„Männer haben seit Jahrhunderten die krassesten Privilegien“

Was bedeutet Mannsein im Jahr 2020? Das fragen wir Hinnerk Köhn, 26, Poetry Slammer und Stand-Up-Comedian.
Protokoll von Maike Frye

Foto: Benjamin Axtmann; Bearbeitung: jetzt

„Groß, stark und mächtig“ – in dieses Bild muss heute kein Mann mehr passen. Aber was kommt stattdessen? Das haben wir uns für diese Männerkolumne von alten und jungen, bekannten und ganz normalen Männern erzählen lassen. Folge 10: Hinnerk Köhn, 26, ist erfolgreicher Poetry Slammer und Stand-Up-Comedian und war der Kunst schon immer sehr verbunden. Dass er dadurch nicht unbedingt dem klassischen Bild von Männlichkeit entspricht, ist ihm völlig egal. Was ihn besonders beschäftigt, sind unterschiedliche Privilegien, die Männer und Frauen auch heute noch haben. Hier erklärt er, was sich seiner Meinung nach in punkto Gleichberechtigung der Geschlechter noch tun muss.

Was bedeutet für dich Mannsein?

Ich fühle mich überhaupt nicht wie ein Mann, sondern ehrlich gesagt noch ein bisschen wie ein Junge. Die klassischen männlichen Attribute, also das harte Auftreten, das Durchgreifen, das passt alles nicht zu mir. Ich war schon immer eher der Freigeist, habe mich für Theater, Bücher und Musik interessiert und wenig für Fußball, um mal ein Klischee zu bedienen. Ich war in der Schule auch furchtbar schlecht in Naturwissenschaften, dafür aber unheimlich gut in Kunst.

Meine Eltern haben mir aber auch nie vorgelebt, dass ich besonders männlich sein müsste. Allgemein bin ich in einem sehr liberalen, linken Haushalt aufgewachsen.  Mein Bruder ist hauptberuflich Illustrator und wurde da von meinen Eltern auch immer sehr unterstützt und so war es auch bei mir. Es wäre nie ein Problem gewesen, wenn ich gesagt hätte, ich möchte gerne Schauspieler werden. Meine Träume wären immer unterstützt worden. Meinen Eltern war einfach nur wichtig, dass ich glücklich bin.

Was mich jetzt also besonders glücklich macht, ist meine Selbstständigkeit als Poetry Slammer und Stand-Up-Comedian. Ich hatte schon immer einen gewissen Geltungsdrang und wollte die Leute stets von mir überzeugen. Menschen zum Lachen zu bringen, fällt mir leicht und das Lachen und den Applaus habe ich immer als eine Form der Anerkennung gesehen.

Obwohl man die Kreativarbeit, also alles in Richtung Theater, Schauspielerei und Co., ja eigentlich den Frauen zuordnet, gibt es im Poetry Slam tatsächlich mehr Männer. Zumindest in den Ü20-Slams. Bei den jüngeren dominieren die Frauen, doch für viele ist Poetry Slam zu dieser Zeit nur ein Hobby, das sie mit dem Start ins Berufsleben aufgeben. Männer bleiben tatsächlich auch langfristiger dabei. Woran das genau liegt, kann ich nicht sagen. Vielleicht haben wir Männer tatsächlich einfach mehr Geltungsdrang als Frauen.

Und auch die Themen, die in den Texten behandelt werden, sind oft unterschiedlich. Männer beschäftigen sich beispielsweise weniger mit Body Positivity und dem persönlichen Körpergefühl, sondern schreiben eher lustige Texte, die zum Beispiel von Gesprächen in der WG-Küche handeln. Frauen hingegen haben eher den Hang zu Melancholie und Lyrik. Aber natürlich gibt es auch Leute, die es genau andersherum machen, man ist ja schließlich frei in der Themenwahl.

Ist heute alles besser?

Ich bin in einer recht offenen Gesellschaft aufgewachsen. Es gibt leider nach wie vor die klassischen Probleme wie zum Beispiel das Gender-Pay-Gap, aber ich habe das Gefühl, dass für die Frauen vieles auf dem Weg der Besserung ist. Für Männer ist es hingegen ziemlich gleich geblieben. Wir haben seit Jahrhunderten die krassesten Privilegien. Das zeigt sich allein schon in der Sprache. Wir nutzen in unserer Sprache nur die männliche Form, sagen zwar, dass damit auch immer die Frauen mitgemeint sind, aber letztlich bleibt es eben eine männlich-dominierte Sprache. Daher ist es umso wichtiger, dass auf dieses Problem aktuell vermehrt aufmerksam gemacht wird und man beispielsweise nicht mehr von Polizisten, sondern von Polizist*innen spricht.

