Schulen klären künftig besser über Depression auf

Vor allem dank ein paar bayerischer Abiturienten.
Von Raphael Weiss

Luca Zug  (der zweite von rechts) und seine Mitstreiter.

Foto:Raphael Weiss

Luca Zug geht im Vorraum eines Sitzungssaals im Bayerischen Landtag nervös auf und ab. Gleich wird er im Bildungsausschuss eine Rede halten. Über Depression, über die Bedeutung einer umfassenden Aufklärung an Schulen. Darüber, dass Suizid die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen ist. Gleich nämlich wird im Ausschuss über die Petition abgestimmt werden, die er mit ins Leben gerufen hat und die bereits über 40 000 Menschen unterschrieben haben. Seit anderthalb Jahren hat der 18-Jährige auf diesen Moment hingearbeitet. Vor zwei Tagen hat Luca seine letzte Abiturprüfung geschrieben. „Viel Zeit für die Vorbereitung der Rede blieb nicht. Es war auf jeden Fall anstrengend”, sagt er. Er wartet auf seine Mitstreiter, allesamt Schüler. Dann gehen sie zusammen in den Saal.

Die Gruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Thema Depression bei Schülern ins Bewusstsein zu bringen und möchte, dass auch an der Schule darüber aufgeklärt wird. Psychische Erkrankungen sollen Teil des Lehrplans und die Versorgung erkrankter Schüler verbessert werden. Alles begann mit dem Dokudrama, das die Schüler mit ihrem Filmprojekt MovieJam Studios gedreht haben: „Grau ist keine Farbe” heißt der Film, der sich mit Depression von Jugendlichen beschäftigt und Anfang April im Münchner Mathäser Filmpalast seine Premiere feierte.

„Es gibt in dieser Hinsicht so viel Leid in unserer Klasse und an unserer Schule. Und niemand achtet darauf. Die meisten fühlen sich einfach nur im Stich gelassen“, sagt Alexander Spöri, einer der Hauptverantwortlichen bei MovieJam. Im Februar reichten sie die Petition beim Kultusministerium ein. „Wir haben uns in den vergangenen Monaten immer wieder mit Parteien getroffen, haben mit Politikern gesprochen und unsere Sicht erläutert”, sagt Luca. „Die meisten waren eigentlich auch unserer Meinung. Nur die CSU und die AfD haben sich nicht mit uns getroffen.”

Wenige Tage vor der Abstimmung hat der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) einen Zehn-Punkte-Plan veröffentlicht, wie in Zukunft an bayerischen Schulen besser mit dem Thema Depression umgegangen werden soll. Ein erster großer Erfolg für das Schülerkollektiv. Doch der Plan geht ihnen nicht weit genug, ist in ihren Augen nicht verbindlich, nicht konkret. Sie hoffen, dass durch die Abstimmung nun weiter Druck auf die Regierung ausgeübt wird.

Maximilian Deisenhofer von den Grünen trägt das Anliegen der Petition vor, lobt die Umsetzung und das Engagement der Jugendlichen, weist auf die Wichtigkeit des Themas hin und schließt mit dem Appell, für eine Würdigung der Petition abzustimmen. Eine Würdigung bedeutet, dass das zuständige Ministerium den Fall weiter prüfen sollte und dass vieles dafür spricht, die Petition umzusetzen. Dieses Ergebnis wäre ein großer Erfolg, doch Luca und seine Kollegen haben die Befürchtung, dass die CSU und die Freien Wähler diese Einschätzung nicht teilen, dass sie sich stattdessen für „Material” aussprechen, eine deutlich schwächere Handlungsempfehlung. Doch überraschenderweise teilt nun auch die CSU die Einschätzung und setzt sich ebenfalls für eine Würdigung ein – mit dem Zusatz, dass das Kultusministerium sich diesem Thema noch vor der Sommerpause annehmen solle.

Dann darf Luca sprechen. Er steht auf, beginnt seine Rede. „Sehr geehrte Damen und Herren, einer von zehn Schülern leidet an Depression. Das heißt zwei von den hier…”, doch er wird von Eva Gottstein (FW), der stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses unterbrochen. Luca solle sich nur an die Informationen halten, keine emotionale Ansprache. Außerdem habe er nur drei Minuten Redezeit. Er muss improvisieren, macht das Beste daraus, viele Punkte kann er aber nicht ansprechen.

„Es ist wichtig, genau jetzt etwas zu tun“

Insgesamt eine Stunde spricht der Ausschuss über das Thema. Alle, die zu Wort kommen, betonen die Wichtigkeit der Petition. Das Thema Depression soll in den Lehrplan eingebunden, Lehrer*innen besser aus- und fortgebildet werden und Schulpsycholog*innen mehr Zeit zur Verfügung haben. Die Schüler hätten einen wunden Punkt im System aufgedeckt, sagt FDP-Politiker Matthias Fischbach. Am Ende der Diskussion wird abgestimmt. Einstimmig beschließt der Ausschuss die Würdigung der Petition.

Als Luca den Sitzungssaal verlässt, grinst er, ballt jubelnd die Faust und geht zu den 18 Mitschüler*innen und Freund*innen, die mitgekommen waren. „Wir sind sehr zufrieden. Es ist wichtig, genau jetzt etwas zu tun. Die Regierung ist durch dieses Ergebnis zwar nicht gezwungen, das Thema sofort in den Lehrplan einzubauen. Aber sie wird nur sehr schwer drum herum kommen.” Die Freien Wähler hätten jedenfalls angekündigt, dass sie weiterhin mit der Schülergruppe zusammenarbeiten möchten.

Für Luca geht es jetzt aber erstmal zurück ans Lernen. In elf Tagen steht die mündliche Abiturprüfung an, in Zukunft möchte er Politikwissenschaften studieren. „Aber als allererstes mache ich jetzt ein bisschen Pause”, sagt er.