Diese Bücher von Autorinnen empfehlen wir Freunden

Auch in der Literatur sind Frauen oft weniger sichtbar. Zu Unrecht.
Illustration: Julia Schubert

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Fragt man nach Weltliteratur, fallen in der Antwort darauf meist große Namen: Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Charles Dickens, Edgar Allan Poe, Fjodor Dostojewski, um nur einige zu nennen. Was dabei auffällt: Die meisten der Autorennamen, die man in der Stadtbibliothek, der Schule und der Universität kennenlernt, sind männlich. Dabei schreiben auch Frauen seit jeher – nur gegen mehr Widerstände, sie sind sie in der Literatur deshalb oft weniger sichtbar. Auch heute noch werden Autorinnen beispielsweise noch deutlich seltener rezensiert als Autoren.

Viele Frauen, oft Feministinnen, halten das für problematisch und lesen und bewerben deshalb gezielt Bücher von Autorinnen. Bei Männern erlebt man diese bewusste Auseinandersetzung mit weiblicher Autorinnenschaft aber bisher seltener, sowohl auf Social Media als auch im echten Leben – soweit zumindest unser Eindruck, bestätigt durch eine nicht-repräsentative Umfrage im Bekanntenkreis und einige Twitter-Diskussionen. Aber warum ist das eigentlich so? Schließlich bringen auch Bücher von Frauen viel Mehrwert. Oft, eben weil sie von Frauen geschrieben wurde. Es folgen daher Empfehlungen:

Nadja Schlüter empfiehlt „Der Ursprung der Welt“ von Liv Strömquist

Worum geht’s?

In ihrer Graphic Novel erzählt die schwedische Zeichnerin und Feministin sehr, sehr lustig, aber auch sehr, sehr lehrreich die Geschichte der weiblichen Sexualität. Oder noch genauer: der Vagina. Und der Vulva. Und wie die im Laufe der vergangenen Jahrhunderte, ja, sogar Jahrtausende erforscht, verstanden und vor allem: missverstanden wurden. Meistens von Männern, die immer die Deutungshoheit hatten, über alles, auch über den weibliche Körper.

Warum empfehle ich es meinen männlichen Freunden?

Erstens: Weil die meisten von ihnen bei einem Buch über das weibliche Geschlechtsorgan vermutlich instinktiv zurückzucken und sich denken: “Was geht mich das an?” Obwohl es sie einiges angeht – mindestens, wenn sie heterosexuell sind und Sex mit Frauen haben, aber auch ganz generell, weil sie (fast) alle durch eine Vagina in die Welt gepresst wurden. Zweitens: Weil es (wie immer, wenn es um die Geschichte der Frau geht) auch um Macht und die absurden Auswüchse des Patriarchats geht. Die erklärt Strömquist so, dass man sich eigentlich nur an den Kopf fassen und “Was haben wir uns nur dabei gedacht? Alles muss anders werden!” denken kann. Und das ist ja nicht der schlechteste Gedanke. Gerade für Männer.

Lara Thiede empfiehlt: „Sagte sie“, herausgegeben von Lina Muzur

Worum geht’s?

„Sagte sie“ ist eine Sammlung aus 17 Kurzgeschichten, in denen es um Sex, Liebe und Macht geht. Dabei stammen die einzelnen Geschichten von verschiedenen Autorinnen mit unterschiedlichen Schreibstilen und Erfahrungen. Sie schreiben von sexueller Gewalt, über psychischen Druck in Beziehungen und dem Gefühl, vom Partner im Stich gelassen sowie von anderen verurteilt zu werden.

Warum empfehle ich es meinen männlichen Freunden?

Weil viele Männer, ob sie nun feministisch denken wollen oder nicht, die #metoo-Debatte noch immer nicht verstehen. Sie wissen vielleicht, dass sie wichtig ist – und theoretisch auch, warum. Aber sie erahnen oft nicht, wo sexuelle Belästigung für Frauen anfängt, wie sie sich für Betroffene anfühlt, ab wann und inwiefern Übergriffe und Missverhältnisse echten Schaden bei betroffenen Frauen anrichten. Und genau das erklärt dieses Buch.

Hakan Tanriverdi empfiehlt: „Heimkehren“, von Yaa Gyasi

Worum gehts?

Yaa Gyasi hat einen Mehrgenerationenroman über das Erbe der Sklaverei geschrieben. Die Geschichte beginnt vor 250 Jahren mit den zwei Halbschwestern Effia und Esi. Beide kennen sich nicht und leben, ohne es zu wissen, in Cape Coast Castle in Ghana. Die eine ganz oben, die andere ganz unten. Während die eine den britischen Gouverneur heiratet, wird die andere versklavt. Pro Kapitel wird der nächste Ast des Stammbaums erzählt und nie die ganze Geschichte, sondern nur ein Ausschnitt, bis man am Ende im modernen Amerika ankommt. Flucht, Armut, Spiritualität, Gewalt, irgendwann dann Jazz, Drogen, Harlem, alleinerziehende Mütter und, am Ende, ein Junge, der in Stanford studiert.