Nachholbedarf gibt es auch in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Frauen werden beispielsweise seltener eingestellt, da bei ihnen ja die Möglichkeit einer Schwangerschaft besteht und sie somit wieder ausfallen könnten. Und wenn es dann darum geht, dass jemand nach der Geburt des Kindes wieder arbeiten möchte, so ist das vollkommen in Ordnung, wenn ein Mann das macht. Möchte die Frau aber wieder arbeiten, obwohl sie gerade erst ein Kind bekommen hat, dann ist der Aufschrei groß. Da gelten leider immer noch die klassischen Geschlechterrollen und das sollte einfach nicht sein.

Wie stehst du zu #metoo?

Leute, die auf diese Frage mit „interessiert mich nicht“ antworten, haben meiner Meinung nach auf jeden Fall ein Problem mit Empathie. Das Thema #metoo ist ja immens groß in den Medien gewesen. Und auch ich musste dadurch mein Bild von gewissen Personen korrigieren. Ich mochte den Stand-Up-Comedian Louis C.K. aus den USA immer sehr gerne, doch auch er war ja in die Debatte verwickelt. Mehrere Frauen haben ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen. Und da ich ein großes Problem damit habe, Künstler und Werk zu trennen, kann ich mich nach solchen Vorfällen nicht mehr mit diesen Personen befassen und möchte es auch nicht.

Das Thema #metoo geht mir also schon nahe und man sollte es keinesfalls ignorieren. Ich finde es schockierend, was vor allem Frauen an sexueller Gewalt erleben und daher ist es umso wichtiger, dass darüber gesprochen wird. Auch die Poetry Slam-Szene hat ihr eigenes #metoo bereits erlebt, als eine Slammerin einen anderen Slammer wegen Vergewaltigung angezeigt hat. Und da muss man einfach mal sagen, dass es eine ganz ganz große Scheiße ist, die da passiert ist. Und sie ist ja leider nicht die einzige Frau in der Szene, die sexuelle Gewalt erleben musste. Daher war ihr Schritt extrem mutig und auch sehr wichtig für alle, die selbst nicht die Kraft hatten, an die Öffentlichkeit zu treten.

Durch den Mut der Poetry Slammerin hat sich auch bereits etwas in der Szene verbessert. Wir haben nun in jedem Bundesland eine Vertrauensgruppe aus Männern und Frauen, an die man sich in solchen Fällen wenden kann. Das sind natürlich keine ausgebildeten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, aber sie können in einem Erstgespräch helfen und notfalls an die entsprechenden Stellen weitervermitteln. Zudem ist es bei den Meisterschaften nun so, dass Leute, bei denen es Verdachtsfälle für sexualisierte Gewalt gibt, von den Meisterschaften ausgeschlossen werden. Die Sensibilität für das Thema ist in der Szene also gestiegen und die Veranstalter machen sich Gedanken, das ist gut. Doch eine durchgehende Umsetzung gibt es noch nicht. Daran muss weiter gearbeitet werden.

Neben dem Poetry Slam mache ich ja auch noch Stand-Up-Comedy und auch da gibt es leider immer noch Leute, die Sexismus-Witze bringen, um schnell ein paar Lacher zu bekommen. Ich selber kann darüber absolut nicht lachen, denn guter Humor sollte immer nach oben und nie nach unten treten. Natürlich ist es einfach, jemanden aufgrund von Stereotypen zu beleidigen, doch guter Humor ist es erst, wenn er intelligent gemacht ist. Und sexistische, antisemitische oder rassistische Witze sind nie intelligent. Tucholsky hat einmal gesagt: Satire darf alles. Ich bin zwar auch der Meinung, dass Satire alles darf, aber es braucht immer einen doppelten Boden. Macht also jemand einen sexistischen Witz, so darf dieser nicht allein für Sexismus stehen, sondern muss auch immer auf das wahre Problem aufmerksam machen. Nur so wird sich langfristig etwas ändern.

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