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Illustration: Daniela Rudolf

Die ersten Male tat es noch weh. In der Neunten zum Beispiel, da waren wir grade frisch an den Rand des sozialen Brennpunkts gezogen. „Ey, du Fotze, siehst du wieder scheiße aus“, bellten die Prollkinder auf meinem Weg zur Bushaltestelle. Jeden Morgen. Ich hatte keine Ahnung, was ich falsch gemacht hatte, aber tierische Angst um mein Gesicht, also hielt ich meine Klappe und lief einfach nur schneller. 

Oder dann in der Elften. „Der Andi sagt, du bist ne Schlampe“, steckte mir eine Freundin nach einer Party, auf der sie mit besagtem Andi rumgeknutscht hatte. Mein Magen begann sofort zu brennen. Okay, ich hatte in der letzten Zeit mit ziemlich vielen Typen was gehabt. Aber warum wurde ich dafür so bestraft?

Zum Glück hänge ich als Erwachsene nicht mehr so oft auf dem Schulhof ab oder mit Halbstarken an der Bushaltestelle. Deswegen kam ich eine ganze Weile auch nicht mehr in den Genuss von bestimmten Beschimpfungen. Bis ich den Fauxpas beging, mich in diesem Internet genannten Moloch über meine offene Beziehung auszulassen. Nun war ich wieder: Schlampe, Fotze, Nutte, … Als ich die Kommentare unter meinem ersten Text durchgelesen hatte, musste ich erstmal weinen. 

Heute regt sich bei diesen Bezeichnungen kaum noch etwas in mir. Jedenfalls nichts Persönliches. Denn inzwischen weiß ich (und Gott ist mein Zeuge, ich habe gezweifelt!), dass nichts Grundlegendes falsch daran ist, ein weibliches Geschlechtsorgan zu haben. Nicht mal dann, wenn man gerne Sex mit wechselnden Partnern hat. Nein, das Problem in dieser Sache liegt eindeutig bei den anderen. Es ist systematisch. Es ist sexistisch. Und genau das macht mich sehr, sehr wütend. 

Denn abgesehen davon, dass es absolut nicht üblich ist, einen Mann mit einer abwertenden Bezeichnung seines Genitals zu beschimpfen, existiert nicht mal eine solche. Was soll man da schon sagen? „Du Schwanz?“ Das wäre doch lächerlich. Auf Penisse war man schon immer stolz. Wer will sich also noch wundern, dass „Fotze“ ungleich viel vulgärer klingt als „Schwanz“ – und damit genau wie „cunt“ im Englischen quasi unaussprechlich ist? Auch für „Schlampe“ gibt es kein männliches Äquivalent. Eine gute Sex-Quote macht den Typen eher zum Hengst als zu einer billigen Nutte. Oder, wie es die US-amerikanische Autorin Jessica Valenti in ihrem gleichnamigen Buch über Doppelstandards für die Geschlechter so schön zusammenfasst: „He's a stud, she's a slut.“

Klar, auch Männer werden mit geschlechtsspezifischen Ausdrücken beschimpft. Als „Wichser“, „Schlappschwanz“ oder „Schwuchtel“ beispielsweise. Im Gegensatz zu Frauen geht es da aber nicht um ein zu viel an Sexualität, sondern eher um ein heteronormatives zu wenig. Auch das ist nicht schön, aber Tatsache bleibt: Es sind vor allem Männer, die auf diese Weise austeilen. Und in gewissen Kontexten passiert das so selbstverständlich, dass wir es kaum noch als beleidigend wahrnehmen. Dass im Porno die „Schlampe“ oder die „Fotze“ gefickt wird, gehört mindestens so sehr zum Genre wie die „Sie kniet, er steht“-Einstellung – und wer außer ein paar Feministinnen stört sich schon groß daran?

