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Friederike Baier, 34, promoviert an der Freien Universität Berlin zur Anerkennung und Messung von unbezahlter Haus- und Sorgearbeit. 

Foto: privat

Offenbar muss man Ungerechtigkeit erst in das hübsche Gewand eines Feiertages hüllen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen: Heute ist Equal Pay Day. Er steht symbolisch für den Tag im Jahr, bis zu dem Frauen aufgrund des Lohn- und Einkommensunterschieds zwischen den Geschlechtern „unbezahlt“ arbeiten, während ihre männlichen Kollegen bereits ab dem 1. Januar bezahlt werden. Der sogenannte „Gender Wage Gap“ beträgt je nach Berechnungsweise zwischen 10 und 25 Prozent. Nun ist es aber nicht so, dass Frauen für die gleiche Arbeit einfach nur weniger Geld bekommen, dahinter stecken sehr viel weitreichendere, gesellschaftliche Strukturen. Friederike Beier, 34, promoviert an der Freien Universität Berlin zur Anerkennung und Messung von unbezahlter Haus- und Sorgearbeit im internationalen Kontext. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, warum Frauen weniger Geld verdienen und ob es Sinn macht, Geschlechterquoten für bestimmte Berufe einzuführen. 

jetzt: Es ist 2019. Wieso gibt es immer noch einen „Gender Wage Gap“ und deswegen auch immer noch einen „Equal Pay Day“?

Friederike BeierFrauen sind häufiger in Teilzeit und in Berufen des öffentlichen Sektors beschäftigt, die sehr viel schlechter bezahlt werden, als beispielsweile technische Berufe. Hinzu kommt, dass Frauen in der Regel die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit – die sogenannte Care-Arbeit – übernehmen, was wiederum an einer ganz praktischen Überlegung liegt: Weil Männer häufiger in Führungs- und Entscheidungsposition sind, die besser bezahlt werden, sind es meist Frauen, die in Elternzeit gehen oder Verwandte pflegen, weil das einen geringeren Verdienstausfall für die Familie bedeutet. Und wer viel unbezahlte Care-Arbeit macht, hat weniger berufliche Erfahrung, hat geringere Aufstiegschancen und verdient in der Konsequenz auch weniger. 

Frauen haben sich zwar insofern von der Rolle der Hausfrau emanzipiert, als dass sie immer häufiger berufstätig sind – die unbezahlte Haus- oder Sorgearbeit wird ihnen jedoch nicht abgenommen. Die machen sie einfach mit. Warum müssen eigentlich immer Frauen „alles unter einen Hut bekommen“?

Das zeigt eigentlich ganz gut, wie sehr Kapitalismus und Patriarchat miteinander verwoben sind: In den Berufen, in denen hauptsächlich Männer beschäftigt sind, werden lange Arbeitszeiten erwartet, sodass sie nur sehr schwer mit Care-Arbeit zu vereinbaren sind. Gleichzeitig wird aber immer nur darüber debattiert, wie Frauen besser ihren Beruf und die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit vereinbaren können, was zu einem relativ hohen Gender Pay Gap führt. Aber auch dazu, dass Frauen einer Doppelbelastung ausgesetzt sind und durchschnittlich 28 Minuten weniger Freizeit am Tag haben.

Heißt das, dass auch Frauen aufhören müssen, alles miteinander vereinbaren zu wollen?

Sehr viele junge Frauen gehen davon aus, dass sie gleichberechtigt sind – auch weil sie sich nicht in eine Opferrolle drängen lassen wollen – und daher glauben sie, dass es keine Gleichstellungsmaßnahmen braucht. Die Diskriminierung beginnt jedoch meistens dann, wenn das erste Kind kommt, denn der Gender Care Gap ist sehr eng mit dem Gender Pay Gap verbunden. Das heißt, wenn Frauen zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern, hat das natürlich auch Auswirkungen auf ihr Gehalt. Wir können nicht so tun, als wären wir eine gleichberechtigte Gesellschaft, weil wir dann Diskriminierung noch verschärfen.

Was erwartest du denn von den Frauen?

Sie müssen lauter sein, aber nicht nur sie, sondern auch die Männer. Das ist etwas, das alle Menschen und Geschlechter angeht, weil wir im Laufe unseres Lebens immer wieder auf die Hilfe anderer und auf Sorgearbeit angewiesen sind. Eine Gesellschaft muss die Sorgearbeit ins Zentrum stellen und nicht die Lohnarbeit.

Was bedeutet es denn für eine Gesellschaft, wenn bestimmte Berufe häufiger von Frauen und andere häufiger von Männern ausgeübt werden, es also meistes Grundschullehrerinnen und Erzieherinnen beziehungsweise Feuerwehrmänner und Manager gibt?

Dadurch werden gesellschaftliche Rollenbilder reproduziert, die wiederum junge Menschen auch in ihrer Berufswahl beeinflussen. Die meisten von uns haben es erlebt, dass die Erzieherinnen Frauen sind und dass, wenn man nach der Kita oder der Schule nach Hause kommt, es wieder Frauen sind, die sich um einen kümmern. Von Männern wird auf der anderen Seite erwartet, dass sie arbeiten gehen, Geld verdienen und eine Familie ernähren. Aber mit dem Gehalt eines Erziehers beispielsweise kann man – wenn es gut läuft – gerade einmal sich selbst durchbringen, nicht aber eine Familie. Außerdem ist es ein Problem, dass Care-Arbeit nach wie vor sehr weiblich konnotiert ist und Männer, die diese Arbeit machen, gelten oft als nicht besonders „männlich“. 

Könnte eine „Geschlechterquote“ für Berufsgruppen sinnvoll sein, wie es sie beispielsweise in Finnland für Grundschullehrer gab? 

Eine Quote in Berufen, die nicht attraktiv sind, weil sie ohnehin schon schlecht bezahlt werden, könnte man ja gar nicht erfüllen. Das würde bedeuten, dass man trotz Fachkräftemangel am Ende gar Frauen abweisen müsste und das halte ich für kontraproduktiv. Andersherum müsste man es machen: Die Berufe im Care-Sektor müssen besser bezahlt, mehr anerkannt und professionalisiert werden, dann würde sich auch das Geschlechterverhältnis relativieren. 

Bisher sprachst du viel von professioneller Care-Arbeit von beispielsweise Pflegekräften. Was ist mit der unbezahlten Care-Arbeit zu Hause – Kinder erziehen, Eltern versorgen, kochen, putzen...

Ich halte es für problematisch, wenn immer nur gesagt wird, dass man die Care-Arbeit reduzieren muss, dass sie eine Last für die Frauen ist und man sie davon befreien muss. Viele Haushaltstätigkeiten werden mittlerweile auch outgesourct, das führt dann aber vor allem dazu, dass migrantische Frauen oder weniger privilegierte Frauen diese Arbeit für wenig Geld und in schwierigen Arbeitsverhältnissen machen. Das Problem ist, dass unbezahlte Care-Arbeit unsichtbar ist und das muss geändert werden. Sie muss mehr Anerkennung bekommen und gerechter verteilt werden.