Der Poetry Slam erlebt sein eigenes #MeToo

Mehrere Frauen haben Übergriffe durch Slammer öffentlich gemacht. Was macht das mit der Szene?
Von Nadja Schlüter

Welche Strukturen bedingen sexuelle Übergriffe? Was müssen wir ändern? Diese Fragen muss sich auch die Poetry-Slam-Szene stellen.

Illustration: Federico Delfrati

Seit dieser Nacht hat es für Lina fast keinen Abend in einem Backstage-Raum gegeben, an dem nicht über den Mann gesprochen wurde, der ihr das angetan hat. Weil immer irgendjemand vor Kurzem eine gute Zeit mit ihm hatte und davon erzählen will. „Ich lächele dann sehr bemüht und versuche, unauffällig das Thema zu wechseln“, sagt Lina. Dabei will sie, dass in ihrer Gegenwart nie wieder jemand über ihn spricht.

Lina, die eigentlich anders heißt, ist 26 Jahre alt und Poetry Slammerin. Seit zehn Jahren ist sie in der Szene aktiv und verdient ihren Lebensunterhalt mit Auftritten, Moderationen und Workshops. „Die Slam-Szene war für mich immer ein sicherer Ort“, sagt sie. Im vergangenen Frühjahr hat sich das verändert: Nach einer Veranstaltung verbrachte sie Zeit mit einem Slam-Kollegen, sie tranken gemeinsam, redeten lange, küssten sich einvernehmlich – darüber hinaus gehenden sexuellen Kontakt lehnte sie im Gespräch mit ihm aber eindeutig ab. Als sie später im selben Raum übernachteten und Lina betrunken war, setzte er sich über ihren Willen hinweg. Sie hat ihn angezeigt, wegen sexuellen Missbrauchs einer widerstandsunfähigen Person. Solange darüber nicht entschieden ist, kann Lina den Fall nicht öffentlich machen. Und muss immer wieder Angst haben, dem Slammer, den sie schon lange kennt und mit dem sie zuvor gut befreundet war, auf oder hinter einer Bühne zu begegnen.

Sexualisierte Gewalt gibt es überall, in allen Schichten und Milieus, im privaten und im beruflichen Umfeld. Und ja, auch in der als progressiv und feministisch bekannten Poetry-Slam-Szene, in der, ebenfalls wie überall, lange nicht darüber gesprochen wurde. In den vergangenen Jahren hat sich das bereits langsam geändert. Doch seit diesem Sommer ist die Diskussion lauter und öffentlicher geworden, weil die Szene ihr eigenes #Metoo erlebte. 

Eine Slammerin schilderte in einem Facebook-Post mehrere sexuelle Übergriffe

Eine junge Frau, nennen wir sie Marie, veröffentlichte Ende Juli in einer privaten Facebook-Gruppe von Poetry Slammer*innen einen Post. Darin schilderte sie den etwa 600 Mitgliedern in sehr sachlichem Ton und zunächst, ohne Namen zu nennen, mehrere sexuelle Übergriffe. Unter anderem einen Fall, in dem sie nach einem Slam die Annäherungen des Veranstalters abgewehrt habe und später in der Übernachtungsunterkunft davon wach geworden sei, dass er hinter ihr im Bett gelegen habe und in sie eingedrungen sei.

Die Gruppenmitglieder reagierten mit Entsetzen, Solidarität für Marie, Wut. Weitere Slammerinnen schilderten ähnliche Fälle, die meisten davon liegen fünf bis zehn Jahre zurück. Als schließlich Namen mutmaßlicher Täter genannt wurden, meldete sich einer von ihnen über einen Anwalt bei den Admins der Gruppe, die darum sämtliche Beiträge zum Thema nur drei Tage nach Erscheinen des ersten Posts löschen mussten. Marie und drei andere Frauen, die sich an der Diskussion beteiligt hatten, erhielten anschließend eine Unterlassungserklärung.

