Wie Frauen sich die Macht über ihren Körper zurückschreiben

Der Buchmarkt birst vor Literatur, in der junge Frauen gegen die Deutungshoheit des Patriarchats anschreiben. Was macht diesen Trend so besonders?
Von Katja Lewina

Foto: dpa / Jan Woitas

„Hast du Lust, irgendwas mit Feminismus zu schreiben?“ Glaubt man den Gerüchten, die in der Teeküche einer jungen, aufstrebenden Redaktion verhandelt werden, dann hat so gut wie jede der dort tätigen Autorinnen und Journalistinnen mindestens eine so geartete Anfrage von dem ein oder anderen Verlag bekommen. Auch der Blick in die Aussteller-Regale der Leipziger Buchmesse beweist: „Irgendwas mit Feminismus“, das scheint offensichtlich nicht nur bei T-Shirtherstellern, sondern auch in der Buchbranche schwer im Trend zu liegen.

Gehen Verlage jetzt gezielt auf Jagd nach Feministinnen? Oder haben Frauen gerade keine anderen Themen, als auf ihrem Geschlecht (Achtung, Wortspiel!) rumzureiten? Ich habe mich in Leipzig umgehört.

Der geschulte Blick erkennt die gesuchten Verdächtigen sofort: Sie heißen „Sexuell verfügbar“, „Weiblich, ledig, glücklich — sucht nicht“ oder „Alte weiße Männer — Ein Schlichtungsversuch“ und sind, das kann kein Zufall sein, auch noch alle in Pink- und Rosatönen gehalten. Bei fast jedem der großen Verlage findet sich mindestens ein explizit feministisches, knallfarbiges Sachbuch im Programm, das die patriarchalische Deutungshoheit über weibliche Körper, ihr Lieben und Leben in Frage stellt. Und wenn keins auf den ersten Blick zu erkennen ist, dann beeilen sich die Verlagsmitarbeiter, vom Gegenteil zu überzeugen. Es geht auch leiser, sagen sie dann, und verweisen auf Titel aus dem belletristischen Bereich, in dem das mit der weiblichen Selbstermächtigung oder dem Infragestellen des Status Quo impliziter verhandelt wird. Denn dass man an diesen Themen zur Zeit absolut nicht vorbei kommt, dass da etwas raus will, was raus muss, darin sind sich alle meine Gesprächspartner — Männer wie Frauen —, einig. 

Lange Zeit war die Frau das Produkt männlicher Zuschreibungen

„Die #metoo-Debatte hat viele Frauen dazu angeregt, sich mit feministischen Themen zu beschäftigen. Dass es jetzt so viele Neuerscheinungen in diesem Spektrum gibt, ist eine völlig natürliche Entwicklung, die das gesellschaftliche Geschehen abbildet“, sagt Eva Brenndörfer, Leiterin der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Piper. Dass Verleger aber explizit nach solchen Stoffen suchten, habe sie nicht beobachten können: „Natürlich schauen die Verlage auch, wie das Thema umgesetzt ist, ob man damit ein breites Publikum erreichen kann und ob es sich um bereits eingeführte Autorinnen oder Autorinnen mit einer besonders originellen Sichtweise handelt. Junge Frauen mit provokanten Thesen waren in dieser Hinsicht schon immer spannend.“ Feuchtgebiete von Charlotte Roche sei zum Beispiel so ein Fall gewesen, dass eine kluge und mutige junge Frau über lauter Tabuthemen schrieb.