Warum empfehle ich es meinen männlichen Freunden?

„Heimkehren“ zeigt sehr eindrücklich, dass Familiengeschichte ein Trauma sein kann, das sich von einer Generation in die nächste vererbt. Machtlosigkeit und Armut sind Konsequenz aus einer sich über Jahrhunderte ziehenden Ungerechtigkeit, der man kaum entrinnen kann. Wenn man seine Zukunft plant, dann nie allein aus der Gegenwart heraus, sondern immer vor dem Hintergrund dessen, wo man herkommt. Fand ich alles sehr toll beschrieben und beobachtet.

Charlotte Haunhorst empfiehlt „The Handmaid’s Tale” von Margaret Atwood

Worum geht’s?

Um eine Zukunft, in der eine fundamental-christliche Gruppierung in den USA die Macht übernommen hat. Und, wie immer wenn Menschen die Bibel 1:1 auslegen, haben Frauen in dieser Welt nix zu melden. Da aufgrund einer nicht weiter beschriebenen Nuklearkatastrophe fast alle Menschen steril sind, werden die wenigen, gebärfähigen Frauen als sogenannte „Mägde” in Familien aus dem Führungszirkel gehalten. Bedeutet, sie werden in einer pseudo-religiösen Zeremonie vergewaltigt und geschwängert. Die Ich-Erzählerin des Textes, Offred, erzählt ihre Geschichte als Magd im Rückblick.

Warum empfehle ich es meinen männlichen Freunden?

Weil es zeigt, wie fragil Machtstrukturen sind. In dem Buch sind die Frauen ganz unten. Aber es kann immer auch andere treffen – je nachdem, welche Ideologie gerade die Mehrheit hat. Abgesehen davon kann man sich als Mann nach dem Buch sehr viel besser vorstellen, was für Todesängste man oft als Frau ausstehen muss, einfach aufgrund der eigenen Biologie. Männer werden in dem Buch nämlich nicht vergewaltigt.

Quentin Lichtblau empfiehlt „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“ von Herta Müller

Worum geht’s?

Um eine rumäniendeutsche Familie, die in den Achtzigern auf eine Ausreise aus dem von Ceaușescu zugrunde gewirtschafteten Land wartet. Das ist allerdings nur der Rahmen. Es geht um politische Willkür, ein beklemmendes Dorfleben, um Orte, an denen die Zeit stillsteht und einen Apfelbaum, der seine eigenen Äpfel isst.

Warum empfehle ich es meinen männlichen Freunden?

Weil Herta Müller die absolut perfektesten Sätze schreibt. Mich haben Bandwurmsätze à la Thomas Mann immer fürchterlich genervt, bei Müller allerdings will man sie sich allesamt einrahmen. Kein Wort zu viel, jeder Vergleich, jedes Bild, ist brutal präzise und trotzdem mehrdeutig. Kann man fünf Mal lesen, mindestens. Frau-Mann-spezifisch lernt man außerdem, dass Frauen in von „starken“ Männern geführten autoritären Systemen immer zusätzlich zu leiden haben.

Sophie Aschenbrenner empfiehlt „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski  

Worum gehts?

Stokowski erzählt in diesem Buch, wie es ist, als Mädchen in Deutschland aufzuwachsen. In mehreren Kapiteln behandelt sie das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Erzählt davon, was es mit ihr machte, als sie das erste Mal auf dem Nachhauseweg sexuell belästigt wurde. Sie behandelt aber genauso, wie toxisch sich Mädchenzeitschriften auf das Selbstbild junger Frauen auswirken und wie schlecht der Aufklärungsunterricht an vielen Schulen immer noch ist.  

Warum empfehle ich es meinen männlichen Freunden?

“Untenrum frei” macht oft wütend. Daher schadet es sicher niemandem, es zu lesen. Das meiste von dem, was Stokowski schreibt, ist nicht neu, sie schreibt auch im Vorwort, dass es ihr nicht um ein Manifest geht. Trotzdem öffnet das Buch die Augen noch ein Stück weiter. Vor allem Frauen und sicher auch Männern, die sich trotz #metoo vielleicht noch nicht so intensiv mit all diesen Themen beschäftigt haben.

Anm. der Redaktion: Dieser Artikel erschien das erste Mal am 7. Februar 2019 und wurde anlässlich des Weltfrauentags am 8. März 2021 noch einmal ausgespielt.

  • teilen
  • schließen