Aber die Geschichten sind erzählt und die Frauen gehört worden. Viele in der Szene wollen, dass sie und andere weiterhin gehört werden, und stellen sich jetzt wichtige Fragen: Welche Strukturen und Hierarchien gibt es bei uns, die solche Übergriffe bedingen? Was ist zu tun, damit so etwas nie wieder passiert? Wie können wir die Slam-Szene zu einem sicheren Ort für alle machen?

„Da ist eine Bombe eingeschlagen“, fasst Carmen Wegge die Veröffentlichung der Fälle in der Facebook-Gruppe zusammen, und ihr Kollege Tobias Heyel sagt: „Es war krass, das so geballt hintereinander zu lesen. Das hat leider meinen Verdacht bestätigt, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelt.“ Carmen, 30 Jahre alt, ist seit 2005 als Poetry Slammerin aktiv, der 41-jährige Tobias seit 2003. Beide sind Mitglieder der 2016 gegründeten „Vertrauensgruppe“, einer Anlaufstelle, an die man sich mit Problemen wenden kann, vom zwischenmenschlichen Knirschen bis hin zu Belästigung oder Missbrauch. Die etwa 20 Mitglieder der Gruppe, allesamt Slammer*innen und Veranstalter*innen, hören zu, besprechen die Situation und erste Handlungsmöglichkeiten mit den Betroffenen und vermitteln zwischen Konfliktparteien oder an professionelle Stellen wie den „Weißen Ring“ oder „Wildwasser“. „Meiner Einschätzung nach hatten wir immer schon genug zu tun“, sagt Carmen. „Aber ich kann mir vorstellen, dass die Ereignisse jetzt noch weitere Opfer empowern und sie sich melden werden.“

„Es gab auch mal eine Zeit, in der besonders viele Vergewaltigungswitze gemacht wurden“, erinnert sich Carmen

In der Slam-Szene scheint eine Atmosphäre entstanden zu sein, in der sich Betroffene trauen, über Übergriffe zu sprechen. Das war nicht immer so. Zwar war die Szene nie ein Gehege voller Raubtiere: Sie bezeichnet sich selbst liebevoll als „Slamily“ und ihre Bühnen stehen prinzipiell jedem*r offen. Aber trotz aller Herzlichkeit war der Ton im Backstage lange Zeit rau und der Nährboden für Sexismus und Grenzüberschreitungen fruchtbar.

Seit Mitte der Neunzigerjahre gibt es Poetry Slams ins Deutschland. Anfangs war die Szene überschaubar – und sehr männlich. Mindestens 15 Jahre lang war es völlig normal, dass bei Slams fast nur Männer auftraten, von denen einige auch hinter der Bühne den Ton angaben. Es war wichtig, wer wie viel getrunken oder wer mit wem geschlafen hatte. „Es gab auch mal eine Zeit, in der besonders viele Vergewaltigungswitze gemacht wurden“, erinnert sich Carmen. „Wenn man das als einzige Frau im Backstage nicht so witzig fand, hieß es oft: Stell dich nicht so an!“ Viele Frauen aus der Szene haben in der Vergangenheit Erfahrungen mit sexistischen Sprüche gemacht oder einer als Scherz daherkommenden Übergriffigkeit, manche auch mit einer Hand an einer Stelle, an der sie sie nicht haben wollten. „Ich glaube, viele haben das nicht aus Boshaftigkeit gemacht – die Stimmung hat das bedingt, es war total normal, sich so zu verhalten“, sagt eine Slammerin, die sich an der Facebook-Diskussion im Juli beteiligt und ebenfalls persönlich Erfahrung mit dem Thema Sexismus und sexuelle Belästigung in der Szene gemacht hat. „Umso besser ist es, dass jetzt endlich darüber gesprochen wird.“

Sie und andere bestätigen, dass in den vergangenen Jahren vieles anders und besser geworden ist. Die Szene ist in dieser Zeit kräftig gewachsen und hat sich professionalisiert: Im deutschsprachigen Raum gibt es etwa 300 regelmäßige Poetry Slams, dazu Workshops, Nachwuchsförderung, Vereine. Beim „Slam 2019“, den diesjährigen deutschsprachigen Meisterschaften, die am 19. Oktober in Berlin eröffnet werden, treten 150 Slammer*innen an. Und im Zuge der Professionalisierung sind auch Strukturen entstanden, durch die sich das Geschlechter- und Machtverhältnis verschoben hat.

