Bis zu 3000 Euro brutto für den Surflehrer

Ben, 29, hat seinen Traumjob am Meer gefunden, kann ihn aber nicht für immer machen.
Protokoll von Caroline Bergwinkl
jobkolumne surflehrer cover

Foto: Privat / Bearbeitung: jetzt

Der Job

Viele Menschen haben ein ganz konkretes Bild von Surfern und ich selbst konnte in den letzten Jahren ganz gut beobachten, dass die meisten Surfer in diesen Klischee-Surferboy-Look „reinwachsen’’: Erst hat man kurze Haare und blasse Haut und je mehr man sich mit dem Surfen beschäftigt, desto länger werden die Haare, brauner der Teint und die Einstellung immer laisser-faire-iger. Trotzdem ist natürlich nicht jeder so und dieses Klischee vom blonden und braungebrannten Dude belastet mich manchmal schon ein bisschen. Sobald die Menschen dann aber tatsächlich in ein Surfcamp kommen, merken sie schnell, wie vielfältig die Surfszene eigentlich ist. Seit einigen Wochen arbeite ich eigentlich in einem marokkanischen Surfcamp und fühle mich da sehr wohl.

Durch die Corona-Krise hat mir mein Arbeitgeber - einer der größten deutschen Surfreisen-Anbieter - allerdings gekündigt, da sie ihre Surfcamps weltweit auf unbestimmte Zeit schließen. Ich bin trotzdem in Marokko geblieben, weil ich hier mit meiner Freundin zusammen lebe, sie ist Inhaberin eines Hostels in Aourir. Momentan kann ich aber nicht mal Surfen, da die Strände gesperrt sind. Ich warte ab und hoffe, dass es bald weitergeht.

In normalen Betriebszeiten arbeite ich vier Stunden täglich als Surflehrer, den Rest des Tages habe ich frei. Meine Surfkurs-Gruppen bestehen aus maximal acht Personen und bleiben durchschnittlich eine Woche im Camp. Von Anfänger bis Fortgeschrittene ist alles dabei. Der Unterricht findet erst im Wasser statt und ich zeige meinen Schülern – je nach Level–  wie sie beispielsweise richtig paddeln oder auf dem Board aufstehen können. Danach stehe ich wie ein Bademeister am Strand und gebe Tipps. Außerdem findet einmal in der Woche theoretischer Surf-Unterricht statt. 

Die Gäste

Auch nach dem Unterricht bin ich oft im Surfcamp, surfe selbst oder unterhalte mich mit den Gästen. Beziehungen zu meinen Schülern sind zwar nicht verboten, aber ich versuche trotzdem das Verhältnis immer professionell zu halten, Körperkontakt zu vermeiden und nicht über zu private Themen zu sprechen. Für viele ist es sehr interessant jemanden kennenzulernen, der nicht den normalen Weg geht und deshalb bekomme ich viele Fragen gestellt. Mich überrascht es aber, dass ich noch nie gefragt wurde, ob ich eine Freundin habe. Vielleicht gehen die Leute davon aus, dass dieser Job nicht mit einer Beziehung vereinbar ist.

Es gibt Gäste, die bisher eher unsportlich waren und andere sagen gleich zu Beginn, dass sie 100 Kilo an der Hantelbank stemmen können. Die sind dann aber schnell enttäuscht, da es im Surfen vor allem um Ausdauer und Balance geht. Manchmal frage ich meine Schüler zum Spaß ob es ihnen schon bewusst ist, dass sie gerade im Urlaub sind. Besonders wenn es ums Surfen geht, sind manche verbissen und wollen vielleicht etwas zu schnell zu viel.

Die Herausforderungen

Eine Herausforderung ist für mich, wenn es Schüler nicht schaffen, auf dem Surfbrett aufzustehen. Manche Menschen sind einfach nicht beweglich genug, um den Aufstieg aufs Brett zu schaffen. Andere wiederum können nicht über die eigene Schulter schauen, um die Welle zu sehen. Da muss ich dann einen Weg finden, um den Leuten trotzdem das Surfen zu ermöglichen, das klappt meistens aber ganz gut. Ich hatte auch schon taubstumme oder gehörlose Schüler, da muss man viel Fingerspitzengefühl mitbringen.

Die Motivation

Ich freue mich immer, wenn ich am Ende der Woche sehe, welche Fortschritte meine Gruppe gemacht hat. 

Außerdem motiviert es mich unheimlich, wenn Leute fachspezifische Fragen zum Surfen stellen, weil es mir zeigt, dass die Surftheorie effektiv war. 

