„Du warst der Junge, der kein richtiger Junge ist“

Warum ich jahrelang Angst hatte, zum „schwulen Klischee“ zu werden.
Von David Würtemberger

Illustration: Federico Delfrati

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten.

Davids Tagebucheintrag aus dem Jahr 2014:

„Was ich irgendwie seltsam finde, ist der Fakt, dass ich in den Gedankensequenzen, in denen ich mich selber fertigmache, andauernd auf meiner Männlichkeit rumhacke. Ich habe eine abgrundtiefe Abneigung gegen Rollendenken, gegen gesellschaftlich heraufbeschworene Klischees ... nur bei mir gilt das nicht!?“

Davids heutiger Brief an sein altes Ich:

„Lieber David,

im Jahr 2019 besuchst du den Kölner CSD. Über eine Million Menschen demonstrieren. Und sie feiern: sich selbst, einander, das Leben. Mittendrin bist du, mit Textmarker-gelben Haaren, Kringelbart und quietschigem Blümchenhemd. Mit deiner Crew performst du alles von Bronski Beat bis Taylor Swift laut und schief, machst die Straße zum Catwalk und packst deine amateurhaften Voguing Moves aus. Highlight: Conchita Wurst entdeckt dich von ihrem Wagen aus in der Menge, zeigt stolz auf dich und gibt dir zu verstehen: In diesem Moment feiere ich genau eine Person –und zwar dich. Du bist in diesem Moment die schillernde Personifizierung von allem, was homophobe Trolle hassen. Nichts könnte dir egaler sein. Also was war nochmal mit den Sorgen um deine Männlichkeit, die dich plagen?

Die Gesellschaft hat dir beigebracht, Scham für dich und dein Schwulsein zu empfinden

Jahrelang schleppst du sie mit dir herum. Sie wecken dich mitten in der Nacht auf oder pieksen dich, während du shoppst. Sie beißen dich in Uni-Seminaren oder flüstern am Arbeitsplatz leise ins Ohr. All die kreisenden Gedanken um deine Männlichkeit lassen sich in einem Satz zusammenfassen: „Sei bloß nicht tuntig!“ Trotzdem bist du es manchmal. Nicht immer, und nicht rund um die Uhr, aber es gibt eben Momente, in denen eigentlich für jeden klar ist, dass du im Regenbogenteam spielst. Aber warum ist das so schlimm?

Du wurdest jahrelang gemobbt und verarscht, verspottet und erniedrigt. Du warst die Schwuchtel, der Junge, der kein richtiger Junge ist. Deine Verwandtschaft hat dir geraten, dich unauffällig zu benehmen. Statt die Schikane zu unterbinden, haben Lehrer dich ermahnt, nicht immer so mit deinem Verhalten zu provozieren. Dabei warst du nur du. Kurz gesagt: Die Gesellschaft hat dir von klein auf beigebracht, Scham für dich und dein Schwulsein zu empfinden. Deine Angst davor, zum schwulen Klischee zu mutieren, wuchs und wuchs über Jahre zu einem Monster und hat sich in deinem Unterbewusstsein festgebissen.

Und warum das alles? Weil du die Beine übereinanderschlägst, „Huch“ und „Hach“ sagst, deine Handgelenke abknickst, Melodie in der Stimme hast, ausgefallene Klamotten trägst und außerdem viel Gestik und Mimik präsentierst. Das Problem liegt in Geschlechterrollen, die staubiger nicht sein könnten. Glaub mir, du wirst nicht fassen können, wie sehr die Menschheit ausrastet, weil eine Rasierermarke in ihrer Werbung darstellt, dass Männer die Wahl haben könnten, ob sie dümmliche und rücksichtslose Holzklötze sein wollen – oder eben nicht.

Er Tarzan, sie Jane - selbst im Jahr 2019

Der optimale Mann in unserer Gesellschaft soll stark, dominant und kühl sein, während die Frau den schwachen, unterwürfigen und emotionalen Counterpart einzunehmen hat. Er Tarzan, sie Jane - selbst im Jahr 2019. Vielleicht verstehst du dich deswegen so gut mit Frauen, weil sie nachvollziehen können, wie es ist, als minderwertig kategorisiert zu werden.

Diese antiquierte Rollenverteilung erzeugt Druck und Kummer bei Männern wie Frauen – aber wirklich los davon kommen wir nur sehr langsam. Viele Menschen klammern sich an ihr verkalktes Weltbild wie Koalas an den letzten Eukalyptusbaum der Erde. Und jetzt stell dir vor, was passiert, wenn ein quietschbunter Papagei mit einem herzlich-ironischen „Hallöchen Popöchen!“ zu Besuch auf den Ast flattert und Macarena tanzt.

