„CatcallsOfMuc“ kämpft gegen Belästigung in München

Der Instagram-Account macht „Catcalls“ mit Straßenkreide sichtbar – dort, wo die Sprüche fielen.
Von Nele Spandick

Das Resultat der Aktion war an der U-Bahn-Haltestelle am Stachus zu sehen.

Foto: Lena Kellhuber

Ege und Sophia laufen zielstrebig durch die Stachus-Passagen. Ein Eimer voller bunter Kreide pendelt an Eges Arm hin und her. Sie fahren mit den Rolltreppen hoch und diskutieren kurz, wo jetzt der beste Ort für ihre Aktion wäre. Am Eingang zum U-Bahnhof angekommen nimmt Ege ein Stück Kreide und fängt an zu schreiben: „Ich war“. Sophia findet den Ort jetzt doch doof, er hört auf zu schreiben. Sophia fängt ein paar Meter daneben an: “Ich war 20, er ca. 90“.

Die ersten Passant*innen bleiben stehen und fangen an, zu lesen. Sophia schreibt weiter: „Lackierte Fußnägel wären aber schöner!“ Auf dem Pflaster steht jetzt ein Spruch, den eine Münchnerin so schon zu hören bekommen und den beiden zugeschickt hat. Denn belästigende Sprüche wie diesen sammeln Sophia und Ege mit ihrer Freundin Julia seit fast zwei Monaten auf der Instagram-Seite „CatcallsOfMuc“. Sie haben im letzten Jahr ihr Abitur gemacht und verfolgen in ihrem Gap Year das Projekt.

Bisher haben sie ungefähr 50 Berichte über Belästigungen und sogenannte Catcalls zugeschickt bekommen. „Catcall nennt man es zum Beispiel, wenn einem hinterhergerufen oder gepfiffen wird“, erklärt Sophia. „Was genau eine solche Belästigung ist, entscheidet aber die betroffene Person selbst.“ 

„Diese alltägliche Belästigung war mir vor dem Projekt nicht so bewusst“

Nachdem Sophia, Ege und Julia einen Spruch zugeschickt bekommen haben, schreiben sie ihn mit Kreide an dem Ort auf, an dem er zu den Betroffenen gesagt wurde. Oft schreiben sie das Alter der Beteiligten dazu – weil der Altersunterschied zwischen Belästiger und Belästigter häufig erschreckend groß sei. So wie bei dem Ereignis, über das sie gerade geschrieben haben: „Wie krass ist das denn, das ein 90-jähriger Opa meint, eine 20-jährige Frau so dumm anquatschen zu können?“, sagt Sophia. Sie findet, als Frau sei sie solche Situationen zu sehr gewöhnt. Als Mann kriege man oft gar nicht wirklich mit, was Frauen erleben.

Ege bestätigt das: „Ich habe nur von wirklich heftigen Fällen von Freundinnen erfahren. Aber diese alltägliche Belästigung war mir vor dem Projekt nicht so bewusst. Ich war echt überrascht, wie viele Männer das anscheinend machen.“

Ege und Sophia auf dem Weg zum Aktionsort.

Foto: Nele Spandick

Ausgestattet mit ihrem Werkzeug: bunter Kreide.

Foto: Nele Spandick

Sophia überlegt noch kurz, was sie jetzt aufschreibt.

Foto: Nele Spandick

Die Idee zu ihrem Account kam der Gruppe bei einer Reise nach New York im Rahmen des Projekts „Youthbridge“. Die Organisation vernetzt Jugendliche mit unterschiedlichen Hintergründen und Einstellungen, damit die dann ihre eigenen Projekte umsetzen können. Sophia und Ege sind inzwischen selbst Teil des Leitungsteams. In New York trafen sie Sophie Sandberg. Sie hat den Instagram-Account „catcallsofnyc“ ins Leben gerufen, dessen Konzept inzwischen in vielen Städten übernommen wurde. Zurück in München, wollten sie auch dort starten. 