Mindestens genau so frauenverachtend läuft es im Rap. „Ich spritz der Bitch in den Hals“ (Haftbefehl), „Ich hab den Keller voll mit Nutten“ (Kool Savas) – sehr, sehr viele Menschen konsumieren solchen und anderen verbalen Abfall völlig schamfrei und offen. Rap gehört zu den erfolgreichsten Sparten der deutschen Musikindustrie, seine Vertreter werden gern mit Preisen geehrt, und frage ich meine Freundinnen, warum sie sich das anhören, sagen sie: „Das ist halt Kunst.“ – „Nee“, sage ich. „Das ist Stockholm-Syndrom.“

Wenn die Rapperinnen von SXTN singen, dass „die Fotzen wieder da sind“, meinen sie damit auch sich selbst: im positivsten Sinne

Auf der anderen Seite gibt es Frauen, die sich diesem Sexismus entgegenstellen. Und zwar nicht, indem sie gegen all diese Wörter arbeiten, sondern indem sie, wie die feministische Rapperin Sookee es nennt, „aus einem Werkzeug der Beleidigung eine Waffe machen.“ Sie ziehen sich ultra-freizügig an, um bei den sogenannten Slutwalks mitzulaufen (zur Erinnerung: Vor einigen Jahren löste ein kanadischer Polizist eine weltweite Protestwelle aus, als er behauptete: „Frauen sollten sich nicht wie Schlampen anziehen, wenn sie nicht vergewaltigt werden wollen“). Sie nennen ihr Geschlechtsteil demonstrativ „cunt“, wie es die britische Feministin Caitlin Moran beispielsweise tut, oder verschenken „Fotzensekret“ wie Lady Bitch Ray (nomen est omen) es schon vor zehn Jahren in der Show von Schmidt und Pocher getan hat. Und so manch eine junge Frau scheint für Personen weiblichen Geschlechts überhaupt kein anderes Wort als „Fotze“ mehr zu kennen. Wie die Rapperinnen von SXTN beispielsweise. Mal heißt es bei denen „Die Fotzen sind wieder da“, dann wieder sind die „Fotzen im Club“ unterwegs – und damit meinen sie durchaus auch sich selbst: im positivsten Sinne.

Trotzdem lassen sich all diese Wiederaneignungsformen nicht miteinander gleichsetzen. Denn was für ein Frauenbild soll das eigentlich sein, in dem man sich selbst als „Fotze“ auf nichts weiter als sein Geschlechtsorgan reduziert? Und noch etwas demonstriert uns das Beispiel von SXTN: Man kann sich der Begriffe der Männer scheinbar frei bedienen, und sich dennoch zu Mittäterinnen machen. Indem man mit sexistischen Rappern wie Frauenarzt zusammenarbeitet oder völlig ironiefrei so schöne Texte sampelt wie „Hass Frau. Du nichts, ich Mann. Blase bis du kotzt aber kotz' auf meinen Schwanz“ von King Orgasmus One zum Beispiel. Die kluge Sookee sagte dazu einmal in einem Interview: „Viele Frauen begnügen sich beim Rappen eben damit, dass sie zwar ein frauenverachtendes Bild reproduzieren, es aber so hinstellen, als sei dieses Bild auf sie nicht anwendbar. Das mag ihnen helfen, sich zu emanzipieren, hat mit Feminismus aber nichts zu tun. Und Sexismus bleibt scheiße, auch wenn er von Frauen reproduziert wird.“

„Schlampe“ als Begriff für eine (möglicherweise) promiskuitive Frau und „Fotze“ als Wort für das weibliche Geschlechtsorgan hingegen verlieren ihre beleidigende Wirkung, sobald sie selbstbewusst von den ursprünglichen Adressatinnen für sich selbst verwendet werden. Sicher, es bedarf zunächst Überwindung, so von sich selbst zu sprechen. Aber es kann tatsächlich gelingen, Begriffe neu zu besetzen. Die Autorinnen Dossie Easton und Janet W. Hardy bewiesen das schon 1997, als sie ein Buch mit dem Titel „The Ethical Slut“ herausbrachten. Dort schreiben sie: „Deswegen reklamieren wir das Wort ,Schlampe‘ stolz für uns. Wir hören Anerkennung und sogar Zuneigung daraus. Für uns ist eine Schlampe eine Person beliebigen Geschlechts, die ihre Sexualität nach dem radikalen Motto auslebt, dass Sex schön ist und Genuss guttut.“ Klingt phantastisch, oder? 

Und wann immer irgendwer meint, mich mit „Schlampe“ oder einem ihrer Schwesterbegriffe ärgern zu wollen, erinnere ich mich an diese Textstelle. Und denke so: „Stimmt. Bin ich halt eine Schlampe, die ihre Fotze sehr, sehr gern hat.“ Und schon habe ich wieder gute Laune.

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