„Da fallen Sprüche wie: Du bist kein echter Mann!“

Was bedeutet Mannsein im Jahr 2020? Das fragen wir Philipp Wehsack, 30, Online-Redakteur für Beauty and Style bei einem Männermagazin.
Protokoll von Maike Frye
maennerkolumne wehsack

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

„Groß, stark und mächtig“ – in dieses Bild muss heute kein Mann mehr passen. Aber was kommt stattdessen? Das haben wir uns für diese Männerkolumne von alten und jungen, bekannten und ganz normalen Männern erzählen lassen. Folge 9: Philipp Wehsack, 30, ist Online-Redakteur für Beauty und Style und beschäftigt sich sowohl beruflich als auch privat viel mit Modetrends und Männerpflege. 

Was bedeutet für dich Mannsein im Jahr 2020?

Ich definiere mich nicht über mein Geschlecht, sondern sehe mich einfach als Mensch, als Individuum. Und ich würde mir wünschen, dass das mehr Leute so sehen. Wir müssen aufhören in Geschlechterrollen zu denken.  Auch ich werde von anderen Menschen in Bezug auf meine Männlichkeit oft belächelt. Ich kleide mich anders, schminke mich gerne mal, bin homosexuell und zudem noch Redakteur für Beauty und Style bei einem Fitnessmagazin. Ich beschäftige mich also sowohl privat als auch beruflich viel mit Männermode und Themen rund um Beauty und Pflege. Ich beobachte aber, dass sich auch andere Männer zunehmend für diese Themen interessieren.

Ohne Frage pflegen sich Männer heute anders als früher. Das sieht man allein schon daran, wie penibel viele mit ihrem Bart sind. Sie gehen öfter zum Barber als Frauen zum Friseur. Und sie kaufen sich Beauty-Produkte – allerdings nur solche, die auf ihre „männlichen Bedürfnisse“ zugeschnitten sind. Der Markt suggeriert schließlich, dass es wichtig ist, sich als Mann separat von Frauen zu pflegen: Es gibt Männer-Shampoo, Männer-Duschgel, Männer-Bodylotion, Männer-Seife. Alles muss irgendwie derb verpackt sein und am besten in einem separaten Regal in der Drogerie stehen, damit man bloß nicht irgendwie an Männlichkeit einbüßt, nur weil man eine Creme benutzt. Mich persönlich spricht das jedoch gar nicht an. Ich habe außer Rasierschaum tatsächlich kein einziges Männer-Pflege-Produkt im Badezimmer stehen. Weil ich es schlicht für Quatsch und ziemlich blödes Marketing halte.

Mir ist aber bewusst, dass die Leserschaft, für die ich schreibe, zu großen Teilen anders tickt als ich selbst. Während ich mir bei Youtube gerne Videos von Make-up-Boys angucke, wollen die wissen, was sie gegen Haarausfall und Pickel tun können. Was ankommt sind Themen, die jeden Mann betreffen. Für mich ist das okay. Ich habe auch Angst vor Haarausfall und Pickel nerven mich auch. Ich kann mich da also gut reinfühlen. Mich persönlich interessieren darüber hinaus aber noch andere Themen. Diese finden auf der Plattform, für die ich schreibe, nicht statt. Und das ist okay. Es ist schließlich nicht mein eigener Blog. Ich will auch keinen Mann dazu auffordern, sich zu schminken, bloß weil ich es gerne mache und es schön finde. Wenn er da keinen Bock darauf hat, ist das fein. Ich sage nur: Wenn ein Mann darauf Lust hat, warum nicht mal ausprobieren? Dafür sollte man ihn keinesfalls verurteilen.

Ist heute alles besser?

Als homosexueller Mann gehe ich davon aus, dass es mir heute definitiv besser geht und dass ich es leichter habe als Homosexuelle noch vor zehn Jahren. Allein in der Gesetzgebung hat sich viel geändert. Wenn ich wollte, könnte ich heiraten und Kinder adoptieren. Vor dem Gesetz bin ich gleichgestellt. Dennoch ist es krass, dass das erst seit 2017 so ist.

Wir sind trotzdem längst noch nicht so weit, wie wir sein könnten. Ich finde, dass wir für eine gerechte und gleichberechtigte Gesellschaft auch eine „männliche Emanzipation” brauchen: Eine Welt, in der es für Männer selbstverständlich ist, sich so anzuziehen und auszudrücken, wie sie es wollen. In den sozialen Medien ist das zum Glück schon so. Hier bekommen Jungs, die sich schminken, eine Plattform und Zuspruch. Auf der Straße ist das leider anders.

Wie stehst du zu #metoo?

Ich finde es super, dass ein Hashtag in den sozialen Medien so eine Welle schlägt und auch offline ein Diskurs stattfindet. Ich glaube, gerade vielen homosexuellen Männern geht es da auch manchmal wie den Frauen: Wenn du in einer „homosexuellen Umgebung“ wie beispielsweise in einer Gay-Bar unterwegs bist, wird dir hinterhergegafft, es wird gepfiffen, dein Hintern oder dein knappes Outfit kommentiert. Passiert dir das, kannst du die Gay-Bar aber einfach wieder verlassen und schon hört es auf. Frauen können das nicht immer. Ihre Welt sieht überall so aus: Bei der Arbeit, beim Einkaufen etc.

Auch ich erlebe in meinem Alltag ständig Diskriminierung. Da fallen Sprüche wie: „Schwuchtel! Du bist kein echter Mann!“ Die kommen oft von Männern. Aber auch Frauen reagieren manchmal negativ. Besonders heftig war es als ich noch lange Haare hatte. Morgens in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit war ich für viele dann oft die interessanteste Beobachtung ihres Tages. Solange die Leute nur meine langen Haare gesehen haben, hielten sie mich für eine Frau. Als ich dann vom Handy aufgeschaut habe und sie mein Gesicht sehen konnten, waren sie irritiert. Dann fingen sie an zu tuscheln und zu lachen.

Ein Mann, der etwas vermeintlich „Weibliches“ an sich hat oder der Dinge tut, die als feminin eingestuft werden, ist für viele lächerlich. Das irritiert Menschen sehr. Sie degradieren dich dann vom „starken Geschlecht“ zum „schwachen Geschlecht“. Sie machen sich lustig über dich und versuchen sich so höher zu stellen. Das macht mich traurig. Nicht, weil ich mich persönlich verletzt fühle – da habe ich mittlerweile ein dickes Fell. Sondern weil ich dann feststelle, wie rückständig das Gedankengut vieler Menschen leider nach wie vor ist. Ich hoffe, dass sich auch daran eines Tages etwas ändern wird.

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