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Illustration: Federico Delfrati

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Ziemlich ungefiltert schrieb er über das Hadern mit seiner Sexualität, unglückliche Lieben zu Hetero-Jungs, Probleme mit seiner Familie, eine Therapeutin, die ihn von seinem Schwulsein heilen wollte oder über die neue Welt, die ihm das Online-Dating eröffnete. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten – und hofft, den Weg für andere damit etwas leichter zu machen.

Allgäu, 2004:

„Ich wollte mich entschuldigen, dass ich so viel Müll poste und nicht einfach schreibe, was los ist. Das Problem ist, ich weiß es nicht wirklich... Ich denke, wenn ich es wüsste, dann könnte ich was ändern. Aber zur Zeit befällt mich einfach wieder diese undefinierbare Traurigkeit. Früher war es noch so, dass ich es nur alleine hatte. Aber mittlerweile hab ich schon in der Schule arge Probleme, mich zusammenzureißen. Mitten in einer Unterrichtsstunde musste ich einfach raus und hab in der Toilette einen totalen Heulkrampf bekommen. Gott, ich habe mich so mickrig, schmutzig und beschissen gefühlt. Ich habe im Moment die Hoffnung, dass es einfach am Winter liegt und daran, dass ich zu wenig Licht bekomme. Ist ja wissenschaftlich anerkannt, oder...?“

Köln, 2019:

„Lieber David, du kannst noch so viele Vitamine einwerfen, davon geht deine Traurigkeit nicht weg. Dein Problem ist nämlich kein Lichtmangel, sondern deine unerträgliche Angst davor, etwas über dich selbst herauszufinden.

Darum sage ich dir jetzt: Du bist schwul. Und da kannst du noch so oft „Bin ich nicht!“ schreien, wir wissen beide, dass du es spürst, dass du es weißt, dass du es bist. Ich weiß, das ist jetzt nicht einfach, denn ich weiß auch, was allein der Begriff in dir auslöst. Seit der Grundschule wirst du fast täglich auf dein Schwulsein aufmerksam gemacht. Gerne auch in Variationen wie Schwuchtel, schwule Sau, Kotstecher, Gaylord, Arschficker, Tunte, Tucke, Schwuppe, Schwanzlutscher, Schwulette, Hinterlader, Pädo, Aids-Schleuder, Homofürst. Irgendwann hast du dann zwar gecheckt, dass schwul gar kein Synonym für scheiße ist. Aber Beschimpfungen, Gewalt, nonverbaler Hass, all das ist so normal für dich geworden, dass du sogar selber Dinge und Menschen herabwürdigend als schwul bezeichnest.

Du verbietest dir, glücklich zu sein, denn du denkst, du hat es nicht verdient

Glaub mir, ich weiß, wie schwer es ist, auf diesen Mindfuck klarzukommen. Das Problem ist: Du hast sehr früh in dein Bewusstsein eingepflanzt bekommen, dass Schwule die gut gekleideten Propheten des Weltuntergangs sind und circa einen Blowjob von der Hölle entfernt. Selbst deine Familie macht dir klar, dass du auf keinen Fall schwul werden darfst. Deine Mutter warnt dich und deinen Bruder beim Anblick eines schwulen Mannes im Fernsehen: „Wenn einer von euch so wird, fliegt er raus.“ Dummerweise spürst du, dass du wirklich anders bist als die Menschen um dich herum. Dabei willst du doch nur dazugehören. Also hast du verdammte Angst, die für immer ein Teil von dir sein wird. Du konzentrierst all deine Energie darauf, es zu ignorieren, es nicht wahrhaben zu wollen, es zu bekämpfen. Dich zu bekämpfen.