Neben einer guten Bühnen- gehört auch eine gewisse Backstage-Performance zum Slam

Noch vor der Vertrauensgruppe wurde – zunächst mit deutlichem Gegenwind aus der Szene – 2016 der Verein „Slam Alphas“ gegründet, ein Netzwerk zur gezielten Förderung von Frauen* und Mädchen* in der Szene, das auch auf sexistische Strukturen hinweisen und sie auflösen will. Die Line-Ups bei Slams sind seitdem ausgeglichener. Bei einer Fortbildung für Veranstalter*innen gab es bereits eine Diskussionsrunde zu sexualisierter Gewalt und Prävention. Außerdem können Slammer*innen heute davon ausgehen, dass es hinter der Bühne nicht nur Alkohol zu trinken gibt, sondern auch Softdrinks, dass auch weibliche Betreuungspersonen anwesend sind und dass sie im Einzelzimmer oder zumindest nach Geschlechtern getrennt untergebracht werden, statt alle zusammen im großen Hostel-Schlafsaal oder der Privatwohnung des Veranstalters. „Die Szene ist auf jeden Fall sensibler geworden und der Ton im Backstage reflektierter“, sagt Tobias. Das hat nicht nur für Frauen Vorteile, sondern auch für diejenigen Männer, denen das laute Gehabe nie lag, wie Tobias bestätigt: „Wenn heute jemand einen sexistischen Spruch macht, kann ich ,Alter, das geht nicht!’ sagen, ohne, dass ich dafür auch noch einen blöden Spruch kriege.“

Aber Machtstrukturen verschwinden nicht von heute auf morgen, manche sogar nie. In der Slam-Szene verlaufen sie, wie im Rest der Gesellschaft, auch heute noch von Männern zu Frauen, von laut nach leise, von bekannt zu unbekannt. Nach wie vor sind mehr Männer als Frauen aktiv und wer neu in die Szene kommt, muss sich einen Platz erarbeiten. Kontakte sind wichtig und um in den „inneren Kreis“ aufgenommen zu werden, gehört neben einer guten Bühnen- auch eine gewisse Backstage-Performance dazu: Wer mit den anderen Slammer*innen privat Spaß haben kann, hat es leichter. Erfolgreiche Slammer*innen oder Veranstalter*innen, die über Ressourcen verfügen, haben da natürlich mehr Macht als Neulinge. Und wo es Macht gibt, besteht das Risiko, dass sie ausgenutzt wird – und dass jemand, der davon betroffen ist, sich nicht traut, sich zu wehren. 

Bei den deutschsprachigen Meisterschaften in Berlin wird es ein „Awareness-Team“ geben

In solchen Fällen kann die Vertrauensgruppe helfen. Bei den deutschsprachigen Meisterschaften in Berlin wird es außerdem, wie schon bei den U20-Meisterschaften Anfang Oktober in Erfurt, ein Awareness-Team geben. „Wir wollen ein niedrigschwelliges Angebot machen“, sagt Veronika Rieger. Die 24-Jährige, die evangelische Theologie studiert und ausgebildete Seelsorgerin ist, koordiniert das Team. Dabei orientiert sie sich an der Berliner Club-Kultur, die schon lange mit Awareness-Konzepten arbeitet, bei denen es darum geht, Sexismus, Homo-, Trans- und Xenophobie keinen Raum zu bieten. 

