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Galante Ritterlichkeit oder wohlwollender Sexismus?

Collage: Daniela Rudolf

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„Kannst Du diesen Kunden bitte anrufen und beschwichtigen? Ihr Frauen seid doch immer so diplomatisch!“, bat mein ehemaliger Arbeitskollege mich vorgeblich charmant um einen Gefallen. Als ich ihm zu verstehen gab, dass ich den Kunden zwar gerne anrufen könne, aber seine Argumentation doch ziemlich daneben finde, fragte er allen Ernstes: „Warum regst Du Dich denn so auf? Frauen sind nun mal so!“ Als sei diese Begründung eine unwiderlegbare, universelle Wahrheit. Und kein sexistisches Klischee, das mich regelmäßig verzweifeln lässt.

Sehr häufig habe ich erlebt, wie sich beim Tragen von (vermeintlich) schweren Gegenständen urplötzlich der Beschützer-Instinkt der Arbeitskollegen und Bekannten regte. In diesen Fällen waren die „Gentlemen der alten Schule“ gerne zur Stelle, um den schwachen Frauen zur Hilfe zu eilen. Und fanden sich dabei in ihrer Ritterlichkeit besonders toll.

Auf einer ehemaligen Arbeitsstelle wurden jüngere Kolleginnen gerne verniedlichend als Mädchen, Mädels oder gar Mäuse bezeichnet. Natürlich alles nur nett gemeint, versteht sich. Dass es sich bei diesen Betitelungen um eine nicht sehr wertschätzende Respektlosigkeit handeln könnte, war den meisten Herren lange Zeit nicht bewusst: Schließlich ging es doch darum, zu betonen, wie jung oder gutaussehend die Kollegin ist. Ich war also selbst schuld, wenn ich diese Bemerkung falsch verstanden habe. Hätte ich das schmeichelnde Lob, das angeblich hinter der Bezeichnung steckt, bemerken sollen? Sorry, diese simple „Kompliment-Erklärung“ kann ich schon lange nicht mehr gelten lassen.

Netter Sexismus – gibt es das?

Diese und ähnliche Situationen habe ich meinem Job, aber auch im Bekannten- und Freundeskreis immer wieder erlebt. Doch nur den Wenigsten ist bewusst, dass diese Bemerkungen, auch wenn sie vorgeblich nett gemeint sein mögen, sexistisch, übergriffig und vieles mehr sind – aber eben definitiv keine Komplimente. Hilkje Hänel, Schriftstellerin und Doktorandin der feministischen Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin, hat mir erklärt, warum auch diese Art des Sexismus großen Schaden anrichten kann.

Zunächst einmal wird in der Geschlechterforschung zwischen feindlichem Sexismus und wohlwollendem Sexismus unterschieden. Im Falle des feindlichen Sexismus werden Frauen offen als weniger wert bezeichnet, während der wohlwollende Sexismus „geschickter“ vorgeht, wie Hänel sagt. Hier wird häufig von natürlichen und angeblich angeborenen Eigenschaften von Frauen oder Männern gesprochen. Zum Beispiel, dass Frauen durch einen natürlichen Instinkt besonders gut mit Kindern umgehen können. Dieser Sexismus, verpackt in ein Kompliment, macht es besonders schwer, den wohlwollenden Sexismus zu entlarven und zu kritisieren, so Hänel. Denn es ist einfacher, bei dem Satz „Frauen sind weniger kompetent als Männer“ zu widersprechen, als wenn etwas vermeintlich Nettes gesagt wird.

Trotzdem führt auch dieser vorgeblich „nette Satz“ dazu, dass Frauen auf ihr Geschlecht reduziert und damit beispielsweise in ihrer Berufswahl eingeschränkt werden. Besonders die häufige Wiederholung sexistischer Bemerkungen ist gefährlich: „Es ist eben nicht nur der eine Satz, den man als Frau am Tag aushalten muss, sondern eine ganze Reihe an Sätzen, die eine Frau irgendwann daran zweifeln lässt, ob sie es eigentlich ‚wirklich draufhat’ oder ob an den Sprüchen nicht vielleicht doch etwas dran sein könnte“, erklärt Hänel. Deshalb ist jede Form von Sexismus schädlich. Besonders für Frauen.

