„Na, gestern wieder etwas später gewesen?!“

Begegnungen mit Nachbar*innen sind ein Minenfeld. Jeder Fehltritt kann dauerhafte Konsequenzen haben. Wie gut, dass die Begrüßung schon zeigt, woran man ist.
Typologie von Raphael Weiss
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Freundlich, unangenehm, möglichst ignorieren – das Repertorie an Begrüßungen für die Menschen die dir zumindest örtlich am nächsten sind, sagt viel über euer Verhältnis aus.

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Corona-Zeit heißt Selbstisolation. Keine WG-Partys, keine Restaurantbesuche, keine Familientreffen. Die sozialen Kontakte sind auf ein Minimum beschränkt. Die einzigen Menschen, die man noch regelmäßig sieht, sind die eigenen Nachbar*innen. Doch auch diese Beziehungen sind fragile Gebilde. Ein Fehltritt und aus einem neutralen Verhältnis wird eine erbitterte Feindschaft. Umso wichtiger ist es, genau zu wissen, woran man bei seinem Gegenüber ist. Wie gut, dass schon die Begrüßung fast alles über euer Verhältnis aussagt.

Der Pedant

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Die Begrüßung: „Na, gestern wieder etwas später gewesen?!“

Das Verhältnis: Schon mit der Begrüßung will diese*r Nachbar*in zeigen, was ihr schon wieder falsch gemacht habt. Seit deinem ersten Fehltritt, an den du dich nicht mehr erinnern kannst, ist jeder Kontakt zwischen euch auf dem Gefrierpunkt. War es der Pizza-Karton, den du versehentlich in den Papiermüll geworfen hast? „Das ist nämlich laut Müllverordnung im Restmüll zu entsorgen, da sich Rückstände von Käse und/oder Mehl im Karton befinden können.“ Waren es die Schuhe im Gang, die gegen die Brandschutzverordnung verstoßen? Die vergessene Kehrwoche? Jedenfalls war es eine Lappalie, die euer Verhältnis nachhaltig zerstört hat. Seitdem nutzt diese*r Nachbar*in jede Möglichkeit, um euch zu belehren, oder, wenn möglich direkt bei der Hausverwaltung zu verpfeifen. Kein Wunder also, dass du um jeden Preis versuchst, eine Aufeinandertreffen zu vermeiden. Wenn du gerade die Wohnung verlassen willst, schaust du erstmal durch den Türspion, ob du diese Person siehst und lauschst, ob Schritte im Treppenhaus zu hören sind. 

Die Verabschiedung: Von eurer Seite aus ist es gefakte Höflichkeit „Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag“ gefolgt von einer Reihe von heftigsten Beleidigungen, die ihr natürlich gerade so laut aussprecht, dass nur ihr sie hören könnt.

Die Nachbarschafts-Freundschaft 

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Die Begrüßung: Eine innige Umarmung und ein langgezogenes „Heeeeeey“.

Das Verhältnis: Alles begann mit der Frage nach Salz. Hollywoodreif. Ein*e Nachbar*in suchte nach der fehlenden Zutat für das Abendbrot und fand: eine*n Freund*in fürs Leben. Aus einer Notsituation wurden freundliche Begrüßungen, Gespräche und schließlich: Die erste Dinner-Einladung. Mittlerweile trefft ihr euch regelmäßig, redet über Nachbar*innen, die Arbeit, die Liebe. Ihr füttert Katzen und gießt Pflanzen, wenn die andere Person im Urlaub ist, nehmt Pakete an und helft beim Streichen. Nichts kann euch auseinanderbringen. Außer vielleicht eine Wasserrohrbruch und eine nicht-abgeschlossene Hausratversicherung.

Die Verabschiedung: Kommt immer seeeeeeehr spät am Abend und endet meistens mit einer Einladung zum Essen: „Nächstes Mal bin aber wirklich ich dran mit kochen!“ 

Die Gossip-Nachbarn:

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Die Begrüßung : Ein diebisches Funkeln in den Augen, ein schneller Blick über die Schulter und ein ganz kurzes Hallo, denn es gibt gerade Wichtigeres: den neuesten Tratsch. 

Das Verhältnis: „Haben Sie's gesehen, gestern beim Herrn Müller waren zehn Leute im Garten. Ja. Ernsthaft. Getrunken wurde und laut waren die, bis spät in die Nacht. Den Corona-Regeln entspricht das sicherlich nicht. Dabei müsste er’s doch besser wissen, der ist doch Arzt.“  Gespräche mit dieser Art von Nachbar*in sind so etwas wie die Tagesschau für den eigenen Wohnblock. Schwangerschaften, Baustellen, Mieterhöhungen, freie Wohnungen – alles, was von Bedeutung sein könnte, erfährt man von dieser Person. Sich mit ihr gutzustellen kann das eigene Leben erheblich verbessern.

Die Verabschiedung: Ein konspiratives Nicken. Sozusagen ein nonverbaler Vertrag, dass das alles unter euch bleibt – wobei ihr natürlich beide wisst, dass ihn keine*r von euch einhalten wird.

Die Smalltalk-Nachbar*innen:

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Die Begrüßung: Ein freundliches Hallo, ein Lächeln und ein ungelenkes „Wie machen wir das jetzt? Mit dem Ellbogen? Gut…“. - und schon ist man mittendrin im immergleichen, ermüdenden Gespräch über die neuesten Inzidenzwerte.

Das Verhältnis: Ihr wisst eigentlich kaum etwas voneinander. Weder was ihr arbeitet, wie eure Familiensituation ist, ihr seid euch nicht mal sicher, wie euer Gegenüber heißt. Aber wenn ihr euch im Supermarkt oder an der U-Bahnhaltestelle seht, tauscht ihr kurz Nettig- und Belanglosigkeiten aus, bis dein Gegenüber plötzlich anfängt, über die „Politik-Clowns” zu schimpfen und der Eingangsbereich des Treppenhauses sich in sein*ihr Anne-Will-Studio verwandelt. Die Gäste und Moderation übernimmt er*sie gleichermaßen.  Eine uninformierte Mischung aus Facebook-Teasern und BILD-Schlagzeilen, der man einfach nicht entkommen kann. Gegenargumente sind zwecklos, denn mit einem eloquenten: „Ach hör' mir auf!“ wird jeder Einwand einfach beiseite gewischt.

Die Verabschiedung: Kann schon mal etwas länger dauern. „Ja... Also dann… Also… Ich… Ja. Ich muss dann mal, ge. Ja, genau. Mhm. Ja. Eben.“ Bis dir irgendeine Notlüge einfällt und der wichtige, imaginäre Zahnarzt-Termin leider keine Sekunde länger warten kann.

Der Nachbar, dem man sich nie vorgestellt hat

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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Die Begrüßung: Ein Kopfnicken. Die Augen werden dabei kurz geschlossen, um zu signalisieren: Ich bin keine Gefahr. Doch am Allerwichtigsten bei der Begrüßung: Lippen zusammenkneifen, um die Situation noch akwarder zu machen. 

Das Verhältnis: Es gibt diese Momente, denen man ein Leben lang nachtrauert. Die verpasste Jobmöglichkeit, weil man im Bewerbungsgespräch plötzlich die dümmste Antwort seines Lebens gegeben hat, die Schwärmerei, der man nie getraut hat zu sagen, wie man sich fühlt und eben diese*r Nachbar*in. Bei deinem Einzug hast du es nicht für nötig befunden, einmal an den Türen aller Nachbar*innen zu klingeln und zu sagen: „Hallo, ich wohne jetzt im zweiten Stock rechts“. Für die meisten war das überhaupt kein Problem und der erste Kontakt im Gang hat das Eis gebrochen. Aber nicht so bei dieser Person. Sie empfand diesen anonymen Einzug als unmöglich, sittenwidrig, ja, sogar als persönlichen Affront. Seitdem wird jede Begegnung im Hausflur von einer Mischung aus Misstrauen und Abneigung überschattet.

Die Verabschiedung: Gibt es nicht. 

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