Was wir von schwulen Männern lernen können

Die Serie „Queer Eye“ zeigt, was herauskommt, wenn Schwule in den Medien mal mehr als die lustige Tunte sein dürfen.
Von David Würtemberger

Foto: Christopher Smith/Netflix

Dieses Wochenende halte ich mir komplett frei, bunkere massig Snacks und antworte auf keine einzige Nachricht. Denn heute startet endlich die dritte Staffel Queer Eye – und die werde ich sowas von durchsuchten. Die Netflix-Serie ist eine Neuauflage einer Reality-TV-Serie aus den 00er Jahren. Die ersten beiden Staffeln spielen in Georgia, die neue, dritte jetzt in Missouri. Jede Folge läuft nach dem selben Schema ab: Fünf schwule Männer, die „Fab 5“, besuchen eine Person, die Hilfe benötigt. Denn deren Lebensumstände sind ein Konglomerat an Baustellen: Verlotterte Wohnungen, vernachlässigtes Aussehen, viel-Work-wenig-Life-Balance, komplizierte Beziehungen. Der Mut zum Neustart fehlt wie der Glaube an sich selbst. Dann beginnt eine fabelhafte Woche: Tan überarbeitet die Garderobe, Antoni begeistert für gutes Essen, Bobby zaubert Wohlfühloasen, Karamo optimiert den Lebensstil und Jonathan bringt Haut und Haar zum Strahlen. Das Äußere wird dem liebenswerten Inneren angepasst. Am Schluss wird kontrolliert, ob und wie die Teilnehmer das Gelernte übernehmen. Im Detail klappt das mal mehr, mal weniger, aber am Ende bleibt immer das warme Gefühl, ein Leben wurde verbessert. Neben allem Altruismus birgt die Sendung bereits im Titel noch etwas anderes: Einen queeren Blick auf die Welt. Queere Personen sind in den Medien selten sichtbar, in der Hauptrolle sind sie eine echte Rarität. In Queer Eye sind es gleich fünf!

Ich hatte das Gefühl, Medien wollen Schwule nur im Extrem

Hier wird dieser Text nun persönlich, denn ich, der Autor, bin ein schwuler Mann in den Medien. Nachdem mein erster Beitrag bei einem bayerischen Radiosender lief, erklärte man mir, ich solle doch machohafter sprechen. Ich klänge sehr „freundlich“, sagte der Redakteur, merkwürdigerweise selbst schwul und wenig machohaft. Über die Jahre bekam ich viel Feedback dieser Art: Von nasal über melodisch bis kurz vor einer Sprechbehinderung. Übersetzt sollte das heißen: Man hört und merkt mir einfach an, dass ich schwul bin. Oder auch: Ja, ich bin tuntig. Und offensichtlich war das ein Problem. Und bedeutet scheinbar, dass man mich und meine Gedanken und Person nicht ernst nehmen kann

Queer Eye: Season 3 | Official Trailer [HD] | Netflix

Jahrelanges Selbst-Unter-Druck-Setzen, eine logopädische Therapie und eine Nasen-OP später, gab ich auf und wechselte hinter die Kulissen. Ich hatte das Gefühl, Medien wollen Schwule nur im Extrem: Entweder den überzeichneten Spaßvogel für bissige Kommentare oder aber den schönen, ungeouteten Moderationsroboter, der sich seine Sexualität niemals anmerken lässt. Eindimensionale Abziehbilder ohne Gefühle, Persönlichkeit oder Vorbildfunktion.

Die Serie Queer Eye eröffnet nun als eine der ersten eine Perspektive auf schwule Männer, die nicht glattgebügelt oder machohaft ist. Die Freundlichkeit nicht negativ interpretiert, sondern zelebriert. Die zeigt, dass es nicht „den Schwulen an sich“ gibt, sondern viele Menschen und ihre individuellen Geschichten. Es gibt mir Hoffnung, wenn ich mit Karamo und Tan queere People of Color sehe. Ich fühle mit, wenn Bobby eine Kirche nicht betreten kann, weil ihn seine konservative Jugend nicht loslässt. Ich finde es cool, dass Antoni Shirts von Indierock-Bands trägt. Und dann ist da Friseur Jonathan, der sich optisch als „big gay Jesus“ beschreibt, Bart zu Kleid trägt und kompromisslos er selbst ist. Er vereint jedes schwule Klischee, straft Hater mit Selbstliebe ab und verschwendet keine Nanosekunde damit, hetero wirken zu wollen. Das macht ihn authentisch, sympathisch und unendlich unterhaltsam. Ein echtes Vorbild!

Die Fab 5 teilen ihre dunklen Erfahrungen, Mobbing, Familiendramen, Rassismus, Diskriminierung

Man könnte Queer Eye vorwerfen, alte Vorurteile gegenüber Schwulen zu befeuern, die als ach so modisch, kultiviert und oberflächlich gelten. Natürlich sind die Fab 5 nicht repräsentativ für die Community. Aber es gibt nun mal Schwule, die diesem Klischee entsprechen. Und Queer Eye ist eben keine jener Reality-Shows, bei der man sich über Menschen bepisst. Kein Model zwingt darin „Freaks“ zu peinlichen Mutproben, niemand stellt trashige Tiki-Tresen vor Fototapeten und geschmacklose Presswurst-Outfits gibt es auch keine. Queer Eye respektiert, was man im Reality-TV oft vermisst: Würde. Ein älterer Herr mit Lupus traut sich zum Beispiel, seine Ex-Frau um ein Date zu bitten. Ein schüchterner Ingenieur wagt das Coming Out bei seiner Stiefmutter. Ein ängstlicher Verkäufer fasst den Mut, seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Die Menschen in der Sendung wirken echt und liebenswert, man fühlt mit ihnen mit und vergießt Tränen. Die Fab 5 sind nicht nur Umstyling-Profis, sondern auch Coaches für Selbstfindung, Selbstakzeptanz und Selbstvertrauen. Die Message: Wir sind alle einzigartig – und haben dadurch ganz schön viel gemeinsam. Wenn sich dann in den Folgen sogar erzkonservative Hetero-Männer aus den amerikanischen Südstaaten bei den Fab 5 mit Liebesbekundungen für ihren Besuch bedanken, bricht das eher mit Vorurteilen, als dass es sie zementiert.

So konfrontiert Queer Eye übrigens auch queere Zuschauer mit ihren Vorurteilen. Denn sicher hätten nicht alle erwartet, dass so konservativ erscheinende Menschen die Fab 5 so offen und liebevoll in ihr Leben lassen. Die Fab 5 teilen im Gegenzug ihre dunklen Erfahrungen, Mobbing, Familiendramen, Rassismus, Diskriminierung – und trotzdem haben sie zu sich gefunden, gehen konsequent ihren Weg, helfen voller Empathie und verschönern die Welt. Dabei inspirieren sie, völlig egal, wo man sich selbst im Koordinatensystem aus Geschlecht, Gender und Orientierung verortet. Sollten wir also hoffen, dass es auch bald eine deutsche Version von Queer Eye gibt? Spoiler: Es gab bereits verschiedene Casting-Aufrufe. Bei einem habe ich mich beworben. Beim Kennenlern-Telefonat fiel gefühlte 17 Mal in 30 Minuten, dass man nach „bodenständigen“ Männern suche, die nicht so „übertrieben“ seien. Als die Absage kam, war ich wenig traurig. Ich bleibe aber weiter „freundlich“, werfe alle Scham von Bord und bin ab jetzt mein eigener tuntiger „big gay Jesus“.

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