Konkret werden beim „Slam 2019“ 24 Stunden lang immer drei bis vier Personen ansprechbar sein, zwei davon auch über ein Notfalltelefon. Wer gerade Schicht hat, trägt gut erkennbar einen pinken Button an der Kleidung und die Notfall-Nummer wird an alle Teilnehmer*innen kommuniziert. „Man kann uns anrufen, wenn man in Berlin verloren gegangen ist oder sich aus dem Hotelzimmer ausgeschlossen hat“, sagt Veronika. „Aber auch, wenn man beleidigt oder diskriminiert wurde und Unterstützung haben möchte.“ Und ja, das Team solle auch zur „Abschreckung“ dienen: „Bevor irgendjemand auf eine dumme Idee kommt, soll er wissen, dass wir für potenzielle Opfer ansprechbar sind und Konsequenzen ziehen werden.“ 

In den Richtlinien des „Slam 2019“ wurde auch festgeschrieben, dass  Personen, gegen die eine Strafanzeige läuft oder die vorbestraft sind, nicht antreten dürfen. Lina, die den mutmaßlichen Täter angezeigt hat, ist bis vor Kurzem trotzdem noch davon ausgegangen, dass sie ihm in Berlin begegnen wird, weil er lange nicht von der Anzeige in Kenntnis gesetzt wurde. Die beiden hatten nach der besagten Nacht noch ein, zwei Mal kurz Kontakt, dann brach Lina diesen ab. Von der Anzeige hat sie ihm nicht erzählt. Nun hat er Post von der Polizei bekommen und seine Teilnahme in Berlin selbst abgesagt. „Das gibt mir gerade viel“, sagt Lina. 

Wenn sie Recht bekommt, sagt Lina, „würden alle sehen, dass es manchmal auch die coolen Typen sind, die sowas machen“

Der Mann, um den es geht, ist beliebt und bekannt in der Szene. Einer, bei dem man sich nicht vorstellen kann oder will, dass er gegen den Willen einer Person sexuellen Kontakt mit ihr hat. Das macht es für Lina schwer, mit anderen Slammer*innen darüber zu sprechen. Bis zu dieser Nacht, sagt sie, hätte sie sich das ja selbst niemals vorstellen können. Anschließend hat sie lange mit sich gerungen: Was genau ist mir da passiert? Kann das wirklich sein? Wir kennen uns doch schon so lange, so jemand ist er doch nicht – habe ich das provoziert? „Habe ich natürlich nicht“, sagt sie heute. „Ich habe schon hundert Mal zu anderen gesagt, dass es nie die Schuld des Opfers ist, egal, was du getrunken hast und wie die Vorgeschichte mit der Person ist – aber auf mich selbst konnte ich das erst mal nicht anwenden.“ Drei Monate hat es gedauert, bis sie Anzeige erstattet hat.

Marie und die drei anderen Frauen, die sich an der Diskussion in der Facebook-Gruppe beteiligt und eine Unterlassungserklärung erhalten haben, gehen ebenfalls den Rechtsweg. Keine von ihnen hat die geforderte Erklärung unterschrieben, darum ist nun eine einstweilige Verfügung gegen sie ergangen. Zwei von ihnen hatten am vergangenen Donnerstag ihren Verhandlungstermin vor Gericht. In einem Fall wird die einstweilige Verfügung voraussichtlich aufgehoben, im zweiten erfolgt das Urteil erst Anfang November. Die Anwaltskosten sollen im Rahmen einer „Safe Space“-Kampagne der „Slam Alphas“ mit Spenden aus der Szene gedeckt werden, bisher, so die „Alphas“, seien die Spendenbereitschaft und die Solidarität groß. 

Lina hat ihren Fall zwar nicht in der Gruppe öffentlich gemacht, aber sie hofft nicht nur für sich, sondern auch für die Szene, dass es zum Verfahren kommt und sie Recht bekommt. „Dann würden alle sehen, dass es manchmal auch die coolen Typen sind, die so was machen, und nicht immer nur der seltsame Veranstalter, den eh nie jemand mochte“, sagt sie. Aber natürlich auch, dass es ab sofort Konsequenzen hat, wenn jemand übergriffig wird. „Es geht mir gar nicht um ein bestimmtes Strafmaß“, sagt Lina. „Ich möchte einfach nur mit vollem Recht sagen können: Diese Person ist schuldig.“

Anm. d. Red.: Dieser Text wurde am 18. Oktober um 14:50 Uhr wegen neuer Informationen zum Ausgang der Verhandlung am Donnerstag, 17. Oktober  aktualisiert.

  • teilen
  • schließen