Zurück vor dem U-Bahn-Ausgang am Stachus: Ein junger Mann und eine junge Frau bleiben stehen. Sie kennt die Instagram-Seite schon und outet sich als Fan. Er erfährt das erste Mal von der Aktion, findet sie aber angeblich auch super. Sie unterhalten sich noch etwas, während Ege unter dem Catcall den Hashtag „#stopptbelästigung“ ergänzt. Später erzählt Sophia, dass meist ein bis zwei Leute stehen blieben. Mit denen sprächen sie dann über ihre Aktion.

Belästigung war so alltäglich, dass Sophia dachte, sie müsse sie einfach hinnehmen

Auch das ist ein erklärtes Ziel der Kampagne: Ins Gespräch kommen, sich der Kritik stellen und diskutieren. Vor allem mit älteren Leuten, die meist nicht auf Instagram sind. Aber die drei Account-Betreiber*innen wollen auch junge Menschen erreichen, die gerade ihren Umgang mit Fremden lernen. „Wenn sie jetzt schon verstehen, wo Grenzen sind und wie man sich verhalten sollte, um andere nicht zu belästigen, ist das die beste Prävention”, findet Ege.

Den Hashtag schreiben sie inzwischen auf Deutsch – damit auch ältere Menschen ihn verstehen.

Foto: Nele Spandick

Als Platz haben sie sich dieses Mal den Eingang zur U-Bahn ausgesucht. In der U-Bahn hat die Betroffene den Spruch zu hören bekommen.

Foto: Nele Spandick

Sophia und Ege nach getaner Arbeit.

Foto: Lena Kellhuber

Für Julia und Sophia war das Phänomen weniger neu als für Ege. Die beiden hatten selbst schon Erfahrungen mit Belästigung gemacht. Meist haben sie die Sprüche einfach ignoriert. Bei Sophia begann das schon sehr früh, weil sie immer etwas älter aussah. Ihr ist vor allem ein Erlebnis in Erinnerung geblieben: „Da war ich zwölf oder 13 und mit Freundinnen im Schwimmbad. Eine Gruppe ältere Männer hat uns begrabscht.“ Und obwohl alle merkten, dass den Freundinnen gerade dasselbe passiert, trauten sie sich nicht, etwas zu sagen. Erst auf dem Nachhauseweg fragten sie, ob den anderen dasselbe zugestoßen sei. Passiert ist danach nichts. Es war so alltäglich, dass Sophia dachte, man müsse es einfach hinnehmen.

„Die Leute, die das machen, denken halt echt, das wäre flirten“

Ege geht, wie er selbst sagt, aber nicht nur darum, die Opfer zu stärken, sondern auch darum, die aufzuklären, die selbst catcallen: „Die Leute, die das machen, denken halt echt, das wäre flirten.“ Auch wenn sowohl die Instagram-Nachrichten als auch die Bemerkungen bei den Kreideaktionen meist positiv sind, äußern manche als Kritikpunkt, dass die Grenze zwischen Belästigung und Kompliment unklar sei. Woher sollten Catcaller wissen, dass sie gerade belästigen, wenn die Belästigung nur dadurch definiert wird, was das Opfer als belästigend empfindet, so die Argumentation. Ege erwidert: „Bei den Geschichten, die uns erreicht haben, müsste aber echt jeder mit gesundem Menschenverstand verstehen, dass man das nicht machen sollte.“

Ege fotografiert den Spruch auf dem Boden. Später soll das entstandene Bild mit der anonymisierten Nachricht, in der das Opfer ihre Geschichte erzählt hat, auf der Seite veröffentlicht werden. Sie haben noch ungefähr 20 Catcalls auf der Liste für die nächsten Wochen. Auch, wenn die Nachrichtenflut derzeit abnimmt, wollen sie weitermachen, erklärt Sophia: „Selbst, wenn es nur eine Person im Monat ist, wollen wir für sie da sein.”

  • teilen
  • schließen