Dabei bist du gar nicht du das Problem - du stellst nur unfreiwillig die gesellschaftliche Definition von Normalität in Frage. Es passt scheinbar nicht zusammen, dass jemand einen Schlagbohrer bedienen kann und gleichzeitig den Unterschied zwischen Mascara und Kajal kennt. Und deswegen projizieren viele ihre eigene Unsicherheit und Zweifel in Form von Hass auf dich.

Der schwule Hass auf alles, was zu schwul ist, kennt wenig Grenzen

Traurigerweise ist diese Sichtweise auf den Mann kein reines Hetero-Phänomen. Toxische Maskulinität ist nämlich auch unter Schwulen verbreitet. Viele haben die krampfhafte Ablehnung ihrer eigenen Homosexualität und der zugehörigen Klischees direkt und unreflektiert übernommen - und reagieren richtig allergisch auf alles, was nur im Entferntesten tuntig erscheinen könnte. Das Ideal: Hypermaskuline Übermann, dem man seine Orientierung niemals anmerkt, trainiert wie ein Zuchtbulle.

Am besten kann man das auf Dating Apps erkennen. Da werden Männer gesucht, die „normal geblieben“, „straight acting“ und „heterolike“ sind, „masc4masc“, also maskulin für maskulin, ist oft Pflicht. „Handtaschenträger“, „gebrochene Handgelenke“ und „gezupfte Augenbrauen“? No Way! Der schwule Hass auf alles, was zu schwul ist, kennt wenig Grenzen.

Manchmal fragst du dich, wie man als Mann wohl richtig hetero-liken Sex mit einem anderen Mann hat. Umso trauriger ist es, dass du, wenn du ehrlich zu dir bist, lange dieses Ideal für erstrebenswert gehalten hast. Ich kann dir versichern: Männer, die nicht den ganzen Tag damit beschäftigt sind, krampfhaft ein Image aufrecht zu erhalten, sind meist sehr viel interessanter. Und, wenn wir schon dabei sind, besser im Bett. Und bitte ab sofort Pflichtprogramm: Männer, die ein Problem damit haben, dass du so bist, wie du bist, kommen auf die ewige Ignore-Liste. Ciao!

Was ist schlimm daran, wenn irgendjemand merkt, dass du nicht hetero bist?

Und mitten in diesem Männlichkeitswahn stehst du. Du, der seine Emotionen eben nicht in die Fußsohlen verbannt hat, der wild und viel erzählt. Der lustig lacht und auch mal weint, der eher hopst als läuft und sich eigenwillig kleidet. Der Worte wie „fabelhaft“ sagt und die Augen dramatisch verdreht, wenn er genervt ist. Der groß und schlaksig ist und das Fitnessstudio nicht als Zweitwohnsitz angemeldet hat. Der auffällt und dem man sein Schwulsein einfach oft anmerkt. Du kannst dich einfach nicht verstellen und, oh ja, wir wissen beide, wie sehr du es versucht hast. Selbst in deiner eigenen Community fühlst du dich oft wie der Bad Gay.

Tuntig, tuffig, flamboyant, schrill, exaltiert – es gibt unendlich viele Wörter, die stereotyp schwules Verhalten als negativ und abnormal verurteilen. Aber was bedeutet normal? Wie viel bedeutet ein Klischee, wenn wir es nicht mehr als negativ bewerten? Und was ist denn überhaupt schlimm daran, wenn irgendjemand merkt, dass du nicht hetero bist? Die Antwort auf alle Fragen könnte simpler nicht sein: nichts.

Trotz ihrer Einfachheit ist diese Erkenntnis weltbewegend für dich, sobald du sie verinnerlichst. In diesem Moment wird sie all deine Sorgen um irgendwelche Vorstellungen von Männlichkeit wegfegen. Denn du wirst verstehen, dass du am glücklichsten wirst, wenn du einfach nur so bist, wie du eben bist – egal, wie sehr oder wenig tuntig das manchmal auch sein mag. Und du wirst verstehen, dass es überhaupt keinen Grund gibt, weshalb tuntig überhaupt etwas Schlechtes sein sollte. Lass es mich so ausdrücken: Wenn Conchita Wurst dich in ein paar Jahren feiern wird, bist du im Moment schon auf einem verdammt fabelhaften Weg.

In diesem Sinne, you go Girl!

Dein David“

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