Der Weg

Beim Deutschen Wellenreitverband kann man sich online für eine einwöchige Surflehrer-Ausbildung anmelden, die in verschiedenen Ländern stattfindet und 800 Euro kostet. Jeder kann sich dafür anmelden, aber man kann nur bestehen, wenn man sich entsprechend darauf vorbereitet. Im Theorieteil muss man unter anderem einen Aufsatz über ein Surf-Thema schreiben, welches einem zufällig zugewiesen wird. In der praktischen Prüfung muss man sein Können auf dem Brett unter Beweis stellen. Es ist gar nicht so einfach, den vorgeschriebenen Surf-Standard zu erfüllen, beim ersten Mal bin ich durchgefallen. Zum Glück hat man dann aber ein Jahr Zeit, um den Praxisteil zu wiederholen. 

Zum Surfen bin ich durch einen Freund gekommen, er hat in einem Surfcamp gearbeitet und ich habe ihn besucht. Mir hat das so gut gefallen, dass ich mit 24 meine Pläne für ein Lehramtsstudium erstmal auf Eis gelegt hab und anfing, als Teamer in verschiedenen Surfcamps zu arbeiten, da war ich verantwortlich für Essensausgabe, Abwasch und Animation der Gäste. In meiner Freizeit hatte ich genug Zeit, um selbst Surfen zu lernen. Bei dem gleichen Surfreise-Anbieter habe ich dann mehrere Praktika gemacht und andere Surflehrer begleitet. Anfang dieses Jahres habe ich den Zweitversuch der praktischen Prüfung bestanden und seitdem bin ich eigentlich jeden Tag am Meer.

Das Gehalt

Das Gehalt eines Surflehrers hängt von der eigenen Erfahrung und dem Einsatzland ab, in Frankreich verdient man beispielsweise am meisten. Es gibt große Unterschiede, von 500 bis 3000 Euro brutto ist alles möglich. In den meisten Surfcamps bekommt man freie Kost und Logis und hat deshalb kaum Ausgaben.Viele Surflehrer sparen sich deshalb ihr ganzes Gehalt und machen am Ende der Saison Urlaub auf Bali oder in Australien. 

In marokkanischen Surfcamps können Surflehrer zwischen 500 und 1500 Euro verdienen. Den genauen Betrag kann ich nicht nennen, das ist mit meinem Surfcamp vertraglich so geregelt. Es reicht mir aber hier in Marokko völlig zum Leben aus. Ich lebe nicht im Camp, deshalb habe ich auch Kosten für Lebensmittel und Unterkunft. Das ist mir persönlich lieber, ich bereite mir mein Essen gerne selbst zu. In Deutschland habe ich beispielsweise noch Versicherungen zu bezahlen.

Die Zusammenarbeit mit Sponsoren für Kleidung und Surfbretter ist in der Surfszene sehr verbreitet und erleichtert mir das Leben sehr. Manche Firmen schicken mir beispielsweise kostenlos ihre Produkte zu und durchs Tragen mache ich sozusagen Werbung für sie. 

Die Zukunft

Je länger ich am Meer lebe, desto schwerer kann ich mir ein Leben in der Stadt vorstellen. Es ist vor allem deshalb schwer, weil ich meinen Traumberuf ja schon gefunden habe. Aber Surflehrer ist kein Job für immer. Mit Mitte 30 wird das ständige Leben im Surfcamp schon schwieriger, weil der Altersdurchschnitt der Gäste und der anderen Surflehrer viel niedriger ist. Außerdem ist man irgendwann körperlich nicht mehr so belastbar. Viele eröffnen dann selbst ein Surfcamp oder ein Hostel. Vielleicht mache ich das auch oder ich studiere doch noch Lehramt. Momentan mache ich mir aber noch nicht so viele Gedanken dazu. 

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Ich kriege fast immer die gleichen zwei Fragen gestellt und zwar wie lange ich schon surfe und wo ich das gelernt habe. Da ich es wirklich schon so oft gefragt wurde, habe ich mir mittlerweile den ein oder anderen Standardspruch zugelegt und antworte sowas wie ,,Nicht lange genug.’’. Wenn die Leute dann am Surfen interessiert sind, ergibt sich meistens ein gutes Gespräch und insgesamt bekomme ich eigentlich nur positives Feedback von meinem Umfeld. Natürlich vermisse ich manchmal meine Freunde und Familie in Deutschland, aber sie können mich ja jederzeit besuchen kommen.

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