Deswegen fängst du an, dich immer und immer mehr für alles zu hassen, was du bist. Für deine Orientierung, dein Aussehen, deine Art, dein Wesen. Für dein Lachen, für dein Weinen. Für die Art, wie du dich bewegst, für die Art, wie du sprichst. Jedes Mal, wenn dich wieder jemand als schwul bezeichnet oder beschimpft, willst du es noch weniger sein. Du wirst aggressiv und lethargisch. Du flüchtest dich ins Internet, in Mangas und Musik. Du recherchierst unfassbar starke Medikamente, die jeglichen Sexualtrieb abtöten sollen. Du verbietest dir, glücklich zu sein, denn du denkst, du hat es nicht verdient. Du denkst, du bist alleine. Du hast immer häufiger Nervenzusammenbrüche und sie werden immer schlimmer. Du denkst, du bist ein Fehler. Du glaubst, niemand könnte dich je lieben. Du weinst dich immer wieder in den Schlaf und hast Angst vor deinen schönen Träumen. Und irgendwann wünschst du dir nur noch, tot zu sein. Nein, eigentlich wünschst du dir, nie existiert zu haben.

Du hast nie vergessen, wie heiß dir wurde beim Anblick des Mannes in deinem Lieblingsbuch

Ich wäre so gerne für dich da, um dich zu trösten und dir diesen Kampf gegen dich selbst abzunehmen. Du bist bereit zu leiden, getrieben von der Angst, dass alle geliebten Menschen dich hassen und verstoßen, einfach nur, weil du als Homofürst eben mit Zeptern statt Schatullen spielst. Und so fühlst du dich deine komplette Teenagerzeit, als würdest du langsam ersticken. Denn scheinbar spielst du deine Rolle ungefähr so wie ein Influencer, wenn er Musik macht: wenig überzeugend. Und das macht dir noch viel mehr Angst.

Ich kann fühlen, wie schrecklich das alles ist. Aber wir wissen beide, dass du es weißt. Du hast nie vergessen, wie heiß dir wurde beim Anblick des Mannes in deinem Lieblingsbuch. Da warst du vielleicht vier Jahre alt. Du hast später wie alle deine Freunde heimlich Erotikfilme auf den Privatsendern geschaut – nur hast du dabei die Männer beobachtet. Und als du das Internet entdeckt hast, hast du Foren nach versteckten Gay-Kategorien durchsucht. Trotzdem willst du es mit 19 Jahren immer noch nicht wahrhaben. Aber woher solltest du es denn besser wissen? Es gibt niemanden, an dem du dich orientieren könntest. Das Buch im Sexualkundeunterricht war aus den 70ern und auch sonst findest du null Aufklärung. Cowboy-Pornos sind nun auch kein wirkliches Bildungsfernsehen. Du bist allein damit, kennst niemanden, dem es auch so geht und fühlst dich wie ein Alienbaby, das 1985 über einem Allgäuer Kuhdorf abgeworfen wurde.

Ich wünschte, du könntest es sehen: Du bist nicht alleine. Wir sind viele. Wir sind überall. Und wir werden die Welt ganz sicher nicht zum Untergehen bringen. Für eine Apokalypse benötigt man etwas mehr als einen Lady Gaga-Megamix, zynischen Humor und Analverkehr. Ich verstehe deine Angst vor dir selbst und deine Angst davor, verstoßen zu werden. Aber auch deine Familie wird sich weiterentwickeln. Die wenigen Freunde, die du deswegen verlieren wirst, sind es nicht wert, dass du sie jemals Freunde genannt hast.

Nichts und niemand ist es wert, eine Lüge zu leben. Du hast Liebe und Glück verdient wie jeder andere Mensch. Leider musst du aber noch eine Weile durch den tristen Nebel stolpern und dir blaue Flecken holen. Und nein, es wird niemals alles geil. Du wälzt dich nicht in Glitzerpanade und steigst nicht empor als Regenbogenphoenix. Dieser ganze Selbsthass, die Angst und das Verleugnen zerstören etwas in dir. Ich kämpfe noch heute mit diesen Komplexen und Beklemmungen. Es wird zwar einfacher, doch es wird nie einfach. Aber bitte glaube mir: Du verschwendest gerade kostbare Zeit. Das Leben wird so unfassbar viel schöner, geiler, besser, wenn du es nicht als die Person lebst, die du glaubst sein zu müssen, sondern ganz einfach als die liebenswerte Person, die du bist: du selbst.

Halte durch!

Dein David“