„Viele Menschen in Marokko vermischen Sport und Religion, um Frauen klein zu halten“

Meryem al Gardoum, 23, gilt als beste Surferin Marokkos. Einen Sponsor findet sie trotzdem nicht.
Interview von Anika Reker

Foto: Anika Reker

Dass Frauen Extremsport machen, zum Beispiel Skaten und Surfen, ist

in Marokko noch immer für viele eine Provokation. Eine, die einen

gehörigen Teil dazu beigetragen hat, dass sich in dem nordafrikanischen

Land mehr Mädchen und junge Frauen in die Wellen wagen, ist Meryem

al Gardoum. Die 23-jährige gilt als beste Surferin des Landes. Nach

einem Sponsor sucht die fünffache Marokko Meisterin jedoch noch

immer vergeblich. Unsere Autorin hat sie in einem Café am beliebten

Surfspot „Devil’s Rock“ in Tamraght getroffen.

jetzt: Meryem, du bist in Tamraght groß geworden. War es selbstverständlich, dass du hier früh mit dem Surfen begonnen hast?Meryem: Nein. Damals, also vor über zehn Jahren, war ich hier im Ort das erste surfende Mädchen. Außer mir waren nur Jungs und Touristinnen im Wasser. Aber alle meine männlichen Verwandten sind gesurft und ich habe damals gerne zugeguckt. Als ich 11 Jahre alt war, lieh mir mein Cousin Said sein Brett aus und brachte mir die Grundlagen bei.

Wie hat deine Familie darauf reagiert?

Mein Vater war davon anfangs nicht besonders begeistert und sehr um meinen Ruf und meine Zukunft besorgt. Ich schwor ihm, dass ich bloß Surfen will und keinen Mist bauen würde. Er vertraute mir und zahlte umgerechnet etwa 20 Euro, damit ich dem lokalen Surfverein beitreten konnte. Er ließ mich mit den Jungs trainieren und sogar reisen, um an Contests teilzunehmen. Mit 14 Jahren habe ich dann zum ersten Mal die marokkanischen Meisterschaften gewonnen.

Und wie fanden das die anderen männlichen Surfer?

Die meisten Jungs aus meinem Verein haben mich akzeptiert und unterstützt wie eine kleine Schwester. Oder eher wie einen kleinen Bruder. Mein Spitzname war damals „Momo“, einfach ein sehr typischer Jungenname hier. Viele Leute haben mir und meiner Familie aber auch immer wieder gesagt, dass Surfen nichts für Mädchen sei und schon gar nicht für eine Muslima. Einmal hat ein Typ meine Leash im Wasser festgehalten, damit ich eine Welle nicht bekomme und vom Brett stürze. Dann sagte er mir, dass ich nach Hause gehen solle, um meiner Mutter in der Küche zu helfen. Ich habe damals so geweint, aber trotzdem weiter gemacht. Viele Menschen in Marokko vermischen Sport und Religion, um Frauen klein zu halten. Aber das ist falsch. Muslimische Frauen können jeden Sport machen, den sie möchten. Islam heißt, seinem Herzen zu folgen und nicht auf das zu hören, was andere sagen. Langsam verändert sich was und Frauen trauen sich hier mehr, das zu tun, was sie wollen.

Foto: Anika Reker

Wie wirkt sich das auf deine Karriere auf? Mit was für Schwierigkeiten hast du als Frau im Profi-Sport in Marokko zu kämpfen?

Ich finde einfach keinen Sponsoren. Von allen Ablegern der großen Surfmarken hier in Marokko habe ich bisher Absagen bekommen. Man habe kein Budget für Frauen, hieß es immer. Das ist so unfair. Mir geht es dabei nicht nur um mich. Keine einzige marokkanische Surferin wird hier im Land unterstützt. Dabei trainieren wir genauso hart wie die Männer und treten unter denselben Bedingungen bei Contests an. Von US-amerikanischen und europäischen Firmen bekomme ich hin und wieder Equipment gesponsort. Das ist schön, es macht mich aber auch wütend und traurig, dass ich mehr Unterstützung aus dem Ausland bekomme als von meinen eigenen Leuten. Ich hoffe, dass die marokkanischen Firmen bald aufwachen und die nächste Generation es einfacher haben wird als ich.

„Vielen sind Wellen und Meer einfach zu gefährlich für ihre Töchter und die

Neoprenanzüge viel zu sexy“

Auf Instagram hast du mehr als 11 000 Follower, du gibst gerne Interviews und im marokkanischen Fernsehen lief eine Doku über dein Leben. Nutzt du deine Position bewusst, um anderen Frauen ein Vorbild zu sein?

Es macht mich echt glücklich, wenn andere sehen, was ich erreicht habe, obwohl ich aus einer armen Familie stamme. Bei Instagram schreiben mir viele Frauen, dass sie meinetwegen mit dem Surfen angefangen haben. Das ist einer der Gründe, warum ich Marokko nie verlassen würde, auch wenn im Ausland viele Dinge einfacher wären. Hier kann ich was bewegen, auch wenn es nur kleine Veränderungen sind. Mir fallen da zum Beispiel zwei Mädchen ein, denen das Surfen von ihren Vätern verboten wurde. Viele Eltern verbinden den Sport mit Hasch rauchen, Alkohol trinken und Jungs. Die beiden Mädchen zeigten ihnen Fotos und Videos von mir und die Doku. Darin wird deutlich, dass Surfen eine gute Sache ist und dass es um Sport und Leistung geht und eben nicht um Party. Auch mein Vater kommt darin zu Wort. Das alles hat überzeugt. Die Mädchen durften wieder ins Wasser und Surfstunden bei mir nehmen.

Was genau ist das Problem dieser konservativen Eltern?

Vielen sind Wellen und Meer einfach zu gefährlich für ihre Töchter und die

Neoprenanzüge viel zu sexy. Dabei gibt es mittlerweile auch Modelle für

muslimische Frauen, die nicht so eng am Körper anliegen. Insgesamt braucht es einfach mehr Aufklärung und Bildung in unserer Gesellschaft, damit Frauen sich hier frei entfalten können.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus und hat Corona daran etwas verändert?

Derzeit darf an Marokkos Stränden wegen Corona nicht gesurft werden. Ich bin nun seit bald zweieinhalb Monaten zuhause und konnte weder trainieren noch zur Arbeit gehen. Ich unterrichte Gruppen in einer der Surfschulen in Taghazout, um meine Familie zu unterstützten und für mein eigenes Business zu sparen. Der Job ist ziemlich schlecht bezahlt. Für einen vollen Tag bekomme ich nur 20 Euro. Trotzdem war ich vor Corona zuversichtlich, dass ich mir dieses Jahr noch meinen Traum erfüllen und ein eigenes Surf Camp eröffnen kann. Das wird nun wohl frühestens im Herbst 2021 soweit sein, denn ich glaube nicht, dass diesen Winter genug Touristen und Surfschüler nach Marokko kommen werden.

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