Überhaupt, der weibliche Körper mit all seinen Ausformungen, Flüssigkeiten, Begehrlichkeiten, ach was, die ganze Frau! — lange Zeit war sie in Literatur und Kunst, genau wie auf allen anderen Gebieten, das Produkt männlicher Zuschreibungen, eine Erzählung aus zweiter Hand sozusagen. Dass Frauen in diesen Sphären eine eigene Stimme bekommen, dass sie sich ein Selbstverständnis jenseits von Anmut, Schwäche und Verfügbarkeit erarbeiten, ist eine sehr junge Entwicklung. So jung, dass sie quasi noch Windeln trägt, da kann nichtmal die omnizitierte Virginia Woolf etwas dran ändern. Klar, sie und noch ein paar andere waren schon ein paar Jahre vor uns hier und haben ganze Arbeit geleistet. Aber was sind sie schon gegen die Armada von Kerlen, die sich und ihre Deutungshoheit über das weibliche Geschlecht seit tausenden von Jahren in literarischen Ergüssen feiern?

Gegen genau diese Manier der alten weißen Männer schreibt zum Beispiel Sophie Passmann in ihrem Schlichtungsversuch an. Zwar geht es ihr weniger um den Körper der Frau als um die generelle Machtfrage, aber eines ist ihr Buch ganz sicher nicht: gefällig im weiblich-tradierten Sinne. Diese Gefälligkeit, zu der Mädchen und junge Frauen vor allem im sexuellen Sinne erzogen werden, pflückt dafür aber Caroline Rosales detailgetreu in Sexuell verfügbar auseinander. Und Gunda Windmüller pfeift mit Weiblich, ledig, glücklich sucht nicht auf die für allgemeingültig erklärte Idee, dass eine Frau nur im trauten Hafen einer festen Beziehung glücklich werden könne. Dass sich diese Autorinnen an dem Bild abarbeiten, das Männer von Frauen geschaffen haben, liegt in der Natur der Sache. Starke Thesen haben alle drei, spürbar aber werden vor allem ihre Fragezeichen. Was ist die Frau jenseits von all dem, was man ihr zuschreibt?

Der Kampf um Selbstbestimmung kennt kein Verfallsdatum

Das sind nur drei von vielen, vielen Beispielen, und es werden immer mehr. Der Literaturagent Marcel Hartges schätzt, es sei für eine Frau noch nie so leicht wie heute gewesen, ein Buch zu veröffentlichen: „Ich würde sogar fast sagen, dass die Verlage zur Zeit Autorinnen bevorzugen. Früher gab es vor allem männliche Autoren, also müssen die Frauen jetzt nachziehen.“ Eva Brenndörfer sieht das etwas anders. Auch wenn Autorinnen in den letzten Jahren selbst in traditionell männlich dominierten Genres wie Reisen, Abenteuer und Krimis aufholten, würde sie trotzdem nicht behaupten, dass es für Frauen augenblicklich leichter sei, ein Buch unterzubringen als für einen Mann.

Eine junge, poppige Aufbegehrerin hat Piper zwar nicht im Programm, dafür aber in dem Piper zugehörigen Berlin Verlag eine echte Ikone — die seit den 70er Jahren aktive Feministin Erica Fischer. In Feminismus Revisted zeigt sie in einer Mischung aus autobiographischen Essays und Porträts von jungen Aktivistinnen anhand von Themen wie Abtreibung, Sexarbeit und sexuelle Gewalt, warum der Feminismus noch immer nicht überholt ist. „Erica Fischer ist eine Feministin der ersten Stunde und eine beeindruckende Autorin. Dass ihr Buch den Nerv der Zeit treffen würde, war absehbar“, so Brenndörfer. Und es zeigt, dass der Kampf um Selbstbestimmung kein Verfallsdatum kennt. Erst recht kein körperliches.

Auch wenn sich von all den Verlagsmenschen, die ich in Leipzig dazu befragt habe, niemand dazu bekennen will, junge Feministinnen gezielt zu scouten, ist eins sicher: Der Kampf um die Deutungshoheit über den weiblichen Körper und alles, was da dran hängt, ist noch lange nicht am Ende. Im Gegenteil, die Fragezeichen scheinen noch immer nicht weniger, sondern vor allem mehr zu werden. Mit anderen Worten: Ihr werdet noch von uns hören.

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