig zu verkaufen.

Auch wenn das für dich alles unmöglich erscheint: Du verliebst dich nie wieder in einen Hetero

Was musst du also tun, um nicht als Gay-Version der Star Wars Cantina Band zu enden, die den selben Song nochmal und nochmal spielt? Ich weiß, du hast Angst, zum wandelnden Stereotyp zu mutieren. Aber du musst dich als erstes als schwuler Mann akzeptieren ­– und samt den Hetero-Boys all die kruden Vorstellungen davon über Bord werfen, die du über die Jahre angesammelt hast. Die sind nämlich ziemlicher Quatsch. Den „Schwulen als solchen“ gibt es nicht und man ist kein besserer oder schlechterer Mensch, weil man nicht hetero ist. Deine sexuelle Orientierung ist nicht gleichzusetzen mit deiner Persönlichkeit. Aber: Sie ist Teil von ihr ­– und ehrlich gesagt ist das ziemlich super so. Solange du das nicht akzeptieren kannst, wird es auch mit der Liebe nichts. Klingt vielleicht ein wenig nach dem Homo-Äquivalent zum „Carpe Diem“-Wandtattoo, aber es ist wirklich so.

Für den unweigerlichen Liebeskummer hier noch mein Rat, den ich jedem Menschen mit Liebeskummer auf den Weg gebe: Lösch seine Nummer, entfolge ihm, geh ihm aus dem Weg – und sei dabei streng zu dir. Auch wenn sich niemals jemand daran halten will: Es hilft.

Auch wenn das für dich alles unmöglich erscheint: Du verliebst dich nie wieder in einen Hetero. Und nach ein paar schwulen Katastrophen wirst du endlich spüren, was Liebe ist. Sie wird größer und erfüllender, als du dir das gerade vorstellen kannst. Und du wirst verstehen, dass du Liebe nur mit einem Menschen erleben kannst, der dich auch lieben kann.

Ich drück dich,

Dein David“