Männer als Opfer von wohlwollendem Sexismus?

In den meisten Fällen, so auch in den hier aufgeführten Beispielen, wird wohlwollender Sexismus gegen Frauen ausgeübt. Doch natürlich kann diese Art des Sexismus auch gegen Männer angewandt werden: „Da Sexismus auf das Geschlecht reduziert, kann dies sowohl bei Frauen als auch bei Männern gemacht werden“, sagt Hänel. Beispielsweise reduziert der Satz, dass „Frauen beschützt werden wollen“, nicht nur Frauen, sondern auch Männer, die in diesem Szenario die „Beschützer“ sind und auf diese Rolle beschränkt werden. Daher sind traditionelle Geschlechter-Rollenbilder nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer schädlich.

Allerdings stehen die Eigenschaften, die Männern zugeschrieben werden, in Verbindung mit Macht und Handlungsoptionen – sie drücken also die Überlegenheit des Mannes aus und sind deshalb mit Sexismen gegen Frauen nur schwer zu vergleichen.           

Hohe Akzeptanz der Gentlemen erschwert die Kritik

Männliche Ritterlichkeit ist gesellschaftlich noch immer sehr akzeptiert und wird sogar von Frauen oft begrüßt. Ziemlich schlechte Voraussetzungen dafür, einer Person begreiflich zu machen, dass sein Verhalten unangemessen ist.

 

Besonders schwierig wird für mich die offene Kritik, wenn ich der Person nahestehe oder sie sonst eigentlich ganz sympathisch finde. Dabei unterstelle ich nur den wenigsten Menschen böse Absichten. In den meisten Fällen handelt es sich meiner Einschätzung nach eher um unreflektiertes Verhalten oder um die schlichte Unkenntnis der Problematik. Denn einer klaren Kennzeichnung als „sexistisch“ auf breiter Gesellschaftsebene hat sich der klassische Gentleman bislang noch immer entzogen.

 

Wenn ich also meinen Mut zusammennehme und eine Person auf konkretes,  sexistisches Verhalten anspreche, benutze ich dabei nie das Wort „sexistisch“. Damit würde ich auf noch größeres Unverständnis stoßen. Denn natürlich möchte sich niemand gern als Sexist betrachten. Das waren doch diejenigen, die Frauen trotz gleicher Qualifikation weniger Geld bezahlen oder sich Frauen zurück an den Herd und in die Kinderstube wünschen. Dagegen wird in den beschriebenen Fällen ein positives und nach der Meinung vieler ein eben weibliches Merkmal hervorgehoben: Wie beispielsweise die ausgeprägte und angeblich angeborene weibliche Fähigkeit zum diplomatischen Handeln.

 

Wie ich mit wohlwollendem Sexismus umgehe

 

Als besonders störend und anmaßend empfinde ich die Übergriffigkeit, mir aufgrund meines Geschlechts eine gewisse Eigenschaft zu unterstellen, obwohl man mich unter Umständen noch gar nicht gut genug kennt. Von vielen als harmlos empfundene Bemerkungen wie „Frauen sind nun mal so“, veranlassen mich dazu, mein Gegenüber so respektvoll wie möglich in die Schranken zu weisen. Auch wenn das erstmal bedeutet, dass ich „keinen Spaß verstehe“.

 

Ganz konkret antworte ich auf die Bemerkung: „Du kannst dieses und jenes doch so gut, weil Du eine Frau bist,“ oft einfach, dass ich ich und mit keinem anderen Menschen zu vergleichen bin. Eine Aussage, die im ersten Moment oft unverstanden bleibt. Erst bei genauerer Erklärung reagieren einigermaßen empathische Gesprächspartner doch etwas einsichtiger. Was, so zumindest meine persönliche Erfahrung, glücklicherweise immer öfter der Fall ist.

 

Denn besonders im beruflichen Rahmen sollten sich Frauen nicht beschützen oder verniedlichen lassen. Spätestens bei der nächsten anstehenden Beförderung könnte der Job wieder mal an einen Mann gehen. Da mag die Kollegin noch so diplomatisch sein. Der Kollege hingegen ist naturgemäß viel durchsetzungsfähiger. Oder?

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