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Welche Rituale wir aus anderen Ländern importieren sollten

Kleinigkeiten, die das Leben besser machen.
Aus der jetzt-Redaktion

Obwohl sie zum Teil gar nicht weit weg wohnen, machen die Menschen in anderen Ländern Europas manche Sachen anders. Oft sind es Kleinigkeiten - die aber einen großen Unterschied machen könnten. Manchmal fallen uns diese Dinge auf, im Urlaub oder wenn wir zum Studieren im Ausland sind. Und merken wir dann, dass es sich lohnt, sich solche Kleinigkeiten abzuschauen und in unser eigenes Leben zu integrieren. Ein paar davon haben wir hier gesammelt.

Gelernt in Irland: Generationenübergreifendes Trinken verbindet 

  • irland

Wenn man Urlaub in Irland macht, besteht ein nicht unwesentlicher Teil dieses Urlaubs aus Pub-Besuchen. Was mir dabei auffiel: In irischen Pubs gibt es keine Kluft zwischen den Menschen. Hier trinkt jeder mit jedem, jeder unterhält sich mit jedem an der Bar oder beim Rauchen vor der Tür: der Millionär mit dem Postboten, der Fischer mit dem Studenten, der 20-Jährige mit dem 70-Jährigen.

 

Bei uns hat jede Klasse und jede Altersstufe ihren eigenen Trink-Ort: Studentenbars, Kicker- oder Fußballkneipen, Gediegen-Cocktails-Schlürfen-Etablissements. In Irland dagegen gibt es für alle eine Anlaufstelle: den Pub.

 

Wenn man in diesem Land ein bisschen Zeit verbringt, hat man das Gefühl, dass das etwas ziemlich Wertvolles ist. Weil es die Menschen zusammenbringt und Vorurteile abbaut. Weil es inspiriert. Das könnten wir auch gut gebrauchen.

 

Christian Helten

 

  • polen
    Illustration: Katharina Bitzl

Gelernt in Griechenland: Auch mal für andere zahlen 

  • griechenland

Mitternacht, irgendwo auf einer griechischen Insel: Die Taverne macht

langsam dicht, an der langen Tafel sitzen drei mehr oder weniger

vollständige griechische Großfamilien und ein Deutscher (ich). Die Tafel

und mein Magen haben in den letzten vier Stunden so ziemlich alles

gesehen, was die Speisekarte hergibt: Wein, dann Meze, mehr Wein,

Souvlaki, Bifteki, Oktopus, ach, alle Land- und Meerestiere, dann Nachtisch, dann Raki, dann Gin-Tonic, dann wieder Souvlaki, dann wieder Wein. Mit dem letzten Ouzo kommt dann auch die Rechnung - und plötzlich wird es unruhig in der eben noch ziemlich fröhlichen Runde. Einer reißt dem anderen die  Rechnung aus der Hand, das gestenreiche Gezeter dazu verstehe ich nicht.

 

Aus Deutschland läuft das Rechnungbegleichen anders. Die Frage "Zahlen Sie getrennt?" setzt ein halbstündiges Prozedere in Gange, bei dem die Bedienung sich jedem einzelnen Gast widmen muss, damit jedes Ketchuptütchen auf den Cent genau abgerechnet ist. Denkt man zumindest. Am Ende sind dann nämlich auf der Rechnung noch mindestens vier Bier offen und man wundert sich, warum der Sitznachbar vorhin so schnell zum Bus musste.

 

Beantwortet man die Frage hingegen mit "Wir zahlen zusammen" werfen erstmal alle locker ein paar Scheine in die Mitte, nur um sich aus der Gesamtsumme dann wieder centgenau ihren Anteil zu herauszunehmen. Am Ende merkt man, dass man das Trinkgeld vergessen hat.

 

Auf der griechischen Insel frage ich die deutschsprechende Dame neben mir, was es mit dem Rechnung-aus-der-Hand reißen auf sich hat. "Die streiten sich, wer heute die Runde einlädt. Das ist jeden Abend dasselbe", antwortet sie.

 

Ich lade seit dieser Erfahrung zwar nicht immer alle meine Freunde ein. Aber ich versuche seitdem, die Großzügigkeit ein bisschen in meinen deutschen Alltag einzuimpfen.

 

Quentin Lichtblau 

Gelernt in Dänemark: Sich's auch mal in der Kälte gemütlich machen 

  • da nemark

Immer wieder heißt es in Studien, die Dänen seien die glücklichsten Menschen der Welt. Das ist erstaunlich, denn wir verbinden Glücklichsein doch eher mit Sonne, Strand und Meer. Die dänischen Winter sind aber bitterkalt und lang, der Frühling ist kalt und der Sommer kurz.

 

Trotzdem stecken die Dänen das schlechte Wetter besser weg als wir und sind insgesamt fröhlicher. Woran das liegt? Ich denke an der Einstellung. Selbst bei Minustemperaturen sind die Dänen immer draußen unterwegs. Auf den Straßen ist auch im Winter immer viel los. Egal ob es stürmt oder schneit, sie sitzen in Biergärten neben Heizstrahlern, eingewickelt in flauschige Decken trinken sie Kaffee. Sie versuchen stets das wenige Sonnenlicht aufzusaugen und machen es sich dabei auch draußen „hygge“ – das ist Dänisch und bedeutet so viel wie „es gemütlich haben“. Hygge, das bedeutet für für die Dänen nicht nur zu Hause Netflix zu gucken, sondern auch auf dem Rad durch die eisige Nacht zu jagen und sich bei einem Lagerfeuer zu betrinken. Oder ein paar Runden entspannt im Regen zu joggen und dabei Jack Johnson zu hören.

 

Die Dänen lassen sich von äußeren Umständen wie dem Wetter nicht so sehr beeinflussen und nehmen es gelassen. Denn das Wetter kann man sowieso nicht ändern. Man kann nur selbst entscheiden, wie sehr man sich davon einschränken lässt. Diese Einstellung würde uns gut tun. Wir wären nicht nur glücklicher, sondern hätten jetzt außerdem auch weniger Winterspeck.

 

Simone Grössing 

Gelernt in Tschechien: Das falsche Lächeln weglassen 

  • tschechien

Ein Lächeln ist in Tschechien kein Service, das der Kellner oder die Verkäuferin einem schuldig ist. Ein Lächeln ist kein Zoll an die Höflichkeit, keine Selbstverständlichkeit. Viele sprechen deshalb vom osteuropäischen Pokerface. Dabei verstecken Tschechen ihre Emotionen nicht. Im Gegenteil: Sie sind sehr ehrlich in ihrer Mimik. Warum sollte man auch lächeln, wenn es keinen triftigen Grund dafür gibt?

 

Im Umkehrschluss heißt es: Wenn dir jemand ein Grinsen schenkt, hast du es wirklich über die Schwelle seines Herzens geschafft. Und von da aus ist es bis zur Türschwelle seines Hauses nicht sehr weit. Schon klar, dass man da nicht jeden reinlassen will.

 

Die meisten deutschen Touristen verstehen das als allgemeine Grimmigkeit. Aber ich finde es schöner, wenn das Lächeln etwas Besonderes ist – und nicht einfach eine Gesichtsstandarteinstellung.

 

Wlada Kolosowa 

Gelernt in Polen: Leute nach Hause einladen, auch wenn man sie nicht gut kennt

  • polen
    Illustration: Katharina Bitzl

Ein Austausch in Breslau, deutsche Journalisten treffen auf polnische. Nach einem langen Tag frage ich meine polnische Nebensitzerin Kasia, ob wir noch etwas trinken wollen. „Klar“, sagt sie. „Ich habe noch Bier im Kühlschrank.“ Ich denke: Bei ihr zu Hause? Wir kennen uns doch kaum! Und: Ist sie so ordentlich, dass ihre Wohnung stets für unerwartete Gäste bereit ist?

 

Ist sie nicht. In Polen hat man einfach weniger Hemmungen, Menschen zu sich nach Hause einzuladen. In Kasias Flur trocknen Unterhosen, in der Küche stapelt sich Geschirr. Es ist trotzdem gemütlicher als in einer Bar. Man kann endlich die Schuhe weg kicken und einen Teekessel aufsetzen. Außerdem wird die Konversation schneller persönlich, weil man fragen kann: Wer ist dieser junge Mann auf dem Foto auf der Wand? Wow, ein Didgeridoo, kannst Du das spielen? In der Küche lernt man sich im Fast-Forward-Modus kennen. Man kann quatschen, ohne dass jede halbe Stunde ein Kellner vorbeikommt und fragt, ob man noch etwas bestellen will. Außerdem gibt es keine Ladenschlusszeiten.

 

Und spätestens nach dem zweiten Bier ist das viel wichtiger, als eine tiptop aufgeräumte Umgebung.

 

Wlada Kolosowa

 

Gelernt in Italien: Es geht nicht ums wie, sondern ums was 

  • italien

Im Frühling halte ich an einer kleinen Tankstelle zwischen Florenz und Livorno, der man von außen gar nicht ansieht, ob sie überhaupt geöffnet hat. Eigentlich will ich nur eine Flasche Wasser kaufen. Obwohl der Raum im Innern nur ein paar Quadratmeter groß ist, gibt es hier - wie überall in Italien-  eine Bar und hinter dem Tresen liegt Gebäck, von dem so mancher Bäcker in Deutschland nur träumen könnte. Auf einer Tafel wird verkündet, wie lange der Hefeteig schon geht, aus dem hier die Croissants gemacht werden. Man liest Wörter wie „Slow Food“ und „Mutterhefe“ und aus anfänglichem Durst wird eine kleine Mahlzeit.

 

Später esse ich in einem kleinen gekachelten Restaurant mit Plastiktischdecken unter Energiesparlampen. Niemals würde ich in Deutschland auf die Idee kommen, dass hier gut gekocht wird. Aber auf der eingeschweißten Speisekarte wird bei jeder Käsesorte die genaue Herkunft genannt und es wird auf jede nur denkbare Allergie eingegangen. Das Mineralwasser kostet zwei Euro und der Eistee kommt in Dosen. Das Ambiente könnte nicht einfacher sein und das Essen nicht besser.

 

Als ich am nächsten Tag durch die Stadt laufe, trinke ich einen Kaffee. Ein Euro, im Stehen, egal ob in Rom oder im kleinsten Bergdorf. Kein Mensch braucht Coffee to go, wenn er immer eine Bar in Reichweite hat und dort bei einer Tasse ein paar Sätze reden kann. Daran wird auch die erste Starbucks-Filiale Italiens nichts ändern, die gerade in Mailand eröffnet hat.

 

Zurück in München gehe ich zu einem neuen Italiener, der während meiner Abwesenheit in meiner Nachbarschaft eröffnet hat. Laut seinem Motto wird hier die „Pizza neu definiert“, das steht zumindest auf der Speisekarte, allerdings auf Englisch. Allein das Wasser kostet mehr als mein Hauptgericht in Italien und die „neue Definition“ ist auch eher Durchschnitt. Dafür ist der Laden aufpoliert bis unter die Kloschüssel. Die Tische antik, die Lampen modern, die Polster edel. Keine Frage, natürlich sitzt man gern in angenehmer Umgebung. Aber nur, wenn eben auch die Basis stimmt. Und so denke ich zurück an die vielen kleinen Bäckereien, Nudelmacher und Gemüsehändler und ihre Prioritäten. In einem Land, in dem man einfach nicht schlecht essen kann. Und wünsche mir, dass auch hier so mancher Gastronom endlich mal das „was“ über das „wie“ stellt.

 

Juri Gottschall 

 

 

Mehr zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten unter jungen Menschen in Europa findest du in unserem Schwerpunkt zur Studie Generation What.

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