„Ich liebe es, bei einem Film einfach losheulen zu können“

Was bedeutet Mannsein heute? Das fragen wir Tarik Tesfu, Moderator.
Protokoll von Katja Lewina
maenner kolumne tarik

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

„Groß, stark und mächtig“ – in dieses Bild muss heute kein Mann mehr passen. Aber was kommt stattdessen? Das haben wir uns für diese Männerkolumne von alten und jungen, bekannten und ganz normalen Männer erzählen lassen. Folge 4: Tarik Tesfu ist Host beim YouTube-Format „Jäger und Sammler“ und sitzt als Gast immer wieder bei Panels rund um die Themen Rassismus, Sexismus und Netzkultur. 2015 wurde er mit seinem YouTube-Kanal „Tariks Genderkrise“ bekannt.

Was bedeutet für dich Mannsein?

Mannsein – das hat für mich zwei Komponenten: eine gesellschaftliche und eine persönliche. Zunächst ist da die Frage, was andere als „männlich“ beurteilen. Das prägt schließlich, wie man sich selbst als Mann sehen will. „Männer weinen nicht, sie sind laut und tough, wollen viel Sex und stehen auf Fußball“, das sind Standards, die wir schon früh lernen. Und wenn ich mir die deutschen Medien so angucke, dann müssen Männer auf jeden Fall auch noch weiß und hetero sein.

Mich selbst repräsentieren all diese Männlichkeitskonstrukte aber kein bisschen. Da finde ich vermeintlich weibliche Attribute viel spannender: die eigenen Ellenbogen nicht auszufahren, auf Mitmenschen zu achten, Emotionen zuzulassen, Schwäche zu zeigen. Ich liebe es, bei einem Film einfach losheulen zu können. Die Tränen kommen uns allen hoch, nur die einen unterdrücken sie eben und die anderen nicht. Ich bin mir sowieso sicher, dass alle Menschen beide Seiten in sich tragen: die konstruiert-männliche und die konstruiert-weibliche. Mannsein heißt für mich also gleichzeitig auch Frausein. Geschlechtsteile sind deshalb auch das Letzte, woran ich Männlichkeit festmachen würde.

Ist heute alles besser?

Dass die Kritik am Patriarchat immer lauter wird, ist auch für Männer ein absoluter Gewinn: Die müssen sich jetzt nicht mehr totschuften für die Familie, können in der Kindererziehung mitmischen, dürfen Gefühle zeigen. Allen heterosexuellen Männern, die sich vom Feminismus angegriffen fühlen, möchte ich deshalb sagen: Es passiert nichts Schlimmes, wenn man sein Geschlechterkonstrukt ein bisschen aufbricht, niemandem wird dadurch etwas weggenommen. Wir bekommen dadurch nur mehr Freiheit, das ist alles.

Von einer wirklich gleichberechtigten Gesellschaft sind wir ohnehin noch ewig weit entfernt. Von einer feministischen Diktatur, wie sie so manch ein älterer Herr befürchtet, erst recht. Als Typ kann man immer noch ziemlich viel Schwachsinn von sich geben, vor allem, wenn man weiß ist. In den allermeisten Machtpositionen sind immer noch alte weiße Männer, das bricht grade sehr, sehr langsam auf. Es ist eine krasse Übertreibung, zu behaupten, dass die Frauen jetzt Deutschland übernehmen.

Auch wenn ich finde, dass wir es heute sehr viel besser haben als früher, heißt das nicht, dass innerhalb der feministischen Bewegung alles super läuft. Auch da gibt es Diskriminierung: Auf Panels sitzen immer noch hauptsächlich privilegierte Akademikerinnen, Rassismus und Islamfeindlichkeit sind ziemlich normal. Andererseits: Frauen sind ja auch nicht die besseren Menschen.

Und auch ich bin nicht frei von diskriminierenden Gedanken. Aber ich versuche, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Darum wünsche ich mir auch, dass sich die Menschen nicht immer so schnell angegriffen fühlen, wenn ihnen jemand sagt: „Hey, das war jetzt aber sexistisch oder rassistisch.“  Stattdessen sollte man die Kritik ernstnehmen, kurz reflektieren und sich entschuldigen.

Viele blenden aus, dass die eigene erlebte Diskriminierung, zum Beispiel als Frau, noch lange nicht das Ende der Fahnenstange ist. Als schwuler, nicht-weißer Mann habe ich selbst viel Diskriminierung erlebt und versuche mich trotzdem in die hineinzuversetzen, die auf andere Weise davon betroffen sind. Darum ist für mich auch der intersektionale Feminismus, der sich gegen alle Formen von Diskriminierung wendet, auch die einzig richtige Richtung.

Wie stehst du zu #metoo?

Seit #metoo behaupten Männer ja immer wieder, dass sie jetzt gar nicht mehr wüssten, wie sie Frauen überhaupt noch anmachen dürften. Dabei ging es bei der Bewegung gar nicht ums Flirten oder um Sex, sondern um Belästigung und Gewalt. Eine Vergewaltigung ist kein Sex, so viel sollte klar sein. Im Prinzip wird jetzt nur etwas, das schon immer falsch war, endlich gesellschaftlich diskutiert. Das war absolut überfällig. Gleichzeitig sind so viele Menschen aus allen Wolken gefallen, als sie erfahren haben, wie verbreitet Grenzüberschreitungen durch Männer sind. Mich hat die Tragweite von #metoo hingegen kein bisschen überrascht. Wenn man viel mit Frauen zu tun hat und auch mit ihnen im Nachtleben unterwegs ist, dann weiß man eigentlich, wie oft sie Übergriffen ausgesetzt sind. Männer, für die das nicht vorstellbar ist, sollten sich einfach mal in ihrem Umfeld umhören und die richtigen Fragen stellen.

Überhaupt ist es ist jetzt an der Zeit zuzuhören. Nicht nur den Frauen, sondern auch all den anderen Gruppen, die bisher nicht zu Wort gekommen sind. Wir leben nun mal in einer männerdominierten Welt. Da können nicht alle Männer was für und nicht alle von ihnen sind Schweine. Aber es macht halt einen Unterschied, ob du als Mann auf die Welt kommst, und als weißer Mann erst recht. Ich lade alle Männer dazu ein, grundsätzlich ein bisschen mehr die Klappe zu halten und stattdessen zu überlegen, wie man Menschen, die es nicht ganz so gut haben wie man selbst, supporten könnte.

maenner kolumne tarik
  • teilen
  • schließen