„Aber er war ja betrunken“

Sieben Menschen erzählen von unterschiedlichen Fällen sexueller Belästigung auf Festivals.
Von Niko Kappel
Foto: Edward Paterson/unsplash; Bearbeitung: jetzt

Die Veranstaltungsagentur FKP Scorpio, die unter anderem das Southside und das Hurricane organisiert, führte dieses Jahr wieder ein Codewort gegen sexuelle Belästigung ein. Wer „Wo geht’s nach Panama?“ zu einem Mitarbeiter des Festivals sagt, soll diskrete Hilfe bekommen.

Dabei gibt es ein Problem. Die wenigsten Fälle von sexueller Belästigung werden zur Anzeige gebracht. Trotzdem gibt es sexuelle Belästigung auf Festivals, und das nicht zu knapp. Laut einer britischen Studie wurde etwa jeder fünfte Festivalbesucher in Großbritannien schon einmal sexuell belästigt. Nur zwei Prozent zeigten die Vorfälle bei der Polizei an, insgesamt sieben Prozent meldeten den Übergriff während des Festivals oder danach an Mitarbeiter vor Ort.

Warum ist das so? Und ist sexuelle Belästigung auf Festivals also fast schon normal? Hier erzählen sieben Festivalgänger, die sexuell belästigt wurden, von ihren Erlebnissen. Ihre Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Keine der Personen war sich sicher, ob es sich bei ihrer Geschichte wirklich um sexuelle Belästigung gehandelt hat. Sie suchten Erklärungen für das Fehlverhalten der anderen, waren weniger streng mit ihnen, weil die übergriffige Person betrunken war und sicher nichts Böses wollte. Gerade die Jungs sagten Dinge wie „Ja, mein Gott, ist ja nichts passiert.“

Das soll ihnen hier natürlich nicht zum Vorwurf gemacht werden. Übergriffig waren ja immer andere. Aber vielleicht helfen ihre Geschichten, das Thema in den Köpfen präsenter zu machen. Denn: In allen sieben Fällen ist nun mal etwas passiert. Alle Personen wurden bedrängt und in Situationen gebracht, in denen sie sich schlecht gefühlt haben.

Ricky, 20

„Ich war dieses Jahr auf dem Southside. Die Stimmung war generell sehr komisch. Ständig kamen Männer zu uns Mädels und haben gefragt, ob wir Lust haben mit ihnen rumzumachen oder bei ihnen im Zelt zu schlafen. Wenn man sie abgewiesen hat, galt man als Spaßbremse und wurde ausgelacht. Ein Mann kam auf dem Weg zur Toilette zu mir, hat mir an den Hintern gefasst und hat mich einfach hochgehoben. Ich habe um mich getreten und gesagt, er soll mich runterlassen. Er sagte dann: ,Chill mal, das ist normal auf einem Festival.‘ Ein anderer Mann hat mir seine Wasserspritzpistole zwischen die Brüste gesteckt, die wie ein Penis geformt war. Als ich mich gewehrt habe,  kam von mehreren Männern sowas wie ‚Ach, geh doch nach Panama‘. Die Leute haben sich also offen über die Sache mit dem Codewort lustig gemacht. Ein Typ hat mir sogar einen Sticker auf den Hintern geklebt. Darauf war ein Bild von einem Mann, wahrscheinlich ein Kumpel von diesem Typen. Auf dem Sticker stand ,Du wurdest sexuell belästigt? Er wars! #Panama.‘“

Philip, 23

„Ich stand gerade bei einem langsameren Song einer Band ziemlich weit vorne in der Menge. Ich glaube das war 2014 auf dem Southside. Es gab da viel Bewegung, das Konzert hatte erst angefangen, deshalb kamen viele Leute gerade an. Ein Mädchen lief an mir vorbei, sie hatte schon länger zu mir rübergeschaut. Im Vorbeilaufen hat sie mir dann richtig krass in den Schritt gefasst und auch gut zu gepackt. Ich war perplex und schockiert, weil ich auch vollkommen davon überrascht war. Ich dachte, vielleicht flirtet sie mich an oder so, aber nicht, dass so etwas kommt. Ich fand sie sehr hübsch, aber das macht das ja nicht weniger übergriffig. Das war in dem Moment ein Eingriff in meine Privatsphäre, der mir viel zu krass war. Ich stand dann einfach nur entgeistert da, sie hat mich angegrinst und ist weggelaufen.“

Julia*, 22

„Ich bin auf dem Southside letztes Jahr gerade vom Klo zurück zu meinem Zelt gegangen. Ich war alleine unterwegs und bin zwischen den Zelten durchgelaufen, da sprach mich ein Typ an, ob ich einen Freund hätte. Er schrie eigentlich eher, so aus seinem Campingstuhl heraus, umringt von seinem Kumpels. Ich war zu dem Zeitpunkt Single, sagte aber trotzdem Ja. Normalerweise bin ich bei so einer Situation ehrlich und kann auch Kontra geben, aber irgendwie dachte ich, das könnte sonst komisch werden. Der Typ sagte dann ,Schade, ich hätte gerade richtig Bock, dir deine Fotze zu lecken.‘ Ich hab ihn dann einfach ignoriert und bin weitergelaufen. Ich dachte mir, er ist betrunken und ja nicht übergriffig geworden. Ich wollte mich davon auch nicht runterziehen lassen. Hätte er mich persönlich angegriffen oder angefasst, hätte ich mich gewehrt.“

Jessy, 20

„Ich war vor zwei oder drei Jahren auf einem kleineren Festival in Baden-Württemberg. Es war schon nachts, die Bühnen waren leer. Da gibt es immer noch ein Zelt, in dem ein DJ spielt, es wurde getanzt. Ich war allein und hab nach meinen Freunden gesucht, als ein Typ an mir vorbei lief und mir an den Hintern fasste. Natürlich hab ihn direkt angesprochen und gefragt, was das soll. Ich meinte, dass das für mich nicht in Ordnung sei und was er sich dabei gedacht hat. Er hat mich nicht ernst genommen und meinte, wir seien auf einem Festival, da geht so etwas schon klar. Er war richtig erstaunt und hat überhaupt nicht gecheckt, was er falsch gemacht hat. Ich habe das nicht gemeldet, weil ich mir dachte, dass das eh nichts bringt. Es war mitten in der Nacht und den Typen hätte man unter den ganzen Leuten sowieso nie mehr gefunden.“

Luise*, 22

„Vor ein paar Jahren bei Rock im Park ging ich bei einem Konzert aus der Menschenmenge. Weil ich ziemlich betrunken war, setzte ich mich einfach auf den Boden. Ein Typ setzte sich neben mich und fragte, ob es mir gut geht. Er war nett, deshalb redete ich mit ihm, obwohl ich voll fertig war. Als er angefangen hat zu flirten habe ich ein bisschen mitgemacht. Ich dachte mir, er ist ja nett, was soll’s, wir sind beide betrunken. Irgendwann hat er seine Hand auf meinen Oberschenkel gelegt, das war mir zu viel. Ich habe gesagt, er soll bitte seine Finger da wegnehmen. Er machte einfach weiter, ich schlug seine Hand weg. Er fasste mich weiter an, diesmal im Schritt. Erst als ich ihn laut angeschrien habe, hörte er auf. Er sagte noch ,Raff dich doch, du Schlampe‘, und ging weg.“

Maximilian*, 23

„Ich bin mit ein paar Kumpels über den Campingplatz vom Southside gelaufen, das war letztes Jahr. Wir waren gut drauf, angetrunken, jeder hatte Bier dabei. Am Rand des Weges saß eine Gruppe Mädels, auch ziemlich betrunken, sehr festivalmäßig unterwegs, mit Pappschildern und so weiter. Sie hatten ein Absperrband über den Weg gezogen. Auf einem Schild stand ,Eier raus‘. Als wir vorbeigehen wollten, haben sie gesagt, sie nehmen das Band erst weg, wenn wir unsere Hoden zeigen. Alle fanden es witzig und haben ausgepackt, dann habe das halt auch gemacht. Ich habe gar nicht daran gedacht, dass das jetzt grade Belästigung ist. Aber im Nachhinein war das schon krass unangenehm. Als Typ ist man sich halt nicht sicher, ob das jetzt Belästigung ist oder nicht.“

Alena*, 28

„Vor ein paar Jahren lief ich über das Southside, ich wollte zu meiner Gruppe bei der kleinen Bühne, weil ich noch länger bei einem anderen Konzert geblieben war. Ich beeilte mich, weil es mir irgendwie eh nicht gefiel, durch die ganzen Betrunkenen zu laufen, dabei war es mitten am Nachmittag. Plötzlich rissen mich zwei Arme an der Hüfte herum, ich wusste kaum, was gerade passierte, als ich einen fremden Mund auf meinem spürte. Ich versuchte, mich loszureißen aber der Mann hatte mich fest im Griff und presste seinen Mund weiter auf meinen, seine Hände brachte ich auch nicht von meinen Hüften weg. Insgesamt waren es vielleicht nur drei Sekunden, bis ich mich losriss, aber Mann, können drei Sekunden lang sein! Ich rief im Weglaufen etwas über die Schulter, ,Idiot‘ vielleicht, Männerstimmen lachten. Ich fing im Gehen an zu weinen, nicht, weil das eine besonders schlimme Erfahrung gewesen wäre oder weil ich Schmerzen hatte; ich weiß, dass viel schlimmere Dinge passieren. Aber ich dachte auf einmal: So, du bist also jemand, den einer einfach packen und umdrehen kann, wenn er will. Ein Scheißgefühl.“

*Der Name wurde auf Wunsch der betreffenden